Semmering Architektur / Die Südbahn. Ihre Kurorte und Hotels


Richter treten heute nicht nur im Fernsehen auf, sie schreiben auch Bücher, bevorzugt Gerichtssaaldramen. Zumindest von den Fakten sollten sie etwas verstehen, davon wollen wir ausgehen. Gianrico Carofiglios Gerichtskrimi "Reise in die Nacht" ist in schlichtem Stil abgefasst. Der gute Mann verwurstete seine Erfahrungen mit dem Mikrokosmos der Justiz in bisher drei Romanen um Rechtsanwalt Guido Guerrieri. In Italien verkaufen sich seine Bücher gut, Carofiglio kann sich sogar über ein paar Preise und Fernsehverfilmungen freuen, jetzt gibt es den ersten Roman der Reihe auf Deutsch. Avvocato Guerrieri übernimmt den aussichtslos erscheinenden Fall eines Senegalesen, der von Polizei und Staatsanwalt sehr schnell als Kindsmörder identifiziert worden ist. Von Anfang an ist abzusehen, dass dieser Robin Hood des Rechtsstaates einen Freispruch erwirken wird, trotzdem bleibt lesenswert, wie er dies anstellt, wie er Zeugenaussagen erschüttert und moderne Überwachungsmethoden zum Vorteil seines Mandanten einsetzt. Leider versteift sich Carofiglio nebenher darauf, aus dem Privatleben des Anwalts zu erzählen, und da löst eine klischeehafte Episode die nächste ab. Entschließt man sich jedoch, nur die Kapitel zu lesen, die den Kriminalfall betreffen, geht das Buch als leidlich spannend durch.

In Detmold amtiert Andreas Hoppert, seine Krimis spielen im Anwaltsmilieu von Bielefeld - einer Stadt, die in Deutschland als nicht rasend interessant gilt. Mit den Romanen um Marc Hagen, der als vorbestrafter Jurist in einer heruntergekommenen Kanzlei arbeitet, lässt sich dieses Vorurteil aber nicht begründen. Dem Leser wird sofort klar, dass der viel zu feine neue Klient nur ein Alibi braucht. Zu welchen Mitteln dieser ehemalige Schachgroßmeister aber greift, um einen Freispruch zu erwirken, lässt Marc Hagen in der erbaulichen Schachnovelle "Zug um Zug" fast an seiner Arbeit verzweifeln. Als Laie im Spiel der Könige verpasst er beinah die entscheidende Rochade - und erreicht dennoch ein Matt. Den ausschlaggebenden Zug für die Verteidigung gibt überraschenderweise das deutsche Grundgesetz, Artikel 103.3, vor, und der existiert wirklich. Seine Auslegung freilich lag offenbar im Ermessen des Richters.Den Klöstern folgten die Kasernen, dann die Hotels. Das ist die historische Reihe großer Wohngebäude mit vielen Schlafzimmern. Im 19. Jahrhundert entstanden in touristischen Zentren im englischen Brighton, in Davos oder dem istrischen Opatija zahlreiche dieser monumentalen Bauten. Das aufwendig recherchierte Buch, erster Band der Reihe "Semmering Architektur", beschäftigt sich speziell mit den Grand Hotels, die in der Monarchie an den Routen der Südbahn gebaut wurden. Am Semmering haben sich das Hotel Südbahn und das Hotel Panhans erhalten. Als Beispiel einer gelungenen Neunutzung wird das ehemalige Grand Hotel Toblach im Südtiroler Pustertal vorgestellt, das in eine Bildungsstätte und eine Jugendherberge umfunktioniert wurde.

Matthias Dusini in FALTER 27/2006



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