Tricks. Acht Erzählungen

Alice Munro


Das Leben hat keine Pointe

Komplex und klug: In "Tricks" erzählt Alice Munro von Müttern, Töchtern und der Unmöglichkeit, sein Leben auf den Punkt zu bringen.

Alice Munro gilt "seit Jahren", wie es schon seit Jahren heißt, als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. Wie es um die Chancen der, neben ihrer Freundin Margaret Atwood, bekanntesten kanadischen Schriftstellerin tatsächlich steht, ist natürlich nicht zu sagen. Für sie spräche, dass die Frauenquote mit bislang zehn ausgezeichneten Frauen in der über hundertjährigen Geschichte des Preises eher peinlich niedrig ist; dagegen spricht, dass Schriftsteller, die fast ausschließlich Kurzprosa verfassen, nicht eben zu den heißesten Kandidaten zählen.

Zu diesem Genre kam die Autorin übrigens aus rein pragmatischen Gründen, wie sie erst unlängst in einem Interview mit der Zeit erzählte: "Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. (...) War ich einmal richtig drin in einer Geschichte, ging im Haushalt alles drunter und drüber. Ich schälte die Kartoffeln, dachte mir dabei die nächsten paar Sätze aus, setzte die Kartoffeln auf, und während diese kochten, rannte ich ins Wohnzimmer und schrieb wieder ein paar Zeilen. Dann schnell wieder in die Küche - mehr als einmal waren die Kartoffeln verkocht."

Dass es kluge, kultivierte Frauen in Kanada nicht ganz einfach haben, wird auch in "Tricks", dem jüngsten Buch der heute 75-jährigen Autorin, mehrfach angedeutet: "In der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen war, wurde ihre Art von Intelligenz in dieselbe Kategorie gesteckt wie ein lahmes Bein oder ein zusätzlicher Daumen", heißt es über Juliet, die Mitte der Sechzigerjahre als Lateinlehrerin an einer privaten Mädchenschule in Vancouver unterrichtet und, wie sich ausrechnen lässt, um drei Jahre jünger ist als ihre Erfinderin.

Juliet ist die Protagonistin von "Entscheidung", "Bald" und "Schweigen", die auf knapp 130 Seiten fast schon einen Kurzroman ergeben, wie überhaupt die insgesamt acht Erzählungen - keine von ihnen unter vierzig Seiten, die umfangreichste doppelt so lang - mit der klassischen Short Story à la Raymond Carver herzlich wenig gemein haben. Die Kunst liegt hier weder im Reduktionismus in Bezug auf Handlung, Dauer oder Personal noch in novellistischer Zuspitzung, sondern in der komplexen Verzahnung von Perspektivenwechsel, Rückblenden und Vorausblicken, die auf die Hierarchisierungen gewöhnlicher Lebensläufe keine Rücksicht nimmt. Während den wieder aufgenommenen altphilologischen Studien Juliets relativ breiter Raum gewährt wird (sie interessiert sich für die sogenannten Gymnosophisten), wird der Unfalltod ihres Mannes völlig unvermittelt, knapp und trocken erwähnt ("Erics Leichnam wurde am dritten Tag geborgen").

Vielfach umfassen die einzelnen Erzählungen mehr als das halbe Leben ihrer Protagonistinnen, wobei sich Munro größte Freiheiten im Umgang mit der Chronologie herausnimmt: "Kräfte" etwa beginnt mit Tagebucheintragungen der jungen Nancy aus dem Jahr 1927 und endet - nach Zwischenstationen im Jahr 1968 und den frühen Siebzigerjahren - damit, dass sich die - sterbende? - Nancy in die Köpfe zweier Menschen versetzt, die für sie wichtig waren, ohne dass diese Bedeutung auf den Punkt gebracht würde; "Tricks" serviert uns seine Figuren nicht auf dem Silbertablett der Erklärung, sondern zeigt, wie diese selbst ihr Leben immer neu ausrichten, neu deuten müssen.

