Wie man mit Fußball die Welt erklärt

Franklin Foer, Wolfgang Müller


Claus Farnberger/Gerald Simon: Beruf: Fußballfan. Literarische Doppelpässe (Molden, 218 S., F 19,80): Dass Österreich nicht für die WM qualifiziert ist, hindert österreichische Verlage und Autoren nicht daran, Fußballbücher zu produzieren. In diesem vergnüglichen Exemplar schieben sich zwei passionierte Fans die Wuchteln zu. Die Hörbuchfassung wird übrigens von Lukas Resetarits gesprochen.

"Wo spielt Simmering?"

Warum erscheinen so viele Fußballbücher? Kann man ein Fußballspiel lesen? Und wer wird Weltmeister? Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler, Exschiedsrichter und Fußballbuchautor Rainer Moritz.

Noch nie sind im deutschen Sprachraum so viele Fußballbücher erschienen wie in den vergangenen Wochen und Monaten. Wer soll das alles lesen? Und wozu? Der Falter sprach mit einem mehrfach kompetenten Mann: Der deutsche Literaturwissenschaftler Rainer Moritz ist nicht nur selbst Autor mehrerer Fußballbücher, sondern als ehemaliger Programmgeschäftsführer bei Hoffmann und Campe auch Kenner der Verlagsbranche.

Der 48-jährige Moritz, der heute das Hamburger Literaturhaus leitet, war in seiner Jugend als Schiedsrichter tätig; die dabei erworbenen Regelkenntnisse kamen ihm beim Schreiben seines neuen Buches zugute, das ganz dem Thema "Abseits" gewidmet ist. Der Autor, auf dessen Backlist unter anderem ein Buch über den deutschen Schlager steht, ist auch passionierter Sammler von Fußballbüchern; eine Auswahl der besten und kuriosesten Texte aus seiner Sammlung ist in dem vergnüglichen Reader "Vorne fallen die Tore" (2002) nachzulesen, der in erweiterter Fassung kürzlich als Taschenbuch erschienen ist.

Falter: Herr Moritz, haben Sie mitbekommen, wer neuer Trainer von Red Bull Salzburg wird?

Rainer Moritz: Trapattoni und Matthäus. Ich finde das sehr originell, auf die Idee wäre ich nie gekommen. Dass man Lothar Matthäus ernsthaft für irgendetwas Bedeutsames in Betracht zieht, finde ich ganz erstaunlich.

Bleiben wir noch ein bisschen beim österreichischen Fußball. In Ihrem Buch "Vorne fallen die Tore" spielt überraschenderweise der Simmeringer SC eine tragende Rolle. Wie kam es denn dazu?

Ich hatte immer schon eine Nähe zur österreichischen Literatur, und ich kannte diesen Qualtinger-Ausspruch mit Simmering gegen Kapfenberg. In einer Wiener Buchhandlung ist mir dann einmal das Buch "Hundert Jahre Erster Simmeringer Sportclub" in die Hände gefallen, und ich war begeistert von den herrlichen Anekdoten über die Brutalitäten vom Simmeringer Sportplatz. Wo spielt Simmering im Moment überhaupt?

In der Wiener Liga, viertklassig. Der Aufstieg in die Regionalliga ist aber noch möglich.

Okay, dann bin ich beruhigt.

Noch nie sind so viele Fußballbücher erschienen wie heute. Wie beurteilen Sie als Branchenkenner die Flut an Fußballliteratur?

Man hat gelegentlich den Eindruck, als würden die Verlage wissentlich in ihr Unglück rennen. Das ist aber auch so, wenn Heinrich Heine oder Friedrich Schiller Jubiläum haben, da meint auch jeder Verlag, er muss ein Buch auf den Markt bringen. Beim Fußball kommt hinzu, dass sich in den Verlagshäusern immer noch der Irrglaube hält, Fußballbücher müssten sich blendend verkaufen, weil sich so viele Menschen für Fußball interessieren. Das ist keineswegs so. Es gibt natürlich immer wieder Ausnahmen, aber die meisten Fußballbücher verkaufen sich nicht gut.

Ist noch immer nicht alles gesagt?

Ich habe einige der neuen Bücher mit großem Interesse gelesen. Aber viele Bücher leiden schon darunter, dass sie nur Aufgewärmtes bringen. Die erste Sammlung mit originellen Fußballersprüchen ist ja ganz nett, aber wenn Sie zehn solcher Bücher auf dem Markt haben, wird's fad.

