Die Spange


Meteor im Mund

Mit "Die Spange" liefert Michel Mettler ein furios-fantastisches Romandebüt und grad die richtige Lektüre fürs Zahnarztwartezimmer.

Um den jungen Menschen zu quälen, hat sich die Natur einiges einfallen lassen: verständnislose Erwachsene, Pickel im Gesicht und dazu Zähne, die so ungeordnet im Kiefer stecken, dass sie dringend der ordnenden Kraft einer Spange bedürfen. Der Schweizer Michel Mettler, Jahrgang 1966, hat diesem früher dezenten, heute überraschend monströsen Gerät einen ersten Roman gewidmet.

Und der beginnt ganz klassisch: "Es war ein sonniger, leicht föhniger Aprilmorgen, als Dr. Masoni in meinem Mund eine ungewöhnliche Entdeckung machte." Nicht Karies oder Parodontose entdeckt Dr. Masoni im Mund des Musikers Anton Windl, sondern eine prähistorische Anlage, genauer: eine mehrere Tausend Jahre alte Zahnspange. Ein Glück für die Wissenschaft - und eine zweifelhafte Ehre für den Patienten, der sich damit abfinden muss, erst einmal auf unabsehbare Zeit für Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen als Forschungsobjekt herhalten zu müssen. Dr. Masoni fühlt sich als einfacher Zahnarzt der weiteren Behandlung nicht mehr gewachsen und überlässt seinen Patienten dem Vertrauensarzt Dr. Berg.

Dessen Name ist Programm - denn er wird in den kommenden Jahren diagnostische und therapeutische Verfahren anwenden, wie sie einst in der Berggasse erfunden worden sein könnten. Die Psychoanalyse betreibt die Archäologie der Seele, konsequenterweise zählt zu den ersten Spezialisten, die sich an Windls Krankenlager einfinden, ein Zahnarchäologe: Erzählt denn der Zustand eines Gebisses nicht mindestens genauso viel über das biografische Woher eines Menschen, wie ein Analytiker in endlosen Sitzungen seinem Patienten entlocken kann?

Was aber entdeckt die Forschung im Mund des Anton Windl? Eine gute Frage, auf die der Roman chaotisch-komische Antworten liefert. Zunächst einmal sichern die Wissenschaftler eine reiche materielle Überlieferung. Windls prähistorische Zahnspange liefert, gemeinsam mit seltenen Irdium-Verbindungen in den Zahnfüllungen, Hinweise auf den Einschlag eines Meteoriten in sein Gebiss. Der Mann ist ganz offenbar wesentlich älter als die Patienten, die man üblicherweise beim Zahnarzt trifft, weswegen der archäologische Befund auch durch eine gründliche Anamnese ergänzt werden muss.

Der Patient tut sich schwer mit dem Sprechen - das soll beim Zahnarzt ja vorkommen, liefert aber einem Roman, dessen Hauptfigur die meiste Zeit an den Behandlungsstuhl gefesselt ist, eine drastische Pointe. Im Roman hilft aus solcher Not der Narrator, ein abenteuerliches Gerät, wie es Wilhelm Reich nicht besser hätte erfinden können. Sobald der Patient in einer bedrohlich ausstaffierten Kammer Platz genommen hat, setzt diese Wundermaschine die Erinnerung in Gang, lockert die Zunge und kanalisiert den Redestrom, der dem Zuhörer (und Leser) trotzdem heftige Turbulenzen zumutet. Windls Erinnerungen reichen tatsächlich zurück bis in die Antike, verdichten sich dann allerdings in unserer Gegenwart im Moment eines unvergesslichen Initiationserlebnisses: als er von seinen Eltern zum neunten Geburtstag eine wunderbare Zahnspange geschenkt bekommt.

So viel zur Befundlage im Falle von Michael Mettlers Romanerstling. Und wie sieht die Diagnose aus? Die Kriterien, nach denen man gewöhnlich eine Lektüre beurteilt, helfen hier kaum weiter, denn dieser Roman ist so eigensinnig, dass er sich gegen alle Vergleiche mit früheren Lektüren sperrt. Nicht von der Handlung oder irgendeiner Psychologie geht der Drive aus, der einen von der ersten bis zur letzten Seite durch das Buch treibt; es sind vielmehr die virtuosen Assoziationen, die wuchernden Fantasien und eine perfekt getimte Komik, die den Erzählstrom in Gang halten. Schaurig präziser Realismus - etwa in der Schilderung quasimilitärischen Zahnpflegeunterrichts in der Schule - wechselt unversehens in abseitige Fantastik, wenn der ohnehin gebeutelte Patient im Rahmen seiner Untersuchungen mit kleinen, fiesen Projektilen beschossen wird (was er freilich ohne größeren Schaden übersteht). Kurz und gut: Wer dieses Buch gelesen hat, wird sich in Zukunft mit anderen Augen beim Zähneputzen im Spiegel betrachten. Was man nun wirklich nicht von vielen Romanen behaupten kann.Alchemie ist die Lehre von der ewigen Umwandlung, der Unbestimmtheit der Elemente. Getreu dieser Theorie weiß man nicht, ob man "Die Bibliothek des Alchemisten" einen okkulten Kriminalroman, ein Verschwörungsepos oder ein Sammelsurium aus historischen Erzählungen mit Rahmenhandlung nennen soll. Starb Professor Pühapäev als einsamer, etwas schrulliger alter Mann, oder wurde er ermordet, weil er drauf und dran war, das Geheimnis der Quintessenz, den Stein der Weisen zu verschachern?

Das klingt zunächst mal unheimlich blöd und nach schlechter Parodie. Jon Fasman aber versteht es, in diesem flott geschriebenen und spannenden Roman (schon in der ersten Lektürestunde stolpert man über drei Leichen) eine durchaus intelligente Krimihandlung im Universitätsmilieu Neuenglands mit Spuren zu seltsamen, im Grunde völlig absurden Artefakten zu spicken, ohne dabei das Szepter des Skeptizismus aus der Hand zu geben.

Nicht nur skurril, sondern nahezu unerhört liest sich, was Michael Inger in seinem Debüt anstellt. "Heiß" behandelt die Machenschaften um die Eröffnung eines Wärmekraftwerkes. Der Planungsleiter wird in den Kanälen ermordet aufgefunden, woraufhin die zuständige Magistratsabteilung einen Privatermittler einschaltet, denn die Polizei wird von höchster Stelle an ihrer Arbeit gehindert. Wir schreiben ungefähr das Jahr 1900, aber wir befinden uns in Wean, einer Fantasy-Alternative zu Wien. Hier tummeln sich neben menschlichen Wesen Trolle, Zwerge und möglicherweise sogar ein Drache, die einerseits dem Gelegenheitsdetektiv Laim und andererseits dem ehemaligen Druiden Noor das Leben schwer machen.

Die Anlehnung an Charaktere von Fantasystar Terry Pratchett ist mitunter mit Fäusten zu greifen, die geografischen Namen sind hanebüchen, der Kriminalfall selbst mäßig spannend, und auch das Ende (mit Showdown) wirkt etwas überstürzt. Dennoch: Die nette Idee, die detailverliebte, sowohl stilsichere als auch sarkastische Ausführung verdienen Respekt, und ein Fantasykrimi aus Wien hat in jedem Fall Seltenheitswert.

Martin Lhotzky in FALTER 19/2006



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