You'll Never Walk Alone. Ein Fußballmusikroman

Florian Weber


"Wir sind Fanatiker"

Als Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller schickt Florian Weber eine Fußballplatte ins WM-Rennen, als Autor legt er noch einen Fußballroman drauf. Der "Falter" sprach mit ihm über den Kaiser, Wolf Haas und Deutschlands WM-Chancen.

Florian Weber muss vor Interviewbeginn noch schnell eine SMS verschicken. Er entschuldigt sich höflich, es sei aber wirklich dringend - schließlich will das nächste Training seiner Münchner Hobbyfußballmannschaft koordiniert werden. Weber, Jahrgang 1974, ist über die Maßen fußballbegeistert. Der Schlagzeuger der Deutschpoplieblinge Sportfreunde Stiller (benannt nach einem Fußballtrainer aus Jugendtagen der Musiker) und studierte Sportwissenschaftler (Diplomarbeitsthema: Hooliganismus) war als Teenager selbst nahe dran an einer Kickerkarriere.

Mit 17 wurde er, der Fan des Ortsrivalen 1860 München, sogar vom FC Bayern zum Probetraining gebeten. "Mir als Löwenfan war das aber nicht nur wegen Bayern unangenehm. Es war klar, dass mir die Disziplin fehlt, um ganz oben mitzumachen. Ich wusste damals schon, wie ein Bier schmeckt und dass es Frauen gibt. Vielleicht hatte ich Talent, um in diese Welt hineinzuschnuppern. Ich war aber lieber einer, der es im privaten Bereich scheppern lässt."

Emotional mag sich Weber - seine dem Hardcore amerikanischer Prägung zugeneigte Zweitband heißt bezeichnenderweise Bolzplatz Heroes - bis heute nicht zwischen der Konzertbühne und dem Fußballplatz entscheiden: "Vor einem Publikum Musik zu machen und dieses Publikum begeistern zu können ist genauso schön wie einen Ball mit der Brust anzunehmen und im Fallrückzieher unter die Latte zu nageln." Kaum überraschend also, dass die Sportfreunde Stiller jetzt - mehr leidenschaftlicher Gag denn regulärer Nachfolger ihres kommerziellen Durchbruchs "Burli" - mit "You Have To Win Zweikampf" eine reine Fußballliederplatte vorlegen. "Ich lasse den Vorwurf nicht gelten, dass wir Teil der ganzen Vermarktung sein wollen. Unser Album ist aus vollem Herzblut entstanden", betont Weber. "Wir sind Fanatiker, und da ist es schon ein bisschen etwas anderes, als wenn ein Oliver Pocher ein WM-Lied macht."

Tatsächlich entblödet sich der Fernsehkomiker Pocher in seiner aktuellen Single "Schwarz und Weiß" nicht, Zeilen wie "Flanke, Kopfball, Tor/so stelln wir uns unsre Mannschaft vor/Favoriten, das sind wir/Schwarz, Rot, Gold, wir stehn zu dir" zu singen. Dagegen wirkt selbst die nicht eben subtile Sportfreunde-Stiller-Single "'54, '74, '90, 2006" in ihrem Traum von einem vierten deutschen Weltmeistertitel noch niedlich und fast schon ironisch: "Für unseren langen Weg aus der Krise/und aus der Depression/lautet die Devise/nichts wie rauf auf den Fußballthron." Ist ein deutsches Ausscheiden in der Vorrunde dabei nicht realistischer als ein WM-Triumph der krisengebeutelten Klinsmann-Truppe? "Ich schätze beides mit denselben Prozentchancen ein", sagt Weber. "Wenn sie es bei diesem Losglück nicht zumindest ins Achtelfinale schaffen, ist keinem mehr zu helfen - dann kann ich noch mitspielen in der Nationalmannschaft!"

