Die tausendjährige Nacht

Georg Petz


Pessimistische Utopie

Das Buch "Die Tausendjährige Nacht" ist als ein "gewaltiger" Roman angelegt, der nichts weniger will als - im Genre der Utopie angelegt - modellhaft die Entstehung und Fortentwicklung von Zivilisation schlechthin darzustellen. Ein großer Wurf ist das Buch allemal. In einer kraftvollen und dennoch nüchternen, objektivierenden Sprache versucht Georg Petz, verschiedene gesellschaftliche Entwürfe, die sozialen und politischen Veränderungen, Befindlichkeiten, ja den zivilisatorische Prozess schlechthin quasi objektiv in allegorische Bilderwelten zu bannen. In einem breiten, mäandernden Erzählfluss legt er dar, wie Überlebende eines Flugzeugabsturzes einen Neubeginn starten. In einem zeit-und ortlosen Raum jenseits der bekannten Zivilisation und ohne Erinnerung an das Früher bevölkern sie eine verlassene Stadt, die Arche, an einem von einer riesigen Steinwüste und dichtem Eichenwald umgebenen Fluss. Eine archaische Gesellschaft baut sich auf, welche die sechs Wohntürme der Stadt bevölkert. Die Hoffnung auf das Eintreffen von Rettungstrupps erfüllt sich nie.

Hauptfigur ist der Chronist der Stadt, G., der die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner schildert. Als solcher immer der Macht und den Mächtigen verbunden, ist er es, der die Erinnerung und damit die Identität der Stadt herstellt. So entsteht auch eine Geschichte gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, die modellhaft auf jene der realen Welt verweist. Petz orientiert sich dabei auch an der realen Zivilisationsgeschichte, wenngleich abstrahiert und verdichtet auf den überschaubaren, klaustrophobischen Raum dieser Stadt. Er beschreibt das Herrschen der Priesterkaste, die Etablierung von Ständen, die absolutistische Herrschaft, die Bildung von Klassen, die bürgerliche Gesellschaft, Sozialismus, Nationalsozialismus bis zur Entwicklung der Kommerzkultur der Gegenwart.

Als rückwärtsgewandte, negative Utopie ist "Die Tausendjährige Nacht" der ambitionierte Versuch, Geschichte zu fiktionalisieren, ihr literarisch ein allgemeingültiges Modell aufzuzwingen. Analogien zur wirklichen Historie erleichtern das Eintauchen in diese seltsame Welt, die in breitem Erzählduktus ausgemalt wird. Hin und wieder zu breit. Ausladende, manchmal beschwerliche Schilderungen von Natur, gesellschaftlichen Umständen, Befindlichkeiten des G. ermüden auch den wohlgesinnten Leser. Vielleicht hätte die Komprimierung des Textes auf 250 Seiten dem Ganzen besser getan.

Helmut Bast in FALTER 22/2006



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