Das tote Haus

Peter Zimmermann


Beton im Bayou

Mit seinem Roman "Das tote Haus" bewegt sich Peter Zimmermann eigenständig und weitgehend stilsicher im Thomas-Bernhard-Land.

Die Geschichte beginnt mit einer Urszene des Westerns: Der verlorene Sohn kehrt heim, wo man ihn in einer Mischung aus Angst und Hass erwartet. Hier sind es ein weißer Eingeborener und ein zugereister Neger, die in einem österreichischen Dorf einreiten, nein, einfahren. Bevor ein erschrockener Redakteur den Rotstift zückt: "der Neger", so nennt der Icherzähler durchwegs den schwarzen Protagonisten, der nicht nur keine Stimme hat, sondern auch keinen Namen. Die unbekümmerte Wortwahl lässt zunächst vermuten, die Geschichte sei in den Sechziger-oder Siebzigerjahren angesiedelt, sie spielt aber offenbar gar nicht in so gegenwartsfernen Zeiten: Zwanzig Jahre ist es her, dass der Erzähler nach Amerika aufgebrochen ist, damals, als er wegging, hörte man Platten von André Heller.

Das Muster des Westerns - der Weggang des Helden hatte etwas mit einem Verbrechen zu tun - wird von einem Topos der heimischen Literatur überlagert: Anlass für die Rückkehr ist ein Begräbnis, die Großmutter des Erzählers ist gestorben, der stets benachteiligte Halbbruder erbt überraschend den Familiensitz und schenkt ihn sofort an den Amerikaheimkehrer weiter: "Einsam und hässlich und kalt krallt sich das Haus am Berghang fest, eher ein grau verwaschener Monolith mit Kanten und Spitzen als eine Behausung, hinter deren Mauern man sich einrichten möchte. Ein unförmiger Fremdkörper im weichen Profil des Vorgebirges."

Wir sind, nicht nur topografisch, in der Welt von Thomas Bernhard. Die "Auslöschung" der Familie, von der Peter Zimmermann erzählt, geschieht freilich buchstäblich. Der Erzähler denkt nicht daran, das Haus seinerseits "abzuschenken", er unterzieht es vielmehr einer dekonstruktivistischen Rosskur, lässt es von einem Architekten entkernen und zur Skulptur verformen, was wiederum an das Kegel-Bauprojekt in Thomas Bernhards "Korrektur" erinnert. Auch auf dessen Roman "Beton", in dem der Protagonist in einem geerbten und kostspielig renovierten "toten Haus" lebt, verweist dieses Buch.

Trotz all dieser Anspielungen auf den Meister morbider Häuslichkeit ist der Stil der Geschichte nicht epigonal. Peter Zimmermann hat einen eigenen Ton gefunden, der vom Tempowechsel lebt, auch vom Wechsel der Tonlage: Verse von Nikolaus Lenau scheinen in karger Dialogumgebung förmlich zu leuchten. Das Aufeinanderprallen von Western und schwarzem Heimatroman, von Louisianas Sümpfen und voralpenländischer Trostlosigkeit erzeugt eine eigentümlich geladene Atmosphäre. Viel und beinah schwelgerisch ist in diesem Buch von Gewalt die Rede, von Mord und Folter hüben wie drüben; so hat der stumme Diener seine Zunge bei einem Überfall des Ku-Klux-Clan verloren. Hoffnung gibt es für niemanden: Dort im Bayou hat der Erzähler sich ein neues Haus gebaut und ist das seiner Kindheit doch nie losgeworden, auch nicht im Keller, im dreifach verschalten Betonwürfel (ja: Beton!), der absolute Stille garantieren sollte.

Des Erzählers Familie, mit dem Großvater als sozialdemokratischem Patriarchen, ist eine aus dem provinziellen Bilderbuch: sprachlos, lieblos, gedankenlos; warum sie liquidiert werden musste, wird trotzdem nicht ganz klar. Die Jugendfreundin Ela, deren hervorragendes Merkmal ihr "breiter Hintern" ist, entspricht in ihrer sumpfartig verzehrenden Weiblichkeit durchaus dem Bernhard'schen Frauenbild. Man könnte aber auch an einen Autor denken, bei dem ein Emigrant nach dem Tod der Eltern in das Haus seiner Kindheit zurückkehrt, wo als naturgewaltige Verführerin seine Nazischwester auf ihn wartet: an Hans Lebert und seinen Roman "Der Feuerkreis".

Peter Zimmermann hat sich in seinem neuen Buch von der dick aufgetragenen Metaphorik verabschiedet, die er etwa in seinem historischen Roman "Die Nacht hinter den Wäldern" (2000) kultivierte. Er setzt jetzt die Effekte sparsamer, nüchterner, sicherer. Nur manchmal greift er doch wieder tiefer in den Farbtopf und bewegt sich, wie Hans Lebert, auf dem Grat zwischen Kunst und Kolportage mit einiger Risikofreude.

Daniela Strigl in FALTER 24/2006



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