Welche neuen Titel empfehlen Sie?

Wolfram Eilenberger zum Beispiel hat im Berlin Verlag ein sehr gescheites Buch geschrieben: "Lob des Tores. 40 Flanken in Fußballphilosophie". Auch Gunter Gebauers "Poetik des Fußballs" bei Campus hab ich gern gelesen, weil das ein Sportphilosoph ist, der was davon versteht, aber auch nicht übertreibt. Die Gefahr ist ja immer, dass das Rad überdreht wird und eher Absurdes dabei herauskommt. Bei Kiepenheuer ist jetzt ein Buch erschienen, in dem elf Theologen über Fußball schreiben. Das hat dann auch kuriose Züge.

Auch Sie selbst haben ein neues Buch auf den Markt gebracht, in dem Sie sich dem eher unbeliebten Thema Abseits widmen. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Ich habe mir gedacht: Wenn, dann will ich etwas machen, was marketingtechnisch gesprochen ein "Alleinstellungsmerkmal" hat - ein Thema, an das sich sonst niemand herantraut. Ich habe selten einen entgeisterteren Blick gesehen als den meiner Verlegerin Antje Kunstmann. Aber wie es sich für eine tapfere Verlegerin gehört, hat sie an ihren Autor geglaubt.

Das Hauptmotiv war also, etwas zu schreiben, was sonst niemand schreibt?

Es gab natürlich noch andere Gründe. Ich war in jungen Jahren selber Fußballschiedsrichter und verfolge bis heute jedes Spiel unter dem Gesichtspunkt: Gelb oder Rot? Abseits oder nicht Abseits? Das ist eine Berufskrankheit, das bekommt man nicht mehr raus. Ich hatte sogar einmal überlegt, bei "Wetten, dass ?" teilzunehmen - mit der Wette, dass ich alle Bundesliga-Schiedsrichter am Laufstil erkenne! Erst beim Recherchieren und Schreiben des Buches bin ich dann draufgekommen, dass man an der Abseitsregel wirklich sehr viel festmachen kann, was die Faszination des Fußballs ausmacht. Auf der anderen Seite ist Abseits natürlich wahnsinnig unbeliebt, und das wollte ich ein bisschen korrigieren.

Man kann das Buch als Plädoyer für das Abseits lesen.

Da die Stelle des Literaturpapstes in Deutschland ja noch besetzt ist, möchte ich wenigstens der Abseitspapst werden!

Dennoch lassen Sie letztlich offen, ob es nicht doch auch ohne Abseitsregel ginge. Warum?

Ich glaube, dass sie sehr notwendig für das Spiel ist. Das Spiel würde sonst seinen Reiz verlieren. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob sich Trainer nicht auch ohne Abseits interessante Systeme ausdenken würden. Im Moment spricht jedenfalls vieles dafür, dass der Fußball die Abseitsregel braucht. Dass man darüber streiten kann, gehört dazu.

Zum vieldiskutierten "passiven" Abseits ist in Ihrem Buch Überraschendes zu lesen: Sie behaupten, das sei gar nichts Neues.

Wenn der Ball links gespielt wird und sechzig Meter rechts steht einer im Abseits, dann ist auch vor hundert Jahren nicht gepfiffen worden! Die Schiedsrichter mussten immer schon entscheiden: Greift der "passive" Spieler ein? Irritiert er den Tormann?

Und wie erklären Sie sich dann, dass auch Fachleute wie Günter Netzer seit Jahren die Abschaffung des passiven Abseits fordern?

Da bin ich fassungslos. Diese Debatte ist eine Erfindung der Medien. Die Reporter verstehen von den Details des Spiels immer weniger. Bei einem strittigen Regelfall wäre das Letzte, was ich tun würde, mich auf Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner zu verlassen. Aber selbst wenn Franz Beckenbauer sich zu einer Regelfrage äußert, ist überhaupt nicht gewährleistet, dass er da eine korrekte Aussage macht! Sie können sich nicht darauf verlassen, weil die Regelkenntnis auch bei Spielern und Trainern oft sehr unterentwickelt ist.

Vom immer wieder geforderten Videobeweis halten Sie nichts. Warum?

Weil auch der Videobeweis nur ganz bestimmte Situationen klären kann. Denken Sie an das WM-Finale 1974: Hölzenbein fällt im Strafraum. Elfmeter oder nicht? Wenn Sie das heute zehn Fachleuten zeigen, werden Sie immer noch fünf verschiedene Meinungen haben!

