Huren für Gloria

William T. Vollmann, Thomas Melle


Hingehen, wo's weh tut

Der erfahrungshungrige William T. Vollmann hielt sich jahrelang im Rotlichtmilieu und in Kriegsgebieten auf und gilt heute als ambitioniertester Romancier seiner Generation.

Auf den ersten Blick könnte man den US-Schriftsteller William T. Vollmann für einen neuen American Psycho halten, so fixiert ist er auf die düstere Seite der menschlichen Existenz: Gewalt, Prostitution und Drogen sind die Hauptthemen fast aller seiner Bücher. Nur: Wo bei Kollegen wie Bret Easton Ellis Gewalt symptomatisch für die Leere einer Generation steht, sucht Vollmann nach Gründen und zeigt Sympathie für die Gefallenen.

"Ihr Stolz bestand erstens darin, dass sie fast jeden Schwanz hart kriegen konnte", heißt es in dem Roman "Huren für Gloria", "und zweitens, dass, wenn sie von Männern gefickt wurde, sie völlig still liegen und ihre Gedanken an andere Orte schweifen lassen konnte, sodass das Rasseln des trunkenen Atems vor ihrem Gesicht ihr gar nichts mehr ausmachte, jedenfalls nicht mehr als das Plätschern der Regentropfen auf dem Dach, wenn sie schlief."

"Mehr Rimbaud als Rambo", hat ein amerikanischer Kritiker Vollmanns Stil einmal nicht ganz untreffend charakterisiert; soll heißen: Auch wenn es hier immer wieder ordentlich zur Sache geht, gelingt es dem Autor - ähnlich wie seinem Landsmann Denis Johnson ("Jesus' Sohn") - aus dem Elend eine Art Poesie der Gosse zu erschaffen, ohne dabei in die Falle eines sozialpornografischen Voyeurismus zu tappen.

In "Huren für Gloria" lässt Vollmann den Leser zusammen mit dem Vietnamveteranen und Alkoholiker Jimmy durch das Tenderloin taumeln, den Straßenstrich San Franciscos. Jimmy gibt dort seine letzten Sozialhilfedollars für Huren und Fusel aus, dennoch hat er sich eine gewisse Würde bewahrt: Er tut das alles nicht nur aus niederen Instinkten, sondern ist auf der Suche nach seiner großen Liebe Gloria.

Wir lernen Jimmy in einer quasi-filmischen Eröffnungssequenz kennen. Zwei Zivilfahnder beobachten dort aus unterschiedlichen Blickwinkeln einen heruntergekommenen Mann, der seiner Frau schwört, dass bald alles gut werde. Nur funktioniert das Münztelefon, in das er spricht, schon seit Wochen nicht. Und in sein Lachen, mit dem er die Zelle verlässt, haben sich Tränen gemischt.

Jimmy hängt einer Verflossenen nach, die er wohl vor seinem Vietnameinsatz schwanger zurücklassen musste. Nun streift er durchs Milieu und setzt sich aus dem Sex, den Geschichten und den Haarsträhnen, die er von schwarzen und weißen, weiblichen und transsexuellen, durchwegs drogensüchtigen Prostituierten kauft, seine Gloria als heilige Hure neu zusammen. Kommentarlos hält Vollmann die Kamera auf das, was man gemeinhin den Rand der Gesellschaft nennt. Derbe realistische Schilderungen und traumartige Szenen vermischen sich an diesem selten besungenen Ort zu einer höchst eigentümlichen Poesie.

Ich habe versucht, so viele Erfahrungen wie nur möglich zu machen", meinte Vollmann, Jahrgang 1959, einmal in einem Interview. Nachdem er summa cum laude sein Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft abgeschlossen hatte, arbeitete er als Programmierer. Mangels einer eigenen Wohnung hielt er sich nachts im Büro versteckt und begann während dieser Zeit, seinen ersten Roman zu schreiben. Parallel dazu unternahm er lange Rotlichtausflüge und zahlreiche Expeditionen zu den Krisenherden des ganzen Globus. Von Afghanistan, wohin er 1978 reiste, bis zum Jugoslawien zur Zeit des Krieges: Als Reporter hat Vollmann kaum einen der größeren bewaffneten Konflikte ausgelassen. Hier holte er sich das Material für das Mammutwerk "Rising Up And Rising Down" (2003), eine 3300 Seiten starke Meditation über Gewalt, aber auch für seine Romane. Über die Gefahren, denen er sich immer wieder aussetzte, meinte er einmal lakonisch: "Es ist befreiend, sich seiner Sterblichkeit bewusst zu werden. Irgendwann muss man sowieso sterben. Warum soll man sich also Sorgen machen?"

In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Mann mit dem Aussehen eines freundlichen Serienmörders ein ausuferndes Werk vorgelegt, das jetzt schon über 10.000 Seiten umfasst und sich zwischen allen Stühlen und Stilen bewegt. Davon sind allerdings kaum 600 Seiten in deutscher Übersetzung zugänglich. Vor drei Jahren veröffentlichte der marebuchverlag das Kriegstagebuch "Afghanistan Picture Show", nun ist bei Suhrkamp "Huren für Gloria" in der brillanten Übersetzung von Thomas Melle erschienen. Beides sind ungewöhnlich kompakte Texte für einen Autor, der es sonst kaum unter 800 Seiten gibt und auch in seiner Heimat erst nach und nach ein Begriff wurde.

2005 erhielt Vollmann für seinen im Russland und Deutschland des Zweiten Weltkriegs spielenden Episodenroman "Europe Central" den prestigeträchtigen National Book Award. Eine deutsche Übersetzung bei Suhrkamp ist für den Herbst 2007 angepeilt. "Es gibt darüber hinaus noch keine konkreten Pläne mit Vollmann", meint Lektorin Katja Scholz zwar, aber erfahrungsgemäß nimmt Suhrkamp jemand nicht bloß für ein, zwei Bücher ins Programm.

Einstweilen muss man sich mit "Huren für Gloria" als Appetithappen begnügen, an dem man sich zuweilen allerdings auch verschlucken kann. Kaum ein anderer Autor legt seine Finger so präzise auf die offenen Wunden der Gegenwart wie William T. Vollmann: "Die Leute haben so stark verinnerlicht, dass Geld der wichtigste Wert ist, dass es ihnen nicht mehr auffällt. Eltern sagen ihren Kindern ständig, sie sollen sich gut verkaufen. Prostituierte dagegen finden sie furchtbar. Aber sie vergessen: Wir sind eine Kultur von Prostituierten."

Sebastian Fasthuber in FALTER 25/2006



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