Inwiefern die nationale Befindlichkeit am Erfolg des Teams hängt? "Das Abschneiden kann sich positiv auswirken und einen wirtschaftlichen Aufschwung bewirken, die Stimmung bei einem frühen Ausscheiden aber auch sehr dämpfen. Wenn Fußball aber tatsächlich eine derartige politische Bedeutung haben kann, würde ich anderen Ländern den Erfolg mehr wünschen - schlecht geht es uns ja nicht, es jammert nur jeder." Trotz großer Sympathie für Schweden macht Weber kein Geheimnis daraus, Ballack & Co die Daumen zu drücken: "Jeder hilft mit Inbrunst zu seinem Land, wieso soll ich da nicht zu Deutschland halten dürfen? Ich bin mir der Vergangenheit bewusst und könnte mich auch nie hinstellen und ,Deutschland, Deutschland!' schreien, aber was damals passiert ist, dafür kann ich nichts mehr."

Weber buhlt derzeit nicht nur als Musiker um die Aufmerksamkeit kulturinteressierter Fußballfans. Mit den semiautobiografischen Jugenderinnerungen "You'll Never Walk Alone" hat er ein kurzweilig-amüsantes und streckenweise geradezu entzückendes Buch geschrieben über eine Jugend am Bolzplatz, einen zum Hooliganismus neigenden älteren Bruder und die Magie des schönsten aller Smiths-Lieder, "There Is a Light That Never Goes Out". "Ich habe aus Langeweile im Tourbus zu schreiben begonnen und schnell gemerkt, dass es großen Spaß macht - wobei ich mich selbst überhaupt nicht als Autor bezeichnen würde, sondern bestenfalls als Geschichtenerzähler."

Unter den echten Autoren schätzt Weber - sein ewiger Lieblingsfußballer heißt Diego Armando Maradona, sein deutscher Stürmerheld Rudi Völler - übrigens weniger den naheliegenden Nick Hornby als vielmehr John Irving ("Wie der manchmal aus Belanglosigkeiten ganz nahe gehende Geschichten macht!") und Wolf Haas. "Haas liebe ich wegen des Wortwitzes und seiner Reduktion der Sprache. Ich als Bayer kann mit diesem Humor so viel anfangen, aber wenn ich nördlich der Donau frage, ob sie den neuen Haas schon gelesen haben, heißt es: ,Ja, aber ich kapiere das nicht - der vergisst ja Wörter!'"

Unter die vielen im eigenen Roman erwähnten Fußballikonen der Siebziger-und Achtzigerjahre hat es mit dem Tormann Friedl Koncilia übrigens nur ein einziger Österreicher geschafft. "Mei, ich hätte ja so viele aufzählen können", entschuldigt sich Weber. "Bei unseren Rollenspielen am Bolzplatz waren wir natürlich auch Schneckerl Prohaska oder Hans Krankl und sind narrisch geworden, wenn wir Tore erzielt haben. An Cordoba habe ich selbst zwar keine direkte Erinnerung, die Schmach und die beispiellose Berichterstattung war aber allgemein bekannt. Und der Wiener Freund meiner Schwester hat es sich vor einigen Jahren auch nicht nehmen lassen, mir zum Geburtstag das Buch ,3:2. 20 Jahre Cordoba' zu schenken - ein sehr schönes Buch übrigens."

Franz Beckenbauer kommt in Webers Buch natürlich schon vor. Die Frage, wie böse dieser eigentlich sei, scheint den schreibenden Schlagzeuger zu irritieren: "Wie böse? Gar nicht, das ist der Kaiser! Franz ist der Regelaufsteller, was er sagt, hat Gültigkeit. Ihm die Hand zu schütteln, das wäre mein Traum!" Grinsend lässt er die gespielte Entrüstung spätestens an dieser Stelle in sich zusammenbrechen: "Beckenbauer ist eine unantastbare Person, die aber gerade auch Bayern-intern leicht belächelt wird, weil er sich selbst halt gar so hoch einschätzt."

Bleibt nur mehr die Frage, wer oder was eine brasilianische Titelverteidigung verhindern könnte. "Die Unmenge an Stars", mutmaßt Weber. "Wenn sie es nicht schaffen, eine Einheit zu bilden, könnten sie sich gegenseitig die Bälle wegnehmen. Wobei das so gute Fußballer sind, da wird es wirklich schwer, die zu stoppen. Sie sind natürlich ein Favorit. Und auch England zählt diesmal wirklich zum engeren Kreis - solange sie nicht gegen Deutschland ins Elfmeterschießen müssen."

Gerhard Stöger in FALTER 22/2006



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