Spielfeld Europa. Landschaften der...

Hans van der Meer, Simon Kuper


Ganz unten, in den Amateurligen, ist der Fußball nicht immer schön anzusehen. Umso schöner sind oft die Orte, an denen er gespielt wird. Der holländische Fotograf Hans van der Meer fotografiert seit zehn Jahren Fußballplätze, die "so weit wie möglich von der Champions League entfernt" sind. Anfangs beschränkte sich der Künstler auf die Niederlande, mittlerweile ist er in ganz Europa auf der Suche nach pittoresken Fußball-Landschaften; sogar ins steirische Eisenerz hat es ihn verschlagen. Zwar wird auf jedem seiner Fotos gekickt, aber wichtiger ist hier ausnahmsweise die Umgebung. Unser Bild zeigt den Fußballplatz im englischen Mytholmroyd, das Spiel Calder 76 gegen Pellon United endete übrigens 4:3.Elternsex. Wovor sich alle grausen, damit beginnt Rabea Edel ihren Debütroman "Das Wasser, in dem wir schlafen". Als etwa zweijähriges Kind beobachtet die Erzählerin, wie auf einem Rastplatz ihre Schwester Lina gezeugt wird. "Als Vater viel zu schnell und mit geöffneten Augen kam, löste sich die Handbremse." Eine Fliegenplage hat sich zudem übers Land gelegt. Kein Wunder, dass es mit dem Geschlechtsleben der beiden Mädels hapert, vor allem, als ein Mann namens Gregor dazu-und dazwischenkommt. "Wahrscheinlich war es eine selbstverständliche Folge von Ereignissen, die dahin führten, dass er in Linas Türrahmen stand und zusah, wie sie sich zwischen die Beine griff." Doch Lina greift nicht nur sich selbst zwischen die Beine, sondern auch der Schwester. Und immer wieder legt sie sich aufs Eis des Sees vorm Haus. Dass die unselig pubertierende Schwesternliebe mit männlichem Bettstatisten nicht gut ausgeht, wird bereits zu Beginn angedeutet. Auf den Grund dieses bedeutungsschwanger wallenden Gewässers sucht man indes vergebens zu blicken.

In "Sind keine Seepferdchen" fehlt die geliebte Schwester von Anfang an. Sie wollte nach Südamerika, heißt es einmal. Mit "Wenn Anna noch hier wäre" beginnt Karin Richner ihren schlichten und ganz und gar uneitlen Roman, ebenfalls ein Debüt. Anna erscheint im Nachhinein als Verbündete einer Kindheit, in der "die Mutter" und "der Vater" wenig Zeit und von Trost oder Spaß keine Ahnung haben. Und auch sie sind fortgegangen. Seitdem hat die namenlose Erzählerin ihren Rhythmus geändert: Nachts schreibt oder zieht sie durch die Stadt, tagsüber schläft sie. Bis ihre Lieblingsbedienung Martina das kleine Mädchen Ramona ihrer Obhut überlässt. Doch auch das dauert nicht lange. Unaufgeregt und verhalten zeigt Richner einen Ausschnitt aus dem Leben einer Alleingelassenen, die unter Menschen kaum mehr leben kann. Vor allem nicht, wenn man ihr zu nahe kommt: Als Martina bei ihr einzieht, hält es die Erzählerin dort nicht mehr aus, flieht - sich der Sinnlosigkeit ihres Tuns ganz bewusst - mal hierhin, mal dorthin. So ist das mit dem Erwachsenwerden: schwierig zu erleiden, schön zu lesen.

Karin Schuster in FALTER 22/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×