Lange Tage

Maike Wetzel


Jungen habens nicht leicht und Mädchen erst recht nicht. Ob das wirklich so ist, sei dahingestellt. Die Literatur jedenfalls kümmert sich bevorzugt um Kids, die an Problemen zu knabbern haben oder gleich unter albtraumartigen Zuständen leiden, und das ist völlig in Ordnung, so lange die Autoren mit ihrer Fiktion überzeugen können. Besser als "Meeresrand" von Véronique Olmi (Herbst 2002) kann ein Roman kaum sein, der davon erzählt, was Kinder Schlimmes durchleiden müssen. Es wundert folglich nicht, dass der nun erschienene zweite Prosaband der Französin, die Geschichte einer schweren Kindheit im goldenen Käfig des Spießbürgertums, in den Feuilletons durchgefallen ist. Die längst erwachsene "Nummer sechs" aus einer angesehenen Großfamilie müht sich darin, ihrem sterbenden Vater jene elterliche Zuwendung abzuringen, die sie als Mädchen so sehr vermisst hatte.Auch Maike Wetzel erzählt bevorzugt von den schweren Momenten, die ihre meist jungen Figuren im Alltag zu meistern haben. Auch sie hat vor nicht langer Zeit ein fulminantes Debüt vorgelegt, auch bei ihr liegt die Messlatte ganz weit oben. "Lange Tage" heißt ihr zweiter Erzählband, in dem sie meist pubertierende Mädchen bei der Suche nach einem Platz im Leben begleitet. Wetzels Kids stammen aus problemarmen Familien. Das Schlimme besteht bei ihr darin, mit ansehen zu müssen, mit welcher Begeisterung sich einzelne Teenies selber wehtun, während sie sich aus den Fesseln ihres Elternhauses befreien. In "Geister", einer Geschichte, die sich zur Parabel auf das Kräftemessen der Generationen auswächst, entwickelt ein Mädchen Essstörungen, damit sie ihre Familie tyrannisieren und gegen sich aufbringen kann - für den Preis, beinahe an Unterernährung zu sterben. Gerade weil sie so rücksichtslos sind, muss man Wetzels Figuren, die mit viel Sympathie und psychologischem Feingefühl modelliert sind, einfach lieb haben.

Martin Droschke in FALTER 5/2004



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