Roman von Montag bis Freitag. 38 Stories

Michael Köhlmeier


Michael Köhlmeier hat einen Roman geschrieben, der keiner ist, aber dennoch die Lektüre lohnt.

Michael Köhlmeier hat einige Romane, hauptsächlich aber viele Stories, Erzählungen, Geschichten geschrieben - und wer die Titel seiner letzten fünf Bücher auswendig kann, ist entweder ein echter Fan, Literaturwissenschaftler oder Michael Köhlmeier. Das spricht alles weder gegen den Autor noch gegen seine Leser. Köhlmeiers jüngstes Buch heißt "Roman von Montag bis Freitag" und ist - selbst bei laschester Auslegung des Genres - so wenig ein Roman wie ein Sonettenkranz oder ein Beinbruch. Auf dem Deckblatt ist denn auch von "38 Stories" zu lesen, und der Klappentext erklärt uns, dass die vielen Geschichten "zusammen eine Welt" ergeben: "Nur wer sein Handwerk perfekt beherrscht, kann so, mit wenigen Strichen, die Welt erzählen: Wir erleben den Autor auf einem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens." Dazu kann man nur sagen: Das Gegenteil ist auch nicht wahr.

38 Geschichten, die meisten von ihnen drei eher großzügig bedruckte Seiten lang - gewiss ergibt das eine Welt; die des Buches nämlich. Abgesehen davon verweisen die kurzen Texte auf die Welt, in der der Autor bekanntermaßen lebt: Er selbst wird mit dem Vornamen genannt - so wie auch seine Frau Monika (Helfer) -, und sein Wohnort Hohenems wird ebenfalls mehrfach identifiziert. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, und man fragt sich, ob all die Nachbarn, Schulkollegen, Freunde und Bekannten auch mit ihren richtigen Namen benannt werden und wie sie wohl reagieren würden, sollten sie sich in ihrem Porträt als junge Halbstarke ("durch und durch böse, brutal, gehässig") oder infantile Greisinnen erkennen.

Gewiss ist die Frage vernachlässigenswert, ob der Autor tatsächlich aus der Badewanne eines Hotels heraus auf einen "winzigen weißen blütenförmigen Gegenstand" blickte, als er von den Gedanken an die eigene Sterblichkeit heimgesucht wurde, und es ist mir auch völlig wurscht, ob die Fenkart-Zwillinge tatsächlich in der Raimundstraße gewohnt haben. Aber sollte ich je spitz kriegen, dass die Geschichte vom "Ameisenesser", der sich just an des Autors Lieblingsstelle am Hohenemser Hausberg ein paar Arm lang Ameisen in der Pfanne brät, einfach erfunden ist, dann wäre ich echt sauer.

Michael Köhlmeier ist ein Autor, der, quer zur wirkungsmächtigen Tradition österreichischer Nachkriegsavantgarde, Geschichten nicht abschießt, sobald sie ihr schmutziges Haupt erheben, sondern dankbar aufgreift - ob sie ihm nun von Homer erzählt werden, ob er sie im nächsten Eisenbahnabteil aufschnappt oder ob er sie eigentlich seinerzeit schon Norbert Gstrein im Speisewagen erzählen wollte, als ihm dieser "von einem seiner Bücher erzählte". Köhlmeiers jüngste Stories sind vielfach auch Erzählungen vom Erzählen, und vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie so gut ins innere Ohr gehen, dass sie einem wie mündlich erzählt vorkommen, obwohl die Sprache und der Gestus der mündlichen Rede in den seltensten Fällen imitiert wird.

Anekdoten, Schicksale, Erinnerungen, Splitter aus der eigenen und anderer Leute Biografie - Köhlmeier weiß sie auf unprätentiöse Weise vor uns auszubreiten, ohne dass sie notwendigerweise eine Pointe hätten oder sich zur restaurativen Dorf-Geschichte fügten. Am liebsten sind mir diejenigen, die eine gewisse unsentimentale Härte aufweisen ("Pia" verhandelt die "Beziehung" des Erzählers zu einem aus tristesten Verhältnissen stammenden Mädchen), die ganz auf die detailgenaue Beobachtung eines alltäglichen Vorgangs abstellen ("Und was heißt das jetzt?" zeigt eine junge Frau, mit der offenbar gerade per Handy Schluss gemacht wurde) oder in denen sich der Beobachter auf perfide Weise in ein Spiel der Macht verstrickt findet, das ihn eigentlich nichts angeht - und von dem die Story erzählt, deren Titel der Autor von Patricia Highsmith geborgt hat: "Ich wollte dreist zurückblicken. Es wäre richtig gewesen, zum Diener zu helfen, aber weil ich befürchtete, dass meine Gesichtshaut eines Tages ähnlich sein würde wie die seine, und ich tatsächlich schon vor dem Spiegel über mein Gesicht ähnlich gedacht hatte, wie ich nun über seines dachte, deshalb konnte ich es nicht über mich bringen, ihm, der gedemütigt und beschimpft worden war, mit Retourblicken meine Sympathie auszurichten" ("Zwei Fremde im Zug" ).

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2004



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