Als wir träumten

Clemens Meyer


Einer will gewinnen

Der Leipziger Clemens Meyer hat mit seinem Debüt "Als wir träumten" Street Credibility bewiesen und Furore gemacht. Nun will er beim Bachmann-Wettbewerb unbedingt einen Preis holen.

Clemens Meyer ist angeschlagen. Er hat sich am Vortag das WM-Spiel in Leipzig angesehen, Niederlande gegen Serbien-Montenegro, nicht im Stadion, aber auf einer Leinwand in Stadionnähe. Die gute Stimmung, die vielen Biere - das schlaucht. Er muss an diesem Montagmorgen erst einmal was essen und schlägt vor, das Gespräch gleich in einer Restauration der zweistöckigen Einkaufsmeile des Leipziger Hauptbahnhofs zu führen. Trotz seines Katers ist Meyer auskunftsfreudig: "Wenn ich abends getrunken habe, komm' ich am nächsten Tag immer ins Reden."

Clemens Meyer ist heuer im Frühjahr für seinen Debütroman "Als wir träumten" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden und dort einer der am heftigsten umjubelten jungen Schriftsteller gewesen - auch wenn das Rennen dann Ilija Trojanow gemacht hat. Die Frage, ob der Zeitpunkt seiner Teilnahme am Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt der richtige sei und seinen frischen Ruhm nicht gefährden könne, beantwortet Meyer klipp und klar: "Ich bin hundertprozentig überzeugt von meiner Geschichte, sonst würde ich nicht antreten. Außerdem: Ich habe überhaupt erst einen Literaturpreis gewonnen, vor fünf Jahren, jetzt will ich mal einen großen gewinnen, das sei mir doch vergönnt. Es ist nicht so, dass ich massenweise Bücher verkauft hätte. Ich brauche das Klagenfurt-Geld, und zwar jeden Pfennig, irgendeinen Preis muss ich da bekommen." Spricht's, beißt in sein Brötchen, beruhigt sich, schaut freundlich aus leicht geröteten Augen und ergänzt, als man sich erstaunt zeigt von so viel Preisfixiertheit: "Ich fahre da nicht hin, um nicht zu gewinnen!"

Einen Roman wie "Als wir träumten" hatte die Literaturkritik lange nicht gelesen - und das hat viel auch mit dem Milieu zu tun, in dem er angesiedelt ist. Meyer erzählt von einer Gruppe Heranwachsender im Leipzig der Achtziger-und frühen Neunzigerjahre, von Daniel, Walter, Mark, Rico und Stefan. Sie entstammen allesamt desolaten Elternhäusern, gehen zur Schule, begehen Einbrüche, knacken Autos, nehmen Drogen, schlagen sich mit Glatzen, Hooligans und Punks und pendeln zwischen ihrem Hometurf in Leipzig-Reudnitz und den Strafanstalten Zeithain, Torgau und Bautzen. Ein Leben hart an der Kante, weit weg von den gemütlichen Vororten und Szenevierteln, in denen die junge deutsche Literatur normal versucht, ihre Probleme mit Identitätsfindung und Älterwerden zu lösen. Ein Leben aber, in dem das Bewusstsein von Glück und die Hoffnung auf die Erfüllung des Traums immer als Tonspur mitlaufen.

"Als wir träumten" ist ein Wenderoman, der ohne Wende auskommt und nüchtern die Folgen des Umbruchs verhandelt. Meyer macht das nicht chronologisch, sondern schaltet pro Kapitel zeitlich vor und zurück, und er erzählt all das, als sei es gerade erst passiert. Der Ton wirkt ganz unmittelbar und verdankt sich doch ästhetischem Kalkül: "Ich saß seit 1999 an dem Roman, habe gekürzt, umgeschrieben, Wort für Wort bedacht. Das war knüppelharte Arbeit. Ich wusste lange, dass das ein Stoff für die Literatur ist, mir fehlte bloß die Form."