Warum wird man Schiedsrichter? Ist das nicht ein Job, bei dem man nur verlieren kann?

Für einen Schiedsrichter ist es eine Befriedigung, wenn er merkt, er ist auch einem schwierigen Spiel gewachsen. Das merken Sie als Schiedsrichter relativ schnell, ob das Ihr Tag ist oder nicht.

Was sagen Sie zur Leistung des Schiedsrichters im Champions-League-Finale?

In der entscheidenden Szene, bei der Roten Karte für Jens Lehmann, hat er Pech gehabt. Er hat einfach zu früh gepfiffen. Wahrscheinlich hatte er die Pfeife schon relativ nah am Mund, weil er das Foul natürlich kommen sah. Hätte er die Hand weiter unten gehabt das hängt wirklich auch von solchen Zufällen ab. Er hat sich in dem Moment wohl selber am meisten geärgert.

Die Faszination des Fußballs besteht nicht zuletzt darin, dass das Spiel für sich selbst spricht. Ist es da nicht paradox, dass so viel über Fußball gesprochen wird?

Ich glaube, der Fußball lebt davon, dass man darüber spricht. Mich hat auch immer fasziniert, aus welchen verschiedenen Richtungen man den Fußball anschauen kann. Und natürlich lebt der Fußball auch von der Erinnerung: Wenn Sie ein Spiel sehen, haben Sie sofort andere Spiele im Kopf. Ich bin von Kindesbeinen an leidenschaftlicher Anhänger von 1860 München - was ich in den letzten dreißig Jahren durchgemacht habe! Aber wenn Sie heute die Mannschaft sehen, haben Sie natürlich immer noch die Erinnerung an Peter Radenkovic im Tor. Das ist schön, aber teilweise auch furchtbar!

Man spricht gern davon, dass ein Fußballspiel "gelesen" wird. Sehen Sie Analogien zwischen der Lektüre eines Buchs und der eines Spiels?

Ich bin immer ein bisschen skeptisch, wenn ich den Ausdruck höre. Jeder Fußballkommentator, der seine intellektuelle Reife zeigen will, faselt plötzlich davon, wie man das Spiel lesen kann. Es ist schon richtig: Wenn Sie taktisch etwas erkennen können, hat das etwas von Lesen, von Begreifen der Strukturen - da gibt es natürlich eine Analogie zum Buch. Aber man muss aufpassen, dass man es nicht übertreibt: Klaus Theweleit zum Beispiel hat vor zwei Jahren ein Fußballbuch geschrieben, "Tor zur Welt", und da kommt ihm plötzlich der hoch bedeutende Gedanke, dass das Blatt Papier, auf dem er schreibt, und ein Fußballfeld die gleiche Form haben!

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihre Fußballleidenschaft Ihrem Ansehen als seriöser Literaturwissenschaftler schadet?

Nein, ich sage dann immer gleich dazu, ich bin Vizepräsident der Marcel Proust Gesellschaft, dann verstummen die Leute. Proust ist immer ein gutes Argument. Ich glaube, man kann sehr viel unter einen Hut bringen.

Auch Proust und Fußball?

Nein. Ich hab' das mal versucht, aber es kommt sehr wenig Sport bei Proust vor, das muss man ehrlich sagen.

Zum Schluss noch ein paar Fragen zur WM: Kahn oder Lehmann?

Lehmann.

Glauben Sie an Klinsmann?

Ich glaube, es ist gar nicht so wichtig, wer deutscher Bundestrainer ist. Die Mannschaft ist einfach zu schwach.

Aber ist Deutschland nicht eine Turniermannschaft?

Ach ja, in Gottes Namen! Und der Pokal hat eigene Gesetze, ich weiß, ich weiß! Musterbeispiel dafür war natürlich die WM 2002. Wenn man sich erinnert, wie Deutschland ins Endspiel gekommen ist - furchtbar! So etwas kann nicht alle vier Jahre passieren.

Deutschland wird also nicht Weltmeister?

Auf gar keinen Fall.

Wer sonst?

Vor ein paar Wochen hätte ich noch Italien gesagt. Aber ich befürchte, dass dieser Liga-Skandal auch die Nationalmannschaft berühren wird. Und natürlich ist Brasilien erster Anwärter, da muss man sich nichts vormachen.