Die beträchtliche Heterogenität von Munros antilinearem Erzählen zeugt von einer grundlegenden Skepsis gegenüber der Verwechslung von Abfolge mit Folgerichtigkeit: dass etwas so oder so gekommen ist, heißt nicht, dass es so kommen musste. Dem abschließenden Urteil über die erzählend entfalteten Lebensläufe verweigert sich Munro ganz konsequent: Etwa in der Titelerzählung der deutschen Fassung (im Original ist die Sammlung nach der ersten Geschichte "Runaway", zu deutsch: "Ausreißer", benannt), die mit einem Motiv spielt, das eigentlich so verboten ist wie der Lottogewinn oder der Meteor, der den ärgsten Widersacher erschlägt: die Verwechslung eineiiger Zwillinge, die hier hoch reflexiv inszeniert wird.

Robin - wieder eine dieser quer zu den Kleinstadtkonventionen stehenden Heldinnen - lernt im Anschluss an einen Theaterbesuch zufällig einen Montenegriner kennen, der ihr vorschlägt, sich in einem Jahr wieder zu treffen, sie allerdings bei dieser Gelegenheit brüsk zurückweist - ein Irrtum, der sich erst Jahrzehnte später aufklärt: "Shakespeare hätte sie darauf vorbereiten können. Zwillinge geben bei Shakespeare oft Anlass zu Verwechslungen mit katastrophalen Folgen. Ein böses Mittel zum guten Zweck, das sollen diese Tricks sein. Und am Ende sind die Rätsel gelöst, die üblen Streiche vergeben, die wahre Liebe oder etwas Ähnliches flammt wieder auf, und jene, die zum Narren gehalten worden sind, besitzen den Anstand, sich nicht zu beklagen."

Imitiert die Literatur das Leben oder ist es umgekehrt? Falsche Frage, sagt Munro. Die Metapointe von "Tricks" besteht darin, zu zeigen, dass schon die Erwartung einer alles erleuchtenden Schlusspointe fragwürdig ist. Am Ende wird das tatsächlich gelebte Leben unser Leben gewesen sein, ob wir es für geglückt oder verfehlt halten. Dass es anders hätte laufen können, ist eine banale Einsicht - ob diese nun von Heiterkeit oder Melancholie begleitet wird: "Sie wird kein Quäntchen Dankbarkeit für den Streich aufbringen, der ihr gespielt worden ist. Aber sie wird dahin gelangen, dankbar für die Aufdeckung zu sein. Wenigstens dafür - für die Aufdeckung, die alles heil lässt, bis zu dem Augenblick des tückischen Eingriffs. Die Empörung auslöst, aber von Ferne wärmt, von aller Scham befreit."

Alice Munro gilt - an sich keine schlechte Voraussetzung für den Nobelpreis - als Spezialistin für komplizierte und hochambivalente Mutter-Tochter-Beziehungen. Ihre älteste Tochter, Sheila Munro, hat ein Buch über das Problem geschrieben, eine "Ikone" zur Mutter zu haben. "Ich war nie vom ganzen Herzen Mutter. Es geschah einfach. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Töchter über alles, aber dieses existenzielle Aufgehen in der Mutterrolle, das habe ich nicht gespürt", gestand Alice Munro in dem bereits zitierten Interview.

Auch in "Tricks" ist sie dieser Thematik treu geblieben. Nachdem sie im Alter zwischen zehn und 15 Jahren mit ihrer Mutter "zusammen Frau" gewesen war, schlägt sich Juliet schließlich auf die Seite ihres Vaters ("Bald"), nur um später ihrerseits von der eigenen Tochter abgelegt zu werden - Penelope verschwindet einfach: Was als sechsmonatige Klausur beginnt, die ihren vom Elternhaus offenbar nicht gestillten spirituellen Hunger befriedigen soll, erweist sich als totaler Rückzug aus dem Leben der Mutter. Erst viel später wird Juliet zufällig von einer Freundin Penelopes erfahren, dass ihre Tochter mittlerweile irgendwo im Norden des Landes wohnt und selbst fünf Kinder hat. Das ist keine Pointe und keine Lösung, man kann es nur hinnehmen: "Sie hofft weiterhin auf ein Wort von Penelope, aber nicht sehnlich oder gar inständig. Sie hofft, wie Menschen wider besseres Wissen hoffen, auf einen unverdienten Glücksfall, auf spontanen Straferlass, auf derlei Dinge."

Klaus Nüchtern in FALTER 19/2006



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