Why Are Artists Poor?. The Exceptional Economy of the Arts

Hans Abbing


"Prestige reicht nicht"

Der holländische Künstler und Ökonom Hans Abbing
fragt sich, warum die meisten Künstler nicht von ihrer Arbeit leben
können. Ein Gespräch über Sinn und Unsinn von Subventionen,
symbolische und materielle Werte.

Letzte Woche fand in Wien die 4. Internationale Konferenz zu
Kulturpolitikforschung statt. An die vierhundert Soziologen,
Politikwissenschaftler, Urbanisten, Kulturschaffende und-beamte kamen
zusammen, um in Workshops ein weites Feld zu beackern. Einer der
Eröffnungsredner der Konferenz war der Niederländer Hans Abbing, der
durch sein Buch "Why Are Artists Poor?" (2002) bekannt wurde. Der
Falter sprach mit einem Mann, der aus eigener Erfahrung weiß, wovon
er spricht: Vor seiner Lehrtätigkeit an der Rotterdamer
Erasmus-Universität war der 60-jährige Professor für Kunstsoziologie
selbst als freischaffender Künstler tätig.

Falter: In Ihrem Buch treten Sie als gespaltene Persönlichkeit
auf: Da heißt es abwechselnd "als Künstler glaube ich" und "als
Ökonom muss ich erkennen". Siegt am Ende der Wissenschaftler in
Ihnen?

Hans Abbing: Ja, der Ökonom gewinnt tendenziell die Oberhand. Das
heißt aber nicht, dass ich meinen künstlerischen Glauben aufgebe, der
gehört zu meinem Habitus. Fühlen und Denken, Glauben und Handeln sind
ja zwei unterschiedliche Sachen.

Korrigiert der Ökonom nicht die Glaubenssätze des Künstleregos?

Es gibt da einen Dualismus. Natürlich blicke ich anders auf mich
und meine Kollegen. Aber manchmal erwische ich mich noch immer bei
der alten, romantischen Vorstellung: "Vielleicht schaffe ich es, wenn
ich achtzig bin."

Sie kritisieren das mangelnde Wissen der Künstler über ihren
Beruf. Inwieweit sind künstlerische Karrieren strategisch planbar?
Und würde bessere Information das Verhalten von Künstlern verändern?

Nicht nur Information, sondern das ganze Rundherum. Zum Beispiel
haben sich die Strategien niederländischer Künstler stark geändert.
In Holland gab es früher sehr großzügige Förderungen, die die
Künstler faul machten. Sie konzentrierten sich nur mehr auf ihre
Arbeit und auf nichts mehr sonst. Dann wurde dieses Fördersystem
geändert, es ist jetzt zeitlich begrenzt und man bekommt eine Menge
Informationen, was man als Künstler selbst unternehmerisch tun kann -
sogar Infos über alternative, kunstverwandte Jobs.

Der Künstler wurde zuletzt oft als Pionier oder Rollenmodell für
die New Economy dargestellt: selbstständig, hohe Risikobereitschaft,
Unabhängigkeit und Individualität als oberste Ziele. Korrespondiert
der Künstler wirklich so perfekt mit diesem Wandel der Arbeitswelt?

Er passt hinein und er wird angespornt, weil er erkennt, dass er
nicht allein und nicht mehr so außergewöhnlich ist. Aber er bleibt
die Ausnahme, vor allem durch seine Bereitschaft, über Jahre
unentgeltlich oder für ein niedriges Einkommen zu produzieren.
Künstler investieren auf lange Sicht - vielleicht zahlt es sich
irgendwann aus.

Die provokanteste These Ihres Buchs lautet, dass Subventionen
nicht die Armut der Künstler verringern, sondern nur noch mehr
Künstler hervorbringen.

Ja, ich bin der Meinung, wir sollten damit aufhören, Individuen zu
fördern. Die hohen staatlichen Subventionen in Holland bedeuteten ein
Signal, dass man eine Art von Perspektive hatte, wenn man eine
Kunstschule besuchte. So gab es immer mehr Studenten. Sobald dieses
Programm beendet wurde, gingen die Studentenzahlen hinunter. Unser
Fördersystem sollte stärker auf Strukturen zielen: mehr Kommissionen,
mehr Geld an Kunstschulen, um Kunstforschungsprojekte zu finanzieren,
Ausweitung des Sozialversicherungssystems.

Aber steckt dahinter nicht die Ideologie des freien Markts, dass
am Ende alles durch Angebot und Nachfrage reguliert werden kann?

Es gibt auch einen Förderungsmarkt und der beeinflusst den
Zustrom. Als Holland so viel Geld in die bildende Kunst steckte,
hatte es prozentuell mehr Künstler als die meisten anderen Länder,
und das Niveau der Kunst ging runter. Von dieser Armee von Künstlern
konnte niemand ausstellen, weil es keinen Markt gab. Alles landete in
staatlichen Depots. Das war auch eine psychologische Armut, nicht nur
eine finanzielle.

Das erinert fast an die staatliche Kunstförderung in Osteuropa.

Innovation ist in so einem System Mangelware. Man kann zu viel
Konkurrenzkampf haben oder zu wenig. Die Regierungen tragen da eine
Verantwortung wie gegenüber der Industrie.

Oft werden staatliche Förderungen als Voraussetzung für Vielfalt
und für kritische Kunst angeführt.

