Einführung in die schöne Literatur

Péter Esterházy


Der heitere Melancholiker

Der Ungar Péter Esterházy war einer der bedeutendsten Vertreter der literarischen Postmoderne

Er entstammte einem alten ungarischen Adelsgeschlecht, das in Gestalt eines Barockschlosses (sowie einer Crèmetorte) auch hierzulande seine Spuren hinterlassen hat. Sein Großvater war noch Großgrundbesitzer und für kurze Zeit sogar ungarischer Ministerpräsident. 1948 wurden die Esterházys enteignet und in ein abgelegenes Dorf deportiert. Hier verbrachte der 1950 geborene Péter Esterházy seine ersten Lebensjahre, erst 1957 durfte die Familie zurück nach Budapest.
Der Niedergang des Geschlechts begann bereits mit der Revolution 1919. „Eure Exzellenz, ich würde es so sagen, bitte schön, die Kommunisten sind hier“, formuliert es der Diener in Esterházys über 900 Seiten starkem Familienroman „Harmonia Caelestis“ (2000; dt. 2001), einem seiner Hauptwerke. Just als er die Arbeit an dem Buch abgeschlossen hatte, erfuhr der Autor, dass sein Vater von den Kommunisten nicht nur unterdrückt worden war, sondern ihnen jahrelang als Spion gedient hatte. Er verfasste umgehend die zwischen Wut und Scham pendelnde Nachschrift „Verbesserte Ausgabe“ (2002; dt. 2003).

Im Gegensatz zu anderen adeligen Familien blieben die Esterházys in Ungarn. „Harmonia Caelestis“ schildert, wie sie auf den Verlust an Reichtum und Einfluss reagierten – mit einer Mischung aus Weltfremdheit, Arroganz und Humor. Dem Autor selbst, dem als Erbe allein die Familiengeschichte blieb, war eine heitere Melancholie zu eigen. In anekdotenhaften Splittern geht sein Buch zurück bis ins 17. Jahrhundert, „Nummerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterházy“ ist der erste große Teil der Chronik überschrieben. Die wechselnden Hauptfiguren werden vom Erzähler allesamt „mein Vater“ genannt, mal tritt dieser als Heerführer in Erscheinung, dann als Revolutionär, dann wieder als Koch.
Péter Esterházy, ein Mann von enzyklopädischem Wissen, liebte das Erzählen und verstand sich auf schwelgerische Schilderungen. Aber der studierte Mathematiker, der in den 1970ern einige Jahre in der EDV arbeitete, glaubte nicht daran, dass sich die Welt noch durch einfaches Erzählen abbilden ließe, und weigerte sich standhaft, sich möglichst verständlich und kurz auszudrücken, wie es heute im Literaturbetrieb wieder Usus ist.
In seinen Werken gibt es keine Chronologie und auch keine klar nachvollziehbare Handlung. Sie widersetzen sich konventionellen Ordnungssystemen, im Grunde kreisen seine Bücher um sich selbst, ohne Anfang und Ende. Esterházy war ein Meister darin, Ansätze von Geschichten gleich wieder zu unterbrechen, mittels Selbstreflexionen oder literaturtheoretischer Exkurse. Damit gehörte er zur literarischen Postmoderne, die Literatur – sowohl das Schreiben als auch das Lesen – als ein Spiel der Verweise und Zitate versteht.

Als besonders kunstvolles Beispiel dafür steht ein weiteres Hauptwerk, seine „Einführung in die schöne Literatur“ (1986; dt. 2006). Die textliche und visuelle Collage von monumentalem Ausmaß, eine Art Hypertext, gilt als Wendepunkt in der ungarischen Literatur, denn sie knüpfte da an, wo die Diktatur die Entwicklung der literarischen Moderne gestoppt hatte. In „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“ (1979; dt. 2010) wiederum persiflierte Esterházy virtuos die Literatur des sozialistischen Realismus mit ihrer Fixierung auf die Arbeitswelt.
Er fand in seiner Heimat durchaus auch Vorbilder. Mit dem Roman „Esti“ (2010; dt. 2013) erwies er seinem Landsmann Dezsö Kosztolányi (1885–1936) die Reverenz, dessen Romanfigur Kornél Esti als erster moderner Held der ungarischen Literatur gilt. Esti war aber auch der Spitzname, den Péter Esterházy von seinen Studienkollegen verpasst bekam. In seinem Roman behauptete er: „Kornél Esti – c’est moi.“ Und strich munter durch die Welt, Epochen, Stilebenen sowie die Plots anderer Romane.
Bei allem Hang zur Intertextualität und zur kunstvollen Anspielung unterschied sich seine Prosa entscheidend von jener anderer postmoderner Autoren, die ähnliche Literaturvorstellungen in eher akademische Prosa zwängten: Esterházy war auch ein erstklassiger Unterhalter. Man folgt seinem Schreiben gern in schwindelerregende Höhen und nimmt in Kauf, manchmal nur die Hälfte von dem mitzubekommen, was in einem Satz steckt. Seinen Texten kann mit detektivischem Spürsinn begegnet werden oder man lässt sich von der Fülle an Ideen und Bildern einfach mitreißen. So oder so macht es einen Riesenspaß, sich bei Esterházy über Niveau zu amüsieren.
Zuletzt hatte Esterházy wieder mit den Verhältnissen in Ungarn zu kämpfen. Ende 2012 kürzte das staatliche Radio einen Beitrag von ihm um genau einen Satz. In dem hatte er den Hörern geraten, noch schnell das Nationaltheater zu besuchen, bevor ein Orbán-loyaler Regisseur Intendant wird. Vergangene Woche verstarb Peter Esterházy mit 66 Jahren in Budapest. Im Mai erschien in Ungarn das „Bauchspeicheldrüsentagebuch“, in dem er über seine Erkrankung schrieb.

Sebastian Fasthuber in FALTER 29/2016



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