Todesmarsch Eisenstraße 1945. Terror, Handlungsspielräume, Erinnerung: Menschliches...

Christian Ehetreiber, Heimo Halbrainer


"Leider auch Leute aus der Umgebung"

Vor sechzig Jahren endete der erste Kriegsverbrecherprozess in der Steiermark. Die britischen Besatzer hatten das Verfahren gegen Beteiligte des Massakers am Präbichl als Lehrbeispiel für Prozessführung nach Jahren der nationalsozialistischen Gerichtsbarkeit konzipiert.

Montag, 29. April 1946: Hunderte Menschen warten vergeblich vor dem Gerichtsgebäude in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße in Graz auf Einlass. Im großen Schwurgerichtssaal, der bis auf den letzten Platz besetzt ist, schließt der Vorsitzende Richter Glyn Jones den Eisenerz-Prozess, der am 1. April begann, mit den Worten ab: "Dieses hier ist ein englisches Militärgericht, zusammengerufen, um nach österreichischem Recht eine Anzahl österreichischer Staatsangehöriger wegen Mordes zur Verantwortung zu ziehen. Es ist unsere Pflicht, wahrhaftig und objektiv Gerechtigkeit sprechen zu lassen. Ich sage nicht österreichische Gerechtigkeit, und ich sage nicht britische Gerechtigkeit, denn Gerechtigkeit kennt nicht Nationen oder Landesgrenzen."

Ein Jahr zuvor, am 7. April 1945, erreichten Tausende ungarische Juden und Jüdinnen erschöpft den Präbichl-Pass. Jene, die es bis hierher geschafft hatten und nicht schon in den Monaten zuvor infolge von Unterernährung, Krankheit und willkürlichen Morden ums Leben gekommen waren, hatten schon einen langen, qualvollen Weg hinter sich. Ausgangspunkt ihrer Odyssee war der Beginn der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944. Wenige Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen begann unter Adolf Eichmann die Ghettoisierung der Juden, der ab Mitte Mai 1944 Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz folgten, wo über 400.000 sofort ermordet wurden. Die wenigen in Ungarn verbliebenen Juden wurden durch ein Abkommen der faschistischen Pfeilkreuzler-Regierung mit dem Deutschen Reich im Herbst 1944 als Arbeitssklaven für die Errichtung einer Verteidigungsanlage, des sogenannten Südostwalls entlang der österreichisch-ungarischen Grenze, als "Leihgabe bis Kriegsende" zur Verfügung gestellt. Diese rund 75.000 Juden und Jüdinnen wurden Anfang November 1944 von Budapest nach Nickelsdorf getrieben, von wo aus sie entlang der Grenze in Lagern untergebracht wurden. Mangelnde Ernährung und miserable sanitäre Bedingungen führten dazu, dass in den Lagern Flecktyphus ausbrach. Die NSDAP-Gauleitung Steiermark befahl zur Eindämmung der Seuche die Erschießung der Menschen.

Mit dem Näherrücken der Roten Armee wurden die Lager Ende März 1945 aufgelöst und die jüdischen Schanzarbeiter in sogenannten Evakuierungsmärschen nach Mauthausen getrieben. Als Begleitmannschaft dienten unter anderem lokale Volkssturmeinheiten jener Gegenden, durch die die Marschkolonnen getrieben wurden.

Vom Reichsführer SS Heinrich Himmler wurden Ende März 1945 die Gau-und Kreisleiter aufgefordert, die Juden "ordentlich", unter möglichster Schonung ihrer Leben nach Mauthausen zu transportieren. "Ordentlicher Transport" hieß in der Diktion der SS aber auch, dass kein Häftling lebend auf der Strecke zurückbleiben durfte. Daher wurden Marschunfähige, Erschöpfte, Kranke von den Begleitmannschaften erschossen. Nach Kriegsende sollten entlang der Routen in über vierzig steirischen Gemeinden Gräber gefunden werden. Neben der Ermordung von "Marschunfähigen" kam es immer wieder zu Massakern. Das größte Massaker ereignete sich am Präbichl.

Am 7. April 1945 wurden vom Eisenerzer Volkssturm rund 4000 ungarische Juden am Präbichl in Empfang genommen, um sie bis nach Lainbach zu eskortieren. Um 14 Uhr marschierte der Zug über die Passhöhe in Richtung Eisenerz. Oben angekommen, eröffneten mehrere Volkssturmmänner das Feuer. Nach einer Dreiviertelstunde lagen rund 200 Menschen des Transports tot oder sterbend entlang des Wegs. Überlebende des Massakers mussten die Leichen in der Seeau, unweit des Leopoldsteiner Sees bei Eisenerz, in mehreren Gräbern begraben.

Ein halbes Jahr später, am 14. Oktober 1945, berichtete ein Beamter des britischen Geheimdienstes FSS in Eisenerz an seine vorgesetzte Stelle in Leoben von ersten Leichenfunden in der Seeau. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden zu den geöffneten Gräbern geführt, um sie mit den Verbrechen zu konfrontieren. Und die ebenfalls eingeladene Presse schrieb: "An keinem der Toten sind Schuhe festzustellen, man sieht um die Füße nur von Schnüren gehaltene Lappen gewickelt, mancher Schädel zeigt kleine Löcher, andere wieder sind zertrümmert, und jeder einzelne Tote ist ein fürchterliches Symbol für die grauenhaften Leiden, denen jüdische Menschen in der Gewalt des Dritten Reichs ausgesetzt waren. Es ist ein unbeschreiblicher Gegensatz, wenn man auf die von Lumpen dürftig umhüllten Skelette blickt und ringsherum ein majestätisches Bild der Natur mit der Seemauer als Krönung, den stillen Frieden steirischen Hochwaldes und eine rechtschaffene Bevölkerung weiß. Letzterer Glaube trügt aber insofern teilweise, da leider auch Leute aus der Umgebung zu den Mitverantwortlichen zählen."

