Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts

Micha Brumlik


Die Arbeit am Glück

Der deutsche Pädagoge Micha Brumlik beschreibt Sigmund Freud in einem neuen Buch als bahnbrechenden Kulturtheoretiker. Der "Falter" fragte ihn, was noch dran ist an Freuds Lehren, ob Arbeit glücklicher macht als Liebe und warum das Handy so geil ist.

Micha Brumlik, Jahrgang 1947, hat eine Professur für Bildung und Erziehung an der Universität Frankfurt. Er wurde als Kind jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren, 1952 gingen die Eltern zurück nach Deutschland. Er studierte Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Psychologie in Jerusalem und Frankfurt am Main. Er forscht und publiziert auf den Gebieten moralischer Sozialisation, der Erziehungs-und Bildungsphilosophie und der jüdischen Kultur-und Religionsphilosophie. Seinen biografischen Hintergrund beschrieb Brumlik 2000 in dem Buch "Kein Weg als Deutscher und Jude". 1993 erschien seine Einführung in die Gedankenwelt des Freud-Schülers C.G. Jung und jetzt, rechtzeitig zum 150. Geburtstag, sein Buch über Sigmund Freud: "Der Denker des 20. Jahrhunderts".

Falter: Rund um den Freud-Geburtstag erscheinen Tonnen von Büchern. Warum sollte man gerade Ihres lesen?

Micha Brumlik: Weil es sich nicht auf tiefenpsychologische Beziehungen im engeren Sinn beschränkt, sondern Freuds Bedeutung als Kulturtheoretiker und als bürgerlicher Theoretiker der Politik hervorhebt.

Sie beschreiben Freud als "Denker des 20. Jahrhunderts". Ich nehme an, vor dreißig Jahren hätten Sie den Namen eines anderen Mannes genannt.

Vor dreißig Jahren hätte ich den Begriff "Denker des 20. Jahrhunderts" auf niemanden angewandt. Und, falls Sie das meinen sollten, sicher nicht auf Karl Marx.

Ist Freud ein Denker für ältere Semester, denen der Glaube an das Gute im Menschen abhanden gekommen ist?

Freud war ein resignativer Denker, der durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs aus seinen naiven Erwartungen an die Sekurität des bürgerlichen Zeitalters herausgerissen worden ist. Und auch wenn er eine ganze Reihe sozialistischer und kommunistischer Schüler gehabt hat, ist er spätestens 1930 im "Unbehagen in der Kultur" zu dem Schluss gekommen, dass die kommunistische Hoffnung nicht aus ökonomischen, sondern aus psychologischen Gründen zum Scheitern verurteilt war. Dabei hat es sicher auch eine Rolle gespielt, dass die Psychoanalyse, in den späten Zwanzigerjahren in der Sowjetunion unterdrückt und verboten wurde.

Streckenweise liest sich Ihr Buch, als hätten Sie bereut, zu viel Herbert Marcuse gelesen zu haben, der die sexuelle Befreiung in Verbindung mit der Abschaffung des Privateigentums propagierte. Liege ich da richtig?

Ich bereue auf keinen Fall, mich mit Herbert Marcuse auseinander gesetzt zu haben. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, ob die Freudomarxisten, also Marcuse und ein Teil der Frankfurter Schule, Erich Fromm, Wilhelm Reich und ein Teil seiner Anhängerschaft, Sigmund Freud eigentlich richtig rezipiert haben. Ein Teil von Freuds Meinungen ist aber einfach nicht berücksichtigt worden ist. Marcuse hat versucht, Freuds Metapsychologie aus dem kapitalistischen Leistungsprinzip abzuleiten. Er hat Freud auch zugestanden, individuelles, leibliches Leid richtig gesehen zu haben, behauptete aber, dass das unter befriedeten sozialen Umständen nicht mehr so dramatisch sei. Was er aber übersehen hat, war Freuds Behauptung, dass auch die zwischenmenschlichen Beziehungen notwendigerweise immer mit einem erheblichen Ausmaß an Leiden einhergehen.

Im Gegensatz zu den utopischen Ansätzen der Frankfurter Schule wirkt das von Freud konstatierte "persönliche Anrecht auf dingliche Güter" wie ein realistischer Gegenwartsbefund. Ist Freud aktuell im Sinne des heutigen, liberalen Kapitalismus?

Freud bekennt in "Unbehagen in der Kultur", dass er selbst unter Armut gelitten hat und auch durchaus für soziale Gerechtigkeit ist. Er ist und bleibt aber insoweit ein bürgerlicher Denker, als er die Institution des Privateigentums für die Form von Subjektivität, die es in unseren Gesellschaften gibt, für grundlegend hält. Ob das dann für den eigenen Besitz, die eigene Zeitungslektüre, die eigene Wohnung gilt oder sich auf den Privatbesitz von großen Kapitalien ausdehnt, ist eine politische Frage, zu der Freud gar nichts zu sagen hat.

