Brokeback Mountain

Annie Proulx


Bände mit Erzählungen und Kurzgeschichten werden vor allem im deutschen Sprachraum ungern gelesen. Ein Rie-sen-feh-ler! Die "Wyoming Stories" von Annie Proulx, die nun im Windschatten des Filmerfolges unter dem Titel "Brokeback Mountain" als Taschenbuch neu aufgelegt wurden, konfrontieren Bewohner emotional und meteorologisch temperierter Landstriche mit einer harten Welt - "Wetter und Weite, sonst nicht viel" -, in der man schnell einmal erfroren, ertrunken, kastriert oder sonst wie zu Tode gebracht wird. Sporenschmiede, schwule Cowboys und sprechende Traktoren interessieren Sie nicht? Tun sie doch, jede Wette!

Aus gegebenem Anlass wird die Rubrik "Aufgeblättert" einmalig durch einige persönliche Empfehlungen bereits besprochener Bücher ersetzt, die erneut ans Herz der Leser zu legen der Literaturredakteur nicht lassen kann. Bereits vor einem Jahr hat der Zürcher Dörlemann Verlag den wunderbaren und todtraurigen Trinkerroman "Hangover Square" erstmals in deutscher Übersetzung herausgebracht und damit dem britischen Autor Patrick Hamilton (1904-1962) zu verdientem Nachruhm verholfen. Der nun nachgeschobene, 1947 im englischen Original erschienene Roman "Sklaven der Einsamkeit" steht seinem Vorgänger in nichts nach. Er schildert die Zeiten des Blitz in der englischen Provinz, wo sich in trüber Routine im Rosamund-Tearoom ein wahres Inferno an sozialen und amourösen Kleinkriegen entspinnt. Hamilton ist ein gnaden-, aber keineswegs mitleidloser Beobachter, der auch noch peripheren Figuren große Auftritte zugesteht: Die Beschreibung von Miss Steele auf Seite 30ff. etwa sei allen anthropologisierenden Apologeten des bösen Blicks als Remedium empfohlen.

Auch zur Entdeckung freigegeben ist Richard Yates (1926-1992), der mit "Elf Arten der Einamkeit" vor 44 Jahren ein Buch vorgelegt hat, dessen diskreter erzählerischer Intelligenz nach wie vor nur ganz, ganz wenige das Wasser reichen können: Geschichten, die sich mit der Institution der Schule, des Spitals, der Ehe oder des Militärs befassen und Herz und Hirn gleichermaßen beschäftigen.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2006



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