Deutschlandreise im Strafraum

Péter Esterházy


Land der Trainingslager

Sieben von 24 EM-Teilnehmern bereiten sich in Österreich auf das Turnier vor. Warum?

Obwohl Österreich noch nie in einem großen Finale gestanden ist, hatte es schon mehrmals indirekt Anteil an Turniersiegen. Während der Europameisterschaft 2008, die Österreich gemeinsam mit der Schweiz austrug, gastierte der spätere Sieger Spanien im Stubaital. Vor den Titelgewinnen 2010 (WM) und 2012 (EM) gönnten sich die Spanier Alpenluft im Montafon, wo sie auch heuer vor der Europameisterschaft trainiert haben.
Aber nicht nur sie. Auch der EM-Gastgeber Frankreich wird in den kommenden Tagen in Österreich, im Jagdhof im Stubaital, an seiner Wettbewerbsform arbeiten. Insgesamt reisen sieben von 24 EM-Teilnehmern kurz vor den Gruppenspielen nach Österreich, um sich so gut wie möglich auf das Turnier vorzubereiten. Neben Spanien und Frankreich schießen sich auch Österreichs Nachbarländer Ungarn, Tschechien und die Slowakei sowie Nordirland und Albanien in Österreich auf die EM ein. Dazu kommen Teams anderer Kontinente, gegen die die EM-Teilnehmer Testspiele bestreiten.
Aber warum? Warum kommen so viele Spitzenteams Jahr für Jahr nach Österreich, um ihr hohes Niveau zu halten? „Es ist uns wichtig, dass wir eine gute Infrastruktur und die richtigen Temperaturen haben“, erzählt Paloma Antoranz vom spanischen Fußballverband, „das Klima in Österreich ist gerade im Mai und Juni optimal zum Trainieren.“ Auch die Erinnerungen an die Erfolge nach den letzten Trainingslagern in Österreich würden eine Rolle spielen. „Uns ehrt natürlich sehr, dass die Spanier bereits zum dritten Mal bei uns angefragt haben“, sagt Manuel Bitschnau, Geschäftsführer von Montafon Tourismus.

Fußballtrainingslager sind in Österreich zu einem wichtigen Tourismuszweig geworden. Allein im Burgenland gibt es laut Wirtschaftskammer durch die Trainingslager 20.000 Nächtigungen pro Jahr. Das war nicht immer so. Erst seit ungefähr 20 Jahren ist Österreich ein beliebtes Ziel von Nationalmannschaften und europäischen Top-Klubs. Damals, 1996, nahm sich der Kapfenberger Kian Walizadeh vor, eine große, bekannte Fußballmannschaft in die Steiermark zu lotsen. Mit der Unterstützung von Politik und örtlichen Fußballvereinen schaffte er es, AS Rom nach Kapfenberg zu holen. In den Jahren danach erschlossen Walizadeh und sein Team immer mehr Trainingsorte. „Wir haben da echte Pionierarbeit geleistet“, erzählt Walizadeh stolz.
Seit ihrem ersten Trainingslager 1996 gehören die „Giallorossi“, die „Gelb-Roten“, wie man sie in Italien nennt, zu den Stammkunden von Walizadehs Agentur International Football Camps Styria (IFCS). In den vergangenen Jahren wurden neben IFCS noch andere solche Reiseagenturen gegründet, auch einige Tourismusverbände haben sich auf Fußballtrainingslager spezialisiert.
Die effektivste Werbung, sagen die, die es wissen müssen, sei in ihrer Branche die Mundpropaganda. Auch wenn das Personal großer Klubs oft wechselt – wenn der Verein einmal mit einem Trainingslager zufrieden war, bleibt die Destination oft jahrelang dieselbe. Weshalb sich auch Klubs wie Real Madrid oder Paris Saint-Germain immer wieder in Österreich vorbereiten. Laurent Blanc, der Trainer von Paris Saint-Germain, schwärmt von den Bedingungen hier: „Ich habe nur die besten Erfahrungen mit den Fußballcamps in Österreich gemacht. Alle Hotels und Trainingsmöglichkeiten waren perfekt.“ Sein Kollege Fabio Capello, der bei Real Madrid unter anderem Cristiano Ronaldo trainiert hat, geht sogar noch weiter: „Solange ich Trainer bin, werde ich mit meinen Mannschaften zur Vorbereitung immer wieder in die Steiermark zurückkehren.“
Doch was bedeutet das nun – „gute Infrastruktur“, „perfekte Trainingsbedingungen“? In Schruns-Tschagguns, wo sich das spanische Nationalteam vorbereitete, oder Neustift, wo die Franzosen trainieren, gibt es neben dem passenden Klima jeweils Trainingsplätze nach Uefa-Norm und geeignete Hotels. Was für Profifußballer 4-Sterne-Superior oder fünf Sterne bedeutet. Vor allem in den touristisch erschlossenen Dörfern in den Alpen oder in den Thermenregionen haben die Mannschaften eine große Auswahl.

Die Teams schätzen aber auch die Ruhe und Sicherheit in Österreich. Würde man im eigenen Land trainieren, wären die Spieler ständig von Familie und Fans umgeben. Bei Trainingslagern im Ausland gibt es den sogenannten „Lagereffekt“, sagt Kian Wali­zadeh von IFCS. Durch diese Atmosphäre können bessere Ergebnisse erzielt werden, die Spieler können sich zu hundert Prozent auf die Vorbereitung konzentrieren. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass sich die österreichische Mannschaft nicht zu Hause, sondern bei den Nachbarn in der Schweiz, im Kanton Graubünden, auf die EM vorbereitete.
Dass sportlicher Erfolg nicht unbedingt perfekte Trainingslager braucht, bewies Dänemark 1992. Die Dänen schafften damals die Qualifikation für die Europameisterschaft knapp nicht. Als das auseinanderfallende Jugoslawien aber wenige Wochen vor Turnierstart disqualifiziert wurde, nominierte die Uefa Dänemark als Ersatz. Den Dänen blieben gerade noch zwei Wochen für die Vorbereitung. Die Nationalspieler mussten aus dem Urlaub geholt werden, wo sie der Legende nach exzessiv Burger aßen. Trainingslager in Österreich ging sich keines mehr aus. Die Dänen wurden trotzdem Europameister.


Testspiele der Trainingsgäste:

Spanien – Südkorea Mi, 1.6., 16.30 Uhr, Salzburg
Österreich – Niederlande Sa, 4.6., 20.30 Uhr, Wien (Ernst-Happel-Stadion)
Russland – Tschechien Mi, 1.6., 18 Uhr, Salzburg
Aserbaidschan – Kanada Fr, 3.6., 19 Uhr, Rohrbach an der Lafnitz
Kanada – Usbekistan Di, 7.6., 16 Uhr, Bad Waltersdorf
Tschechien – Südkorea So, 5.6., 15.10 Uhr, Wien (Generali Arena)

Simon Seher in FALTER 22/2016



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