Stimmt es, dass er das menschliche Glück eher in der Arbeit als in der sexuellen Erfüllung gesehen hat? Das wäre ja dann eine Verwandtschaft zwischen Marx und dem Antikommunisten Freud.

Es gibt resignative Äußerungen von Freud, in denen er sagt, dass der Mensch für das Glück eigentlich nicht vorgesehen ist. Andererseits hat er doch persönlich erlebt, dass ihn, wenn überhaupt etwas, die kreative Arbeit glücklich und zufrieden gemacht hat. Er war davon überzeugt, dass kreative Arbeit, das Abarbeiten an der Realität, ein hervorragendes Mittel ist, um die seiner Meinung nach stets vorhandene Aggressionsfähigkeit zu binden und zu kanalisieren. Insofern trifft er sich hier mit Karl Marx, in der tiefsitzenden anthropologischen Bedeutung der Arbeit. Das ist keineswegs selbstverständlich. Es gab Jahrhunderte und Jahrtausende in der menschlichen Zivilisation, in der Arbeit keineswegs den Zentralwert dargestellt hat. Noch Schiller war der Meinung, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist, wo er spielt, nicht dort, wo er arbeitet.

Wie lassen sich nach Freud dann eigentlich Arbeit und Liebesbeziehungen miteinander verbinden?

Das hat Freud nicht zusammenführen können.

Entweder oder?

Nein, es wäre - und das ist wieder ein Thema von Marcuse - vielleicht wünschenswert, Arbeit selbst zu erotisieren, von einem Zwang zu einem Bedürfnis zu machen. Aber das systematische Problem, das sich mit Freuds Vermutungen über die zentrale Rolle der Arbeit stellt, sehen wir heute im Rahmen einer kapitalistischen Gesellschaft, der die bezahlte Lohnarbeit ausgeht und in der Arbeit ihre Rolle als organisierendes Zentrum von Lebensführungen verliert. Es entsteht hier ein großes Problem, auf das die westlichen Gesellschaften noch keine Antworten haben.

Zum Geburtstag wird zwar viel über Freud geschrieben, dennoch hat man den Eindruck, als gälte Freud im deutschen Sprachraum weniger als in Frankreich oder Amerika.

Die Psychoanalyse gehört in Deutschland, anders als in Frankreich, nicht mehr zum selbstverständlichen geistigen Hintergrund der intellektuellen Klasse.

Warum?

Das hat mit der Vertreibung der Psychoanalyse aus dem deutschsprachigen Raum zu tun. Und zweitens damit, dass die kulturelle Hegemonie der Kritischen Theorie, die es in den Sechziger-und Siebzigerjahren einmal gegeben hat, inzwischen zerbrochen ist. In der Zeit, in der ich studiert habe, war die Psychoanalyse eine zum Teil hegemoniale, tiefenpsychologische Theorie, die man sehr eng verbunden hat mit den Verbrechen ihrer Vertreibung aus Deutschland. Dann hat es einen wissenschaftlichen Backlash vor allem aus der Richtung der analytischen Philosophie des logischen Positivismus gegeben.

Wenn man dem französischen "Schwarzbuch Psychoanalyse" folgt, wird Freuds Lehre nur mehr von abgesprungenen Priestern und arbeitslosen Philosophen praktiziert. Stimmt das?

Ich kann nicht ermessen, ob das, was dieses "Schwarzbuch" behauptet, weiten Zuspruch gewinnen wird. Eines ist daran vielleicht richtig, aber das ist nicht kritikwürdig: Die Psychoanalyse ist nicht nur eine Kulturtheorie, eine Philosophie und eine medizinische Psychologie. Sie ist im besten Sinne Heilswissen, also eine Wissensform, die Heilung verspricht. Das führt wohl dazu, dass es gelegentlich zu weniger wissenschaftlichen als vielmehr eher kirchenförmigen Gruppen-und Sektenbildungen kommt, deren Mitglieder sich gegenseitig befehden und sich wechselseitig des Verrats bezichtigen.

Daher gibt es in Wien auch zwei Geburtstagsfeiern. Auf der einen hält Leon Botstein einen Vortrag über Freud und Wittgenstein, den anderen hält der französische Psychoanalytiker Jean Laplanche. Wo würden Sie hingehen?

Ich würde zu beiden hingehen. Ich habe Jean Laplanche kennen gelernt und finde seine Neuinterpretation der Freud'schen Sexualisierungsthesen großartig. Und natürlich interessiert mich die Frage sehr, ob und in welchem Zusammenhang jenes Wien der Jahrhundertwende, dieses Laboratorium der Moderne, in diesen beiden zentralen Gestalten unterschiedlich zum Ausdruck kommt und ob es da gemeinsame Wurzeln gibt, vielleicht in der zentralen Rolle der Sprache und des Sprechens.

Psychoanalytiker versuchen, die gesellschaftliche Relevanz von Freuds Lehren zu demonstrieren, indem sie den Todestrieb von Selbstmordattentätern analysieren. Ist das nicht ziemlicher Unsinn?

Finde ich nicht. Wir haben uns an den Sexualtrieb gewöhnt, und auch an den Aggressionstrieb. Dass es auch einen Trieb zu töten und zu sterben gibt, das erscheint eigentümlich fremd. Man muss sich nicht lang darüber streiten, dass es in unterschiedlichen Gesellschaften zu unterschiedlichen historischen Epochen kollektive Formen der Todessehnsucht gibt. Die entscheidende Frage ist: Wie erklärt man das? Man kann es mit den üblichen psychologischen Theorien - Frustrationstrieb, Aggressionstrieb - erklären oder soziologisch: Wo gesetzlose Zustände herrschen, steigt die Neigung von Menschen, sich und andere umzubringen. Ich finde, man begeht keinen Fehler, wenn man solche offensiv gezeigte Formen der Selbst-und Fremdzerstörung als Todestrieb bezeichnet. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Attentäter von Madrid dem Westen mit den Worten der spanischen Faschisten aus den Dreißigerjahren mitgeteilt haben: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod."

Was Freud so anrüchig machte, war ja seine Behauptung der kindlichen Sexualität. Was ist daran noch aktuell?

Dass die akademische Entwicklungspsychologie, die sonst jedes und alles erforscht, dazu seit Jahrzehnten keine Forschungsergebnisse vorzuweisen hat. Das scheint mir ein Beleg dafür zu sein, dass es immer noch so etwas wie eine Verdrängung gibt - obwohl die Gesellschaft, was die Sexualität angeht, durch und durch liberalisiert ist. Die Auseinandersetzung mit diesem allerletzten Tabu ist dadurch verhindert worden, dass man das alles ziemlich atemlos in die Missbrauchsdebatte geleitet hat.

Es geht dabei ja vor allem auch um das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern. Wann ist man, nach Freud, denn eigentlich erwachsen?

Für ihn als bürgerlichen Theoretiker ist man erwachsen, wenn man in der Lage ist, sein Leben selbst durch Arbeit zu fristen. Und wenn man in der Lage ist, prokreativ zu leben, also selbst Kinder zu zeugen, zu gebären und aufzuziehen, und seinen Pflichten in der Gesellschaft nachzugehen.

Und gleich noch so eine Frage: Was ist denn eigentlich Sex?

Das sind entweder allein oder gemeinsam vollzogene Handlungen von Menschen mit der Stimulierung der erogenen Zonen, die dann zu erheblichen Lustgefühlen führen und in einem Fall, dem des heterosexuell-genitalen Verkehrs, auch zur Zeugung und zum Gebären von Kindern führen können.

Mhm. Sie kennen sicher jene Passage, wo Freud schreibt, das Unbewusste des Analytikers habe sich "wie der Receiver eines Telefons" auf das Unbewusste des Patienten einzustellen ...

Nein, die kenne ich nicht. Aber es ist eine schöne Metapher dafür, was in einem psychoanalytischen Setting geschehen kann.

Was hätte er wohl zum Handy gesagt, diesem geilen, vibrierenden Ding?

Aus psychoanalytischer Sicht gaukelt das Handy falsche projektive Nähen vor, die es tatsächlich nicht gibt - und zwar so, dass sich das Problem der Realitätsprüfung beziehungsweise des Verschwimmens von Wünschen und wirklichen Beziehungen in verschärfter Weise stellt.

Ist die Aufladung von Waren mit erotischer Energie, also die Sexualisierung des Kapitalismus, nicht die prägende Erfahrung Ihrer Generation?

Einige Mitglieder der marxistischen Linken in Frankfurt - etwa der Psychoanalytiker Reimut Reiche, der schon sehr früh ein wichtiges Buch über die repressive Entsublimierung geschrieben hat - haben gesehen, dass die Ausstellung von Sex alles andere als emanzipatorisch ist und im Gegensatz dazu vor allem die Funktion hat, die Menschen noch stärker an eine Welt oftmals unsinniger Warenproduktion zu ketten.

Schauen Sie manchmal fern?

Ja, sehr oft.

Dann sind Ihnen sicher auch nicht die vielen Krimiserien entgangen, die sich mit naturwissenschaftlichen Fahndungsmethoden beschäftigen. Freuds Interesse an den Ermittlungsmethