Essenz der Anarchie. Die Parlamentarismuskritik des libertären Sozialismus

Gerhard Senft


Dumpfbacken verwirren

Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise sind kein Zufall, sagt Wirtschaftsprofessor Gerhard Senft. Sein Ratschlag für die roten Riesen: mehr Basisdemokratie - weniger Manager.

ánarchós - griechisch für "ohne Führer"

Diese ,Arbeiterbank' besteht vornehmlich dazu, das ihr von den Gewerkschaften geliehene Geld für rein kapitalistische Verzinsungs-und Kreditgeschäfte zu verwenden. (...) Es wird also das Geld des Proletariats, dessen Spargroschen, die Gewerkschaftskassen, dem mächtigen Finanzkapital ausgeliefert. (...) Und wofür werden all diese Gehälter und Spesen bezogen? Nicht, um der Arbeiterbewegung zu helfen, sondern um nur einen Geschäftsbetrieb mehr als Betätigungsfeld für führende Politiker zu haben." Diese Kritik des österreichischen Anarchisten Pierre Ramus an der "Arbeiterbank", dem Bawag-Vorläufer, stammt aus den 1920er-Jahren. Für den Wiener WU-Professor Gerhard Senft gibt die aktuelle Krise von Bawag und ÖGB den damals geäußerten Bedenken Recht. Sie bestätige zudem eine anarchistische Kernthese: Wo es zu Machtzusammenballungen an der Spitze von Organisationen kommt, werden diese Führer korrupt und verlieren das eigentliche Ziel aus den Augen. Senft (Jg. 1956) hat jüngst den Sammelband "Essenz der Anarchie" mit Schlüsseltexten anarchischer Denker herausgebracht. Im Buch zieht der Ökonom in der Wollweste, dem ein Polizist in den 1980er-Jahren bei einer Demonstration einen Hoden zerschmetterte, auch historische Bilanz: Rätesystem in der Pariser Kommune. Die autonomen Matrosen im russischen Kronstadt. Anarchistischer Widerstand gegen Franco. Basisdemokratische Kibbuzim in Israel. Die Geschichte kennt Beispiele für ein Zusammenleben der Menschen auch ohne Leithammel. Und anarchistisches Gedankengut könne Anregungen auch für die heutige Zeit geben, meint Senft. Für die Gewerkschaft jedenfalls hat er einen Tipp parat: die Manager rausschmeißen.

Falter: Sind Sie Anarchist?

Gerhard Senft: Ich habe mich immer als unorthodoxen Sozialisten begriffen.

Bei Ihrer Buchpräsentation war das Lokal bis auf den letzten Platz besetzt, auch andere prononciert linke Veranstaltungen erfreuen sich regen Interesses. Suchen Leute beim alten Anarchismus nach neuen Antworten?

Offen gesagt: Ich war erstaunt, dass so viele Leute gekommen sind. In den Siebziger-und Achtzigerjahren ist das Audimax der TU voll gewesen, wenn kleine anarchistische Studentengruppen etwas organisiert haben. Später hat sich der Zulauf massiv eingeschränkt. Jetzt zeigt sich offenbar wieder eine wachsende Nachfrage nach alternativen Lebensmodellen.

Wo ist Platz für anarchistisches Gedankengut in der heutigen Politik? Geht das ohne Revolution?

Die Anarchisten waren immer in einem ganz breiten Feld aktiv. Anarchistische Betätigung setzt nicht unbedingt eine Revolution voraus. Ich erinnere an den spanischen Reformpädagogen Francisco Ferrer, der mit der Vorstellung brach, dass man Heranwachsende am besten aufs Leben vorbereitet, indem man ihnen das Rückgrat bricht. Oder die amerikanischen Psychiater Paul Goodman und Frederik Pearls, die die Psychotherapie mit klarer emanzipatorischer Zielrichtung erneuert haben.

Wo lassen sich anarchistische Ideen heute verwirklichen?

Für mich als Universitätslehrer geht es weniger darum, eine konkrete Utopie zu propagieren. Ich versuche eher, für produktive Verwirrung zu sorgen und starre Gedankengebäude aufzubrechen. Etwa, dass der Markt immer Recht hat und wie ein Naturgesetz funktioniert. Klar kann man sagen, die Schwerkraft hat immer Recht. Wenn ich einen Gegenstand fallen lasse, fällt er. Aber es dabei bewenden lassen zu wollen, ist irgendwie eine Dumpfbackeneinstellung. Menschen haben sich seit jeher bemüht, die Schwerkraft zu überwinden.

Die SPÖ befindet sich aufgrund der Bawag und ÖGB-Affäre in einer schweren Krise. Wie kommt sie da heraus? Durch eine Positionierung weiter links vielleicht?

Die Sozialdemokratie hat eine sehr lange Geschichte. Von einer Partei mit revolutionären Konzepten hin zur staatstragenden, konservativen Kraft. Die Linken in der Partei wurden über die Jahre an den Rand gedrängt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Sozialdemokratie eine linke Wende schaffen will oder kann. Wahrscheinlicher ist, dass man versucht, durchzutauchen und nach bewährten Mustern weiterzumachen. Bisher wurde bei den Sozialdemokraten immer alles paternalistisch gelöst. Was es aber bedeutet, Machtzusammenballungen an der Spitze zu akzeptieren, sehen wir jetzt bei Bawag und Gewerkschaft. Nämlich, dass diese schamlos ausgenützt werden zum Schaden der Basis.

Sozialisierte Unternehmen haben in Österreich nicht wirklich eine Erfolgsgeschichte. Verstaatlichte Industrie, Konsum, Bawag ...

Man kann Freiheit als die gleiche Beteiligung aller an der Macht definieren. Wenn man von diesem Freiheitsbegriff ausgeht, heißt das, dass jeder Bürger in irgendeiner Weise auch an ökonomischer Macht beteiligt sein soll. Was die Effizienz sozialisierter Unternehmen angeht, muss man differenzieren. Der Konsumverein, gegründet 1853, hatte historisch seine Berechtigung. Man war damals in einer Situation der Knappheitsverhältnisse und hat erkannt, dass man für die im Konsum organisierte Arbeiterschaft billigere Nahrungsmittel beschaffen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine Vielzahl an Supermärkten entstand, hat sich diese Unternehmensform erübrigt.

Machen genossenschaftliche Unternehmen also nur in Zeiten der Knappheit Sinn?

Das vorher Gesagte stimmt nur für den Konsum. Die Bawag hat ihre eigene Entwicklung. Ihr Vorläufer war die Arbeiterbank. Schon bei deren Gründung 1922 haben sich Anarchisten dagegen gewehrt, dass die Gewerkschaft gewinnorientierte Unternehmen gründet. Das hat sich jetzt bestätigt. Weil man in ein Dilemma kommt. Man kann nicht in der Früh gegen Turbokapitalismus wettern und dann am Nachmittag Geschäftsabschlüsse im Bankenbereich tätigen, die dieser Politik zuwiderlaufen. Da wird man ja schizophren!

Wie könnte eine neue Gewerkschaft aussehen?

Es geht um die Frage, wie man künftige Machtzusammenballungen an der Spitze vermeidet. Wie sich eine Bewegung wie der ÖGB mit Demokratie durchfluten lässt und eine maximale Basisbeteiligung schafft. In den Betriebsräten der Unternehmen sitzt eine Unmenge von Idealisten, die sich mit höchstem Engagement für ihre Kollegen einsetzen. Von dort sollten die Funktionäre kommen. Ich halte es für völlig verfehlt, an die Gewerkschaftsspitze Manager zu setzen. Wo Manager am Werk sind, gibt es im Normalfall keine Demokratie.

Ein wesentlicher Punkt anarchistischer Positionen ist die Parlamentarismuskritik. Warum?

In den letzten Jahren hat es sehr viele Umbrüche im wirtschaftlichen und sozialen Bereich und im politischen System gegeben. Dabei zeigt sich, dass ein wichtiger Bereich von Umbrüchen völlig verschont geblieben ist: die repräsentative Demokratie. Österreich und Europa sind heute anders als vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren, aber in dem Bereich, wo die zentralen Weichen gestellt werden, tut sich nichts. Obwohl sich gerade dort die größten Defizite zeigen. Das, was man als Demokratiemüdigkeit bezeichnet, ist Folge dieser Entwicklung - ein Vertrauensverlust ins politische System. Wir sollten abgehen von der Idee, dass Demokratie eine Zuschauerdemokratie sein muss, wo Experten für uns die Dinge erledigen.

An Österreichs Stammtischen wird Anarchie immer mit steinewerfenden Vermummten gleichgesetzt. Ist der Anarchismus gewalttätig?

Chaos und Gewalt prägen das Bild, das die Gesellschaft vom Anarchismus hat. Das hat sicher mit gewissen Informationsdefiziten zu tun. Es gibt auch eine Gewaltschiene, beginnend mit individualistischen Attentaten auf verschiedene Exponenten von Herrscherhäusern im 19. Jahrhundert. Nur wird vernachlässigt, dass es auch eine große gewaltlose Strömung gibt, etwa repräsentiert durch den österreichischen Anarchisten Rudolf Grossmann, der unter dem Pseudonym Pierre Ramus bekannt geworden ist und das Konzept der sozialen Verteidigung ersonnen hat. Seit den Siebzigerjahren gibt es die Entwicklung der Autonomen. Der "Schwarze Block", der immer wieder in Fernsehbildern auftaucht, ist nicht mit den klassischen Anarchisten gleichzusetzen, aber es gibt Überschneidungen.

Ist Gewalt eine legitime politische Ausdrucksform?

Gewalt ist in modernen Gesellschaften permanent strukturell vorhanden. Sie wird sofort schlagend, sobald wir ein abweichendes Verhalten setzen. Versuchen Sie einmal, sich dem Arbeitsalltag zu verweigern. Dort, wo Gewalt von Autonomen ausgeübt wird, ist das als eine Art Gegengewalt einzuschätzen. Mein Problem ist halt, dass die Gewalt das Einzige ist, was medial wahrgenommen wird. Offenbar muss man steinewerfend oder brandschatzend durch die Gegend ziehen, um für die Medien zu existieren. Ich kann nur ermuntern, die Anarchistische Bibliothek in Wien oder Berlin aufzusuchen. Da kann man erkennen, was für eine riesige Bewegung das ist, mit einer Fülle bunter Ideen.

Matthias G. Bernhold in FALTER 25/2006



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