Die Möglichkeit dieser kritischen Hervorbringungen besteht, aber
generell geschieht das nicht. Vergessen Sie nicht, dass 95 Prozent
der staatlichen Förderungen in große Unternehmen wie die Oper
fließen, die kein bisschen innovativ sind. Wenn Leute für höhere
Kulturbudgets auf die Straße gehen, dann besteht der Effekt
hauptsächlich darin, dass sie diesen großen Kulturunternehmen helfen.
Staatliches Geld kann wichtig sein, aber wir müssen es von diesen
elitären Kulturkonsuminstitutionen zu neuen Formen verlagern, wo
andere Schichten dazukommen.

Wodurch profitieren Regierungen von ihrer Kunstförderung?

Sie bekommen für das Geld im Gegenzug Dienstleistungen und
Prestige. Das ist ein natürlicher Austausch - warum nicht? Aber es
regt keine innovative Kunst an. Erneuerung ist mehr eine Frage eines
kulturellen Klimas, wie es in etwa in New York herrscht.

Sehen Sie Vorteile im US-amerikanischen System der indirekten
Kunstförderung durch Steuererleichterungen und Abschreibbarkeit?

Ich bin gegen diese Form der Subventionierung. Ich halte sie für
sehr schlecht. Dabei werden öffentliche Gelder zu reichen Leuten
verschoben, die dann für uns Fördermittel ausgeben. Weil Regierungen
deren Geschmack vertrauen, entscheidet ein winziges Segment der
Gesellschaft, was gekauft werden soll. Mit Unternehmen ist es ein
bisschen anders, weil die immer noch Verantwortung gegenüber den
Teilhabern tragen.

Was halten sie von Förderung der "creative industries", die
Unterstützung etwa der Mode-oder Designbranche?

Zeitweise kann das funktionieren. Es kann diesen Bereichen
Prestige verleihen und dadurch die Interessen der Eliten wecken. Aber
ich glaube nicht, dass man dafür große Budgets braucht. Effektiv
wären etwa Preise. Es geht vor allem um die Demonstration, dass diese
Leute für unsere Kultur und unsere Gesellschaft wichtig sind.

Staatliche Kunstförderung basiert auch auf dem Argument der
Volksbildung. Glauben Sie, dass jeder Hochkultur braucht?

Wenn man ein professioneller Künstler sein will, dann muss man den
historischen Kanon kennen. Aber um ein gutes Leben zu führen - ich
weiß nicht. Man braucht Unterhaltung, und für viele Leute ist
Hochkultur Unterhaltung. Die kann man aber auch im Sport oder in
Disneyland finden.

Kann Kultur zu einem Mittel der Unterdrückung werden?

Hochkultur wird bis heute auch verwendet, um andere
auszuschließen, um Unterscheidungen und Abgrenzungen vorzunehmen. Das
hat sehr viel mit dem Status unterschiedlicher Kunstformen zu tun.
Wenn man nur der alten Kunst Ansehen verleiht, wie es etwa Städte wie
Wien tun, dann findet keine Berücksichtigung anderer sozialer Gruppen
statt.

Die sozialen Hierarchien werden dann durch Kultur zementiert
anstatt gelockert.

In Ländern wie Holland oder Österreich, wo die
Einkommensunterschiede nicht so gravierend wie in Frankreich oder den
USA sind und die unteren Schichten und Immigranten besser behandelt
werden, existiert kulturell eine weniger gleichwertige Lösung. Die
Verteilung von kulturellem Respekt ist ungerechter als in Amerika.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel der Kulturkonsum von Staatsvertretern. Wenn
Präsidenten und Kanzler immer nur in der Oper oder im Theater zu
sehen sind, dann signalisiert das den Leuten, dass diese
Kulturprodukte am wichtigsten sind. Dabei könnte man komplett andere
Botschaften geben. Ich kenne einen Minister, der Popmusik liebt, aber
er würde das nie öffentlich zugeben. Bis hinein in die Regierung gibt
es also kulturelle Vorlieben, die man verstecken muss, weil sie kein
Prestige haben oder die falsche Botschaft vermitteln.

Künstler zeichnen sich durch ihr hohes symbolisches Kapital aus.
Schwindet die Befriedigung über dieses Berufsprestige bei
ausbleibendem finanziellem Erfolg?

Symbolisches Kapital und ökonomisches Kapital haben generell die
Tendenz, im Lauf der Jahre zu konvergieren. Prestige allein reicht
sicher nicht für das ganze Leben. Aber es hilft vielen Künstlern,
zehn bis fünfzehn Jahre von wenig leben zu können. Etliche, die die
Kunst verlassen, bekommen interessante Jobs, wenn auch nicht gut
bezahlte. Das heißt, sie können ein bisschen von dem symbolischen
Kapital in ökonomisches umwandeln.

Sie schreiben, dass Kunst immer noch als heilig gilt. Dabei haben
sich die Grenzen zu anderen Bereichen stark gelockert. Welche
Mechanismen halten Kunst auf dem Podest?

Eine weniger romantische Haltung zur Kunst gewinnt nur langsam an
Boden. Künstler werden in Blockbusterausstellungen weiter als Genies
verkauft. In der Popmusik mag es zwar nicht um Genies gehen, aber es
sind dieselben Mechanismen: Wir idealisieren die Stars, wenn auch
etwas anders als Van Gogh oder Rembrandt. Das Bedürfnis nach Helden
und Eskapismus ist immer noch sehr präsent. Ich würde mich
wahrscheinlich auch zu einem Star machen lassen, denn das gehört zu
meinem künstlerischen Habitus. Mit meinen Forschungen möchte ich
entmystifizieren, aber ich werde es nicht schaffen, es kann nur
allmähliche Verschiebungen geben. Wir leben immer noch in einem
romantischen Zeitalter.

Nicole Scheyerer in FALTER 29/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×