Das dunkle Ende des Traums. Kriminalroman

Isabella Trummer


Heiße Spuren

Neue Krimis aus der oder über die Steiermark bieten einen aufregenden Blick auf das Bundesland aber auch darüber hinaus.

Der österreichische Kriminalroman erfreut sich in letzter Zeit großer Beliebtheit. Auch zahlreiche Grazer Autoren bearbeiten vermehrt das Genre. Mal mehr, mal weniger gelungen, ausgelagert oder mit Lokalbezug, auf alle Fälle lesenswert. Eine Reihe neu erschienener Krimis zeigt, dass die sozial gefestigte Steiermark doch Inspiration für kriminaltechnische Überlegungen bietet. Ein kleiner Überblick.

Staatsanwälte morden auch

Ein Serienmörder in Voitsberg? Warum nicht. Krimis können auch in der Provinz funktionieren. Die Voitsberger Autorin Isabella Trummer zeigt in ihrem zweiten Kriminalroman "Das dunkle Ende des Traums", dass sie weiß, was das Genre verlangt. Ihr Kriminalinspektor Kammerlander (Assoziationen mit Kommissar Wallander des Krimi-Weltstars Henning Mankell stellen sich wohl nicht zufällig ein) ist voll gefordert, angesichts von sechs übel zugerichteten Frauenleichen, die in Voitsberg und Graz-Umgebung aufgefunden werden und auf Ritualmorde hindeuten. Ein Serienmörder spielt ein böses Spiel mit dem Kommissar. Auch Kammerlanders Privatleben gerät durcheinander. Kammerlander und sein Team, verstärkt durch eine junge Kollegin aus Graz, verfolgen verschiedene Spuren und Verdächtige. Der unsympathische Witwentröster mit krimineller Vergangenheit und der schmuddelpornosüchtige Lehrer sind es nicht. Die entscheidende Spur weist zum in den Mordfällen ebenfalls ermittelnden jungen Staatsanwalt, in dessen Kindheit der psychologische Schlüssel zur Lösung der Mordfälle liegt. Genial auch, wie Trummer in im Buch verstreuten kurzen Passagen die krankhafte Innensicht des Mörders darstellt, sodass man fast bis zum Schluss nur ahnen kann, wer es ist. Überzeugend und zugleich spannend geschrieben, schafft es Isabella Trummer, einen realitätsnahen Einblick in die hiesige Polizeiarbeit zu geben, ohne die Atmosphäre mit allzu viel Lokalkolorit zu folklorisieren.

Ein Ritt über den Bodensee

Erich Glamser ist ein Polizist im besten Alter, aber nicht in den besten Konditionen. Eine Ehe, die eingeschlafen ist wie nach Valiumkonsum, ein Arbeitskollege, der mehr als grün hinter den Ohren ist, und auch bei der Beförderung zur Kripo wird er gerne übergangen. Kurz: das klassische Bullenwrack, das immer geil ist, auch mal gerne einen über den Durst trinkt, aber dennoch über eine gescheite Portion Gehirnschmalz verfügt. Trotzdem ein Sympathieträger, wie es Antihelden im Normalfall eben sind. Und so kämpft sich Glamser als klassische Krimihauptfigur - in einer an und für sich reizlosen Story - durch das Bregenzer Lokalkolorit. Der Geschichte fehlt es zwar hinten und vorne an zündenden Einfällen und einer sachdienlichen Strukturierung, die Entwicklung von Charakteren und Begebenheiten scheitert an der mangelnden Disziplin des Autors. Dennoch können die sprachliche Unverblümtheit und Direktheit für Tempo und das Tragisch-Komische für Unterhaltung sorgen. Gewisse Peinlichkeiten hätte man sich sparen können, wie etwa die Dialoge mit Glamsers zweitem Ich namens Joe. Die hören sich in etwa so an wie Thekendialoge abgehalfterter Cowboys in einem drittklassigen Hollywoodwestern. Die Klischierung des Klischees kommt irgendwie nicht an. Auch ansonsten ist die sprachlich feine Klinge nicht Wankos Sache, die manchmal bemüht wirkende Derbheit in der Ausdrucksweise ist dennoch erfrischend. Darüber hinaus sorgt zumindest der schnellschussartige Aufbau des Falls, zwischen Intrige und Romanze, in seiner Hopp-oder-Drop-Attitüde für einen wohltuenden Fluss, der sich leider nie zu einem Sturzbach auswächst.

Launige Graz-Déjà-vus

Am Fuße des Glockenturms am Grazer Schlossberg liegt ein toter Sandler. Unfall oder Mord? Die Polizei geht eher von Ersterem aus, doch Schlossberg-Fremdenführer und Hobbydetektiv Tony Blauer stößt auf Ungereimtheiten des Tathergangs. Das Vorleben dieses Blacky erweist sich als äußerst mysteriös. War er jener einst berühmte Operettensänger Anton Schwarzinger, der vor Jahrzehnten plötzlich verschwunden ist? Was ist das Motiv? Den Dr. Watson gibt es auch, der heißt hier Duncan und feuert mit Tony Schmähparaden am laufenden Band ab. Eine mysteriöse Geliebte und die wodkaverliebte Sandlerin Miss würzen das Geschehen zusätzlich. Heinz Auernigs erster sogenannter Graz-Krimi "Bell canto" spielt mit dem Krimigenre auf einer betont launigen Notenskala: Süffisanz ist gepaart mit philosophischer Plauderei beziehungsweise betrachtungsreichen inneren Monologen des Tony. Spannung entsteht dabei eher nebenbei. Grazer, die den Graz-Krimi lesen, kommen auf ihre Rechnung: Die Straßen, Plätze, Parks, Lokale, Pubs, selbst der Zentralfriedhof und auch das auftretende Personal sorgen für fortwährende Déjà-vus. - Ein filmtauglicher Plot ist das allemal. Das hat sich auch das junge Grazer "Drop-out-film"-Team gedacht. Gemeinsam mit Auernig wird derzeit das Drehbuch für eine Verfilmung erarbeitet. Im Herbst 2007 soll der Film im Grazer Annenhofkino anlaufen. Man darf gespannt sein.

Helmut Bast in FALTER 23/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×