Offensichtlich ist, dass Meyer das Milieu, das er beschreibt, gut kennt. 1977 in Halle an der Saale geboren, wohnte er von Kindesbeinen an in dem Stadtteil, in dem auch seine Protagonisten aufwachsen, im Moment in einer Zwei-Zimmer-Parterre-Wohnung mit seinem elf Jahre alten Rottweiler. Keine ideale Umgebung für angehende Schriftsteller, wie er zugibt. Zur Literatur sei er über den Vater gekommen, einem Krankenpfleger mit einer Leidenschaft für die Literatur. Nach dem Abitur hatte er dann Gelegenheit, eine Jugendarrestanstalt von innen kennen zu lernen: "Kinkerlitzchen, Kleinkriminellenkram, muss man nicht drüber reden." Klar war für ihn bloß eines: "Nie wieder Schulbank, ich wollte richtig arbeiten." Meyer ging auf den Bau, machte dort zwei Jahre die unterschiedlichsten Jobs. Schwere Rückenschmerzen erschwerten seine Arbeit, weshalb er sich 1998 am Deutschen Literaturinstitut (DLL) bewarb, wo er prompt genommen wurde. Die ersten zwei Jahre, das gibt er zu, seien schwer gewesen: "Ich kam mit den Leuten nicht klar, hatte dieses Vorurteil vom intellektuellen Gesocks." Inzwischen jedoch, und da kann er sich wieder in so eine sanfte Erregung steigern, eine Erregung nur in seinen Worten, ohne Widerhall in Gestik und Mimik, inzwischen hat er selbst mit den Vorurteilen zu kämpfen, mit denen die Literaturkritik den DLL-Absolventen begegnet: "Vollkommener Unfug ist, dass ich meinen Roman von A bis Z am Literaturinstitut geschrieben habe. Für mich war die Zeit dort ein hilfreiches Dauerlektorat, man lernt dort Genauigkeit und mit Kritik umzugehen. Dort vorgestellt habe ich aber nur zwei Kapitel meines Romans, der Rest kam später."

Das Fremdeln am DLL beruhte sicher auf Gegenseitigkeit: "Was? Sie müssen in den Knast, Herr Meyer?", rief der entsetzte Burkhard Spinnen, nachdem Meyer eine seiner zwei Arreststrafen nach langem Aufschub antreten musste. Dass einer wie Meyer auch im aktuellen Literaturbetrieb Befremden auslöst, kann man sich ganz gut vorstellen - etwa wenn er auf einer Verlagsparty einen Roger Willemsen anhaut, ob der nicht mal was für sein Buch im Fernsehen machen könne. "Ja, da hatte ich viel getrunken, warum aber nicht? Der ist doch mein Verlagskollege." Ein andermal kann er ein Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) nicht antreten, weil sich das LCB weigert, ihn mit Rottweiler am Wannsee aufzunehmen. Überhaupt das LCB: "Nach meiner Lesung haben die mir nicht mal die Taxifahrt vom Wannsee bezahlt!"

Meyers Geradlinigkeit hat etwas Naives; und kann auch etwas enervierend sein, wenn er als Allererstes fragt, ob er jetzt auf Kosten des Falter essen und trinken könne - "bei der FAZ ist das so". Andererseits ist diese gerade Art auch enorm erfrischend und sympathisch. Auf Gegenlesen seiner Interviews verzichtet er in der Regel: "Wenn ich Scheiße erzählt habe, habe ich eben Scheiße erzählt."

Die Frage nach den Tätowierungen kommt immer und ist mittlerweile ein Ärgernis. Die seien nun mal da und hätten nichts mit Inszenierung zu tun. Und auf Nachfrage zählt Meyer dann doch bereitwillig all die Körperstellen auf, an denen sich Tattoos finden. Es sind nicht wenige: "Das hat auch mit Schmerzen zu tun. Man wird sich seines Ichs, seines Seins bewusst. Aber ich will das gar nicht philosophisch überhöhen."

Schließlich räsonniert Meyer an diesem Morgen auch noch darüber - er kommt gern darauf zurück -, wie es sein könnte, viel Geld zu verdienen, mal eine Zweitwohnung zu haben, zu Bestsellerehren zu kommen, und wie schwer es überhaupt ist, ein Leben als Schriftsteller zu führen. Nicht ohne zum Abschied Entwarnung zu geben: "Nein, nein, es läuft alles ganz gut im Moment." Nur mit den Frauen, schiebt er unvermittelt hinterher, da ginge gerade wirklich nicht viel. Aber das sei wohl eine andere Geschichte. Dann lacht er und verschwindet im WM-Trubel des Leipziger Hauptbahnhofs.

Gerrit Bartels in FALTER 25/2006



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