Nachdem Anfang November 1945 Informationen über die Entdeckung der Leichen des Massakers in Eisenerz bis nach London ins War Office gedrungen waren und die vermutete Opferzahl mit 7000 angegeben wurde, wurde trotz gegenteiliger Ansichten führender britischer Beamten entschieden, diesen Fall einem britischen Militärgericht zu übertragen. Damit waren die Briten die einzige Besatzungsmacht in Österreich, die die Verbrechen an ungarischen Juden - die ja keine Verbrechen gegen Angehörige der Alliierten waren - vor ihren Gerichten führten.

Die Entscheidung, dieses Verfahren an sich zu ziehen, dürfte mehrere Gründe gehabt haben. Einerseits stand im deutschen Lüneburg Anfang November 1945 nach fast zweimonatiger Verhandlung der von einem britischen Militärgericht geführte Bergen-Belsen-Prozess, in dem 17 SS-Männer und 16 Aufseherinnen des Konzentrationslagers angeklagt waren, kurz vor dem Abschluss. Dieser erste Kriegsverbrecherprozess hatte 1945 für Aufsehen gesorgt. Erstmals wurden dabei die Verbrechen der Nazis einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht, indem über Wochen hinweg Details und Fotos von Leichenbergen zwischen den Baracken des Konzentrationslagers und von offenen Massengräbern gebracht wurden, die unmittelbar nach der Befreiung gemacht worden waren.

Was der Belsen-Prozess 1945 für Deutschland, sollte der Eisenerz-Prozess für Österreich sein - ein Lehrbeispiel für Prozessführung nach Jahren der nationalsozialistischen Gerichtsbarkeit. Andererseits dürften die Briten zu diesem Zeitpunkt noch kein Vertrauen in die österreichische Justizbehörden gehabt haben, die zwar seit dem Sommer 1945 in Sachen Morde am Präbichl ermittelten, aber es dennoch nicht zuwege brachten, drei der Hauptverdächtigen am Massaker zu verhaften, obwohl - wie die britischen Militärbehörden verwundert feststellten - die ganze Umgebung von der Mitschuld der Betreffenden Kenntnis hatte. Sie fürchteten daher nicht zu Unrecht, die Verwicklung sehr vieler Einheimischer in dieses Verbrechen könnte die österreichische Justiz beeinflussen.

Am 1. April 1946 eröffnete der eigens aus London angereiste Richter Glyn Jones den Prozess gegen 18 Männer aus der Umgebung von Eisenerz, der über vier Wochen von allen Medien ausführlich begleitet wurde. Welchen Stellenwert dieser Prozess für die junge österreichische Demokratie hatte, zeigt sich auch darin, dass der Leiter der britischen Justizbehörde in Österreich sowie Justizminister Dr. Josef Gerö an den Verhandlungen teilnahmen. Ende April 1945 wurden die Urteile gesprochen. Und es waren harte Strafen: zehn Todesurteile und vier Freiheitsstrafen. Dabei war für viele Zeitgenossen auffallend, dass jene Personen, welche die Befehle zum Massaker gegeben hatten, teilweise härter als die ihnen Untergebenen bestraft wurden. So wurden zwei der zehn Todesurteile gegen "Schreibtischtäter" ausgesprochen, während ein Angeklagter, der nachweisen konnte, dass er nur aufgrund massiven Drucks gemordet hatte, zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt wurde.

Diesem ersten Kriegsverbrecherprozess vor einem britischen Militärgericht folgten bis November 1947 weitere zehn in Graz. Insgesamt wurden 29 Todesurteile ausgesprochen, von denen 23 vollstreckt wurden. Verglichen mit der Tätigkeit der österreichischen Justiz, die in der Steiermark zwar 101 Personen wegen NS-Tötungsverbrechen verurteilte - wobei mehr als die Hälfte der Urteile Denunzianten betrafen -, war die Tätigkeit der britischen Justizbehörden bis zu ihrer Einstellung im Zuge des Kalten Kriegs bemerkenswert.

Aber nicht nur die Zahlen der verurteilten Täter und die harten Urteile waren für die erste Nachkriegszeit ausschlaggebend. Vielmehr waren es die in dem Prozess vorgebrachten Details und Argumente, die Zeugenaussagen der Überlebenden ebenso wie die Rechtfertigungen der Täter, die der Öffentlichkeit die Augen für die Verbrechen und die Mechanismen der Entmenschlichung öffneten. Diese frühe Phase der "Aufarbeitung" wurde jedoch schon bald vom Wunsch nach dem berühmten "Schlussstrich" abgelöst. Prozesse wurden eingestellt oder endeten mit zweifelhaften Freisprüchen. Danach herrschte über fünfzig Jahre Schweigen. Erst in den letzten Jahren hat dieses Verbrechen vor der eigenen Haustüre eine zweite Phase der "Vergangenheitsbewältigung" erlebt: 2004 wurde am Präbichl ein Mahnmal enthüllt, 2005 wurde ein Buch zum "Todesmarsch" und den Morden am Präbichl herausgegeben und 2006 fand der Prozess Eingang ins Theater - das Schauspielhaus Graz zeigt "Die Eisenerz-Protokolle".

Heimo Halbrainer in FALTER 18/2006



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