Und Ihr sentimentaler Favorit?

Das darf man als Deutscher ja gar nicht sagen, aber ich hätte nichts dagegen, wenn Holland Weltmeister wird. Das wäre schon nett.Lektüre für neunzig Minuten

Die WM in Deutschland motiviert nicht nur die deutsche Nationalmannschaft, sondern auch die deutschen Verlage zu Höchstleistungen: Seit Monaten werden fast täglich neue Fußballbücher veröffentlicht - vom Sonett-Zyklus bis zur Rezeptesammlung für die Fußballparty. Die Redaktion hat aus der unüberschaubar gewordenen Bücherlawine lesenswerte Exemplare ausgegraben.

Jürg Altwegg: Ein Tor, in Gottes Namen! Über Fußball, Politik und Religion (Hanser, 251 S, F 18,40): Kult, Religion und Krieg - was haben sie mit Fußball zu tun? So viel wie ein Sport, der auf das Herumkicken abgeschnittener Feindesköpfe zurückgeht und zu dessen Fans Osama Bin Laden (Arsenal!) zählt, eben damit zu tun haben kann. Der Frankreich-Korrespondent der FAZ klärt uns umfassend auf.

Ball und Welt: In der bisher drei Bände umfassenden Paperbackreihe "Ball und Welt" liefern Redakteure und Autoren der Süddeutschen Zeitung in gewohnter Qualität Hintergrundinformationen zu den wichtigen europäischen Ligen. Birgit Schönau befasst sich in "Calcio" mit der italienischen Serie A; Javier Cáceres beschäftigt sich in "Fútbol" mit der spanischen Primera Division; Raphael Honigstein erzählt in "Harder, better, faster, stronger" Geschichten aus der englischen Premier League.

Frits Barend/Henk van Dorp: Ajax Barcelona Cruijff: Der Holländer Johan Cruijff (auch als Johan Cruyff bekannt) war nicht nur einer der besten Spieler und Trainer aller Zeiten, er ist auch einer der eloquentesten. Zwei niederländische Journalisten, die Cruijff im Lauf der Jahre immer wieder interviewten, haben die schönsten Gespräche mit dem Fußballdenker in einem Buch zusammengefasst, das nun auch auf Deutsch erschienen ist.

Christoph Biermann: Fast alles über Fußball: Unter den zahlreichen Nutzloses-Wissen-Sammlungen, die den Markt überschwemmen, ist dieses Buch die beste Wahl: Listen, Namen, Fakten galore. Unter A wie Absteiger finden sich alle deutschen Bundesligaabsteiger, die nie wieder aufgestiegen sind; unter Z wie Zwillinge alle Zwillingspaare, die jemals zusammen in einer Mannschaft Bundesliga gespielt haben (es waren übrigens drei). Ähnlich konzipiert, aber kostspieliger ist die im hübschen Gebetsbuchdesign gestaltete Fibel "Fußball unser" (Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 180 S., F 18,50).

Christoph Biermann: Fast alles über Fußball: Unter den zahlreichen Nutzloses-Wissen-Sammlungen, die den Markt überschwemmen, ist dieses Buch die beste Wahl: Listen, Namen, Fakten galore. Unter A wie Absteiger finden sich alle deutschen Bundesligaabsteiger, die nie wieder aufgestiegen sind; unter Z wie Zwillinge alle Zwillingspaare, die jemals zusammen in einer Mannschaft Bundesliga gespielt haben (es waren übrigens drei). Ähnlich konzipiert, aber kostspieliger ist die im hübschen Gebetsbuchdesign gestaltete Fibel "Fußball unser".

Péter Esterházy: Deutschlandreise im Strafraum: Der ungarische Schriftsteller begibt sich auf eine Reise zu deutschen Fußballplätzen - und erinnert sich an seine Kickerjugend. Die Fußballaffinität liegt in der Familie: Péter Esterházys jüngerer Bruder Márton war ungarischer Nationalspieler.

Franklin Foer: Wie man mit Fußball die Welt erklärt: Der jüngere Bruder des Romanciers Jonathan Safran Foer ist Journalist und reiste für zehn Fußballreportagen acht Monate lang um die ganze Welt - von Rio de Janeiro bis Teheran, von Glasgow bis Barcelona. Auch die Wiener Austria wird einmal kurz erwähnt.

Wolfgang Kralicek in FALTER 22/2006



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