Die Geschichte meiner Schreibmaschine

Paul Auster, Sam Messer


Der Midlifecrisis entkommen und wieder mit steigender Form präsentiert sich seit seinem letzten Roman "Nacht des Orakels" US-Starautor Paul Auster. Mit dem jüngsten Werk "Die Brooklyn-Revue" verlässt der postmoderne Wunderwuzzi nun auch sein angestammtes Terrain voll magischer Zufälle und verschwimmender Identitäten und überrascht mit einem locker erzählten, unterhaltsamen Ensemblestück. Es wäre allerdings nicht Auster, wenn ein Großteil der Geschichte nicht doch wieder in Brooklyn spielen würde. Dorthin, an den Ort seiner Kindheit, hat sich Nathan Glass zurückgezogen, der ein wenig pathetische, aber auch sympathische Protokollant der Ereignisse. Von der Frau verlassen und angeblich todkrank, will er eingangs nur sterben, ist de facto aber mehr von Liebeskummer und Weltschmerz bedroht als von seinem bereits überstandenen Krebsleiden. Zurück in die Welt holt den Lebensmüden, dass ihn seine Familie braucht - der einst so hoffnungsvolle Neffe, der nun in einem Antiquariat jobbt; die leichtlebige Nichte, die von einem religiösen Fanatiker gefangen gehalten wird; und deren kleine Tochter, die umsorgt werden will. "Die Brooklyn-Revue" ist Auster zu einer rührseligen, aber auch sehr witzigen Szenenfolge um eine ganz normal kaputte Sippe geraten, die durch die Kraft der Liebe wieder zusammenwächst. Honest kitsch rules! Die frohe Botschaft wird auf der letzten Seite allerdings gebrochen, endet das Buch doch just am 11.9.2001, kurz bevor das erste Flugzeug in den Nordturm des WTC kracht. "Aber noch war es acht Uhr, und als ich unter dem strahlend blauen Himmel die Straßen entlangspazierte, war ich glücklich, mein Freund, so glücklich wie nur je ein Mensch auf dieser Erde."

Wer nicht genug von Auster kriegen kann und das nötige Börserl hat - freilich lässt sich der dünne Band auch trefflich in der Buchhandlung durchblättern -, für den hat der Verlag sogar ein Buch über des Autors geliebtes Schreibgerät im Programm. "Die Geschichte meiner Schreibmaschine" ist eine von Sam Messer illustrierte Hymne Austers an seine alte Olympia, auf der er seit 1974 alle Texte geschrieben hat.

Sebastian Fasthuber in FALTER 18/2006



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