Heimat. Lügen. Literatur.. Texte zur gegenwärtigen Befindlichkeit

Peter Huemer


Österreich, unerlöst

Der Journalist Peter Huemer, bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen, legt "Texte zur gegenwärtigen Befindlichkeit" vor.

Peter Huemer, dieser Tage 65, ist seit vier Jahren vom ORF pensioniert. Die Anstalt trachtete, einen ihrer bekanntesten Mitarbeiter gegen dessen Willen zum frühestmöglichen Termin loszuwerden. Einerseits war diese Entscheidung verständlich, denn die Anstalt will Ruhe, und Peter Huemer ist kein besonders Bequemer. Er sagt, was er sich denkt, und engagiert sich auch noch für das, was er als richtig erachtet. Andererseits war die Entscheidung der Anstalt komplett verrückt, denn erst Unruhestifter vom Schlage Huemers geben Anstalten wie dem ORF deren Daseinsberechtigung.

Huemer leitete zehn Jahre lang (1977 bis 1987) den "Club 2", jenes Sendeformat, das zu gesellschaftlich wichtigen Themen ein vernünftiges öffentliches Gespräch zusammenbrachte. Wie ein Schatten aus einer anderen Vergangenheit liegt diese Sendung über dem heutigen Brabbelfunk, der weniger die Sorge hat, wichtige Themen spannend diskutieren zu lassen, als die Sorge, es der Regierung recht zu machen.

Als der "Club 2" eingestellt wurde, ging Huemer zum Hörfunk und moderierte dort eine Gesprächssendung, die ebenfalls zu einem Markenzeichen des ORF wurde: "Im Gespräch". Der ORF, nicht gerade für seinen Überfluss an erstklassigen Gesprächsleitern bekannt, schickte den unbequemen Intellektuellen Huemer ins Off und hielt (und hält und hält) zugleich den lähmenden Sportreporter Robert Seeger im Amt, obwohl dieser die Alters-und vor allem die Zumutbarkeitsgrenze längst überschritten hat.

Der studierte Historiker Huemer ist kein rabiater Linker. Im Gegenteil. Er ist, was man früher einmal einen engagierten Bürger genannt hätte. Er ist ein Citoyen. Huemer engagierte sich bei SOS-Mitmensch und organisierte das Lichtermeer mit, er ist noch immer als Diskussionsleiter gesucht (zum Beispiel der von Arbeiterkammer und Falter veranstalteten Reihe "Stadtgespräch") und er publiziert Kommentare, regelmäßig in der Kleinen Zeitung, im Standard, im Spectrum der Presse, auch im Jüdischen Echo. Der vorliegende Band versammelt solche Texte, längere Essays und kürzere Glossen.

Huemer schreibt witzig, pointiert und österreichisch, das heißt, leidend an Österreich. Aber auf erträgliche Art, weder forciert selbstironisch noch wehleidig. Die Klammer seiner Reflexionen bildet - naturgemäß, möchte man sagen - der ORF: Ein berührender Essay über sein Vorbild Claus Gatterer (auch einer, dem der ORF die Sendung abdrehte) leitet das Buch ein, der Aufruf, die Initiative www.sos-orf.at zu unterschreiben, schließt es ab. Deren Sprecher heißt übrigens, wenig überraschend, Peter Huemer.

Huemer differenziert Österreich. Er erklärt zum Beispiel, warum es noch immer zwei Einschätzungen von Austrofaschismus gibt, warum ein Haus der Geschichte deshalb schwer möglich ist und warum die Appelle, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, Blödsinn sind. Huemer zeichnet, ohne den Humor zu verlieren, ein Bild eines Österreichs, in dem es schwer ist, Patriot zu sein: "Es hat den alten Dreck wieder nach oben gespült und es wird damit Politik gemacht." Und dennoch will er nicht vergessen, dass für ihn als Kind ",Österreich' ein Zauberwort war". Die österreichische Befindlichkeit: unerlöst. Wer sie und sich besser verstehen will, sollte Huemer lesen.

Armin Thurnher in FALTER 28/2006



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