Dream Worlds

Oliver Herwig, Florian Holzherr


"Es sind nur zwei Dinge schlecht am Alter: Das eine ist, dass das Gedächtnis verloren geht, und das zweite habe ich vergessen." Auf Eric R. Kandel trifft das Seniorenbonmot ganz und gar nicht zu, auch wenn sich der Neurobiologe theoretisch längst im pensionsfähigen Alter befindet. Praktisch leitet der 76-jährige Medizinnobelpreisträger weiterhin sein eigenes kleines Forschungszentrum an der Columbia University und ist der wahrscheinlich führende Gedächtnisforscher der Gegenwart. Seit kurzem gibt es noch einen weiteren Beweis für Kandels besondere Erinnerungs(forschungs)leistungen: seine in jeder Hinsicht beeindruckende Autobiografie "Auf der Suche nach dem Gedächtnis", in der er sich nicht nur ausführlich mit seinem wissenschaftlichen Werdegang beschäftigt, sondern in schonungsloser Detailgenauigkeit auch mit seiner Vertreibung aus Wien 1939 - und en passant die Geschichte der Hirnforschung rekapituliert. Sein deutscher Verlag ist dabei einerseits zu loben, weil er die Übersetzung zwei Monate vor dem englischen Original auf den Markt brachte. Für zahlreiche Flüchtigkeitsfehler muss aber auch ein wenig Tadel sein: So wurde aus Gerald Holton, dem Harvard-Wissenschaftshistoriker, Gerald Horton oder aus dem Protein CREB an anderer Stelle CPEB.

Rechtzeitig zum Freud-Jahr erschien noch ein zweites Buch des Neurobiologen, der eigentlich als Psychiater begann und als erster US-Vertreter auch dieses Fachs den Nobelpreis erhielt. Der noch etwas anspruchsvollere Sammelband "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes" enthält wichtige Aufsätze Kandels und fügt ihnen Kommentare von Fachwissenschaftlern an. Verblüffend ist dabei abermals, wie es dem Naturwissenschaftler Kandel gelingt, Brücken zu den Sozial-und Geisteswissenschaften und insbesondere zur Psychoanalyse zu schlagen, die für ihn nach wie vor "die kohärenteste und intellektuell am meisten zufrieden stellende Sicht" auf das psychische Geschehen bleibt.Träume von künstlichen Paradiesen - wer könnte sich ihnen entziehen? Am Anfang des Buches "Dream Worlds" steht Bruegels Gemälde "Schlaraffenland" von 1567, dann taucht man ein in die Geschichte der Unterhaltungsarchitektur, von Kristallpalästen bis zu gigantischen Shoppingcentern. Unter dem Stichwort "Architainment" wird an immer besseren Verführungsmethoden zum Konsum gearbeitet. Die ausführlichen Texte des Bandes führen in die gigantische Glaskuppel des Sony Center Berlin, die Sicherheitssiedlung "Celebration", zum Münchner Oktoberfest und dem Vergnügungspark auf Coney Island in New York. Natürlich dürfen Disney World und Las Vegas nicht fehlen, die aber von Palasthotels in Dubai und künstlichen Meeresschwimmbädern in Japan schon heftige Konkurrenz bekommen.

Nicole Scheyerer in FALTER 26/2006



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