Die Haut

Ralph Jentsch, Thomas Steinfeld, Curzio Malaparte


Die Moral des Verlierens

Machoästhetik auf ihrem Höhepunkt: Curzio Malapartes Roman "Die Haut" von 1949 liegt in einer Neuübersetzung vor.

Er hieß eigentlich Kurt Erwin Suckert und hatte einen deutschen Vater. Darüber, wie der Autor zu seinem Pseudonym Curzio Malaparte kam, gibt es eine Anekdote, die zum Nettesten gehört, was sich über den martialischen Mann sagen lässt. Auf die Frage, warum er sich denn nicht Bonaparte genannt habe, soll er geantwortet haben: "Weil dieser Name schon vergeben war."

Berühmt ist das Haus, das sich Curzio Malaparte (1898-1957) Ende der Dreißigerjahre auf Capri bauen ließ. In Jean-Luc Godards Film "Die Verachtung" räkelt sich Brigitte Bardot auf der offenen Terrasse, zu der (ähnlich wie zu Wiens neuer Hauptbücherei am Gürtel) eine breite Treppenfront führt. Einige Jahre vorher soll Feldmarschall Rommel in der Villa Malaparte zu Gast gewesen sein: Auf die Frage des Nazis, ob Malaparte das Haus selbst entworfen oder nur gekauft habe, meinte dieser, das Haus sei schon immer hier gestanden, er selbst habe nur die Landschaft rundherum geformt.

Während des Zweiten Weltkriegs verdiente Malaparte, der im Laufe seines Lebens ebenso glühender Faschist wie später ein Anhänger des Kommunismus war, sein Geld mit Frontberichten für den Corriere della Sera. Für sein Buch "Kaputt", das 1944 in Neapel erschien und innerhalb kürzester Zeit zu einem internationalen Millionenerfolg wurde, hat er diese Reportagen mit weiteren grausamen Details angereichert und mit einem stark anti-deutschen Grundton versehen.

Malapartes eigentliches Hauptwerk, der 1949 veröffentlichte Roman "Die Haut", hat ein anderes Angriffsziel. Nicht die Deutschen hat Malaparte hier im Visier, sondern die Amerikaner. Im Herbst 1943 landeten sie gemeinsam mit britischen Verbänden im Golf von Salerno, am 1. Oktober erreichten die ersten Truppen Neapel. In Malapartes Buch kommen die fremden Truppen wie eine Krankheit über die Stadt. Schon der erste Satz hält fest: "Es waren die Tage der ,Pest'." Anders als in Albert Camus' berühmtem Buch ist damit nicht eine metaphysische Pest gemeint, sondern die moralische Pest der allgemeinen Käuflichkeit.

Eines der anschaulichsten Bilder dafür bietet ein junges Mädchen, das allgemein "la vergine", also die Jungfrau, genannt wird. Der Erzähler begleitet einen amerikanischen Hauptmann in die Elendsgassen der Stadt, um sich das Schauspiel anzusehen. Vor der Tür eines heruntergekommenen Hauses stehen Soldaten Schlange, sie zahlen einen Dollar und treten ein. Dort liegt ein junges Mädchen mit gespreizten Beinen und entblößter Scham auf einem notdürftigen Lager. Der Mann neben ihr, vermutlich ihr Vater, preist sie an: "She is a virgin, you can touch!"

Die Amerikaner sieht Malaparte stets als Sieger und niemals als Befreier, und den von ihnen sorgsam gehüteten Gegensatz zwischen ihrer eigenen Moral und der Unmoral der Besiegten erkennt er nicht an. Einer reichen Dame aus Amerika erklärt der Erzähler des Buchs auf einer Abendgesellschaft geradeheraus, dass sich die amerikanischen Frauen, in eine solche Lage gebracht, um keinen Deut anders verhalten würden als die neapolitanischen.

Einer der Schlüsselsätze von Malapartes Buch fasst dessen Erkenntnis zusammen und verleiht dieser womöglich heutige Aktualität: Rein moralisch gesehen, so meint der Autor, sei es nämlich viel einfacher, einen Krieg zu verlieren als einen zu gewinnen. So unanfechtbar die Einsicht erscheint, so mühsam gestaltet sich zuweilen der Weg dorthin. Zum Missfallen des Lesers und der Leserin ist und bleibt Malaparte nämlich ein abgehobener Kriegsdandy: Unerträglich ist über Strecken der unverkennbare Stolz des Mannes, noch die größten Schrecken mit der Gloriole seines eigenen Dabeigewesenseins zu versehen und dann wieder ansatzlos in die Rolle des Salonlöwen zu wechseln.

Den Rezensenten erinnert die abgebrühte Machoästhetik weniger an die Heroen des italienischen Futurismus, bei denen Malaparte die eine oder andere Anregung nahm, sondern an die Art und Weise, in der ihm während des Zivildienstes ein Wiener Rettungsfahrer die Brutalität seiner Einsätze erklärte: Je mehr zerquetschte Leber auf der Straße liegt, desto mehr Anerkennung komme den Blaulichtfahrern dafür zu, die blutigen Stücke einzusammeln. Auch wenn die Sache irgendwie logisch klingt: Man wünschte doch, es verhielte sich umgekehrt.

Klaus Kastberger in FALTER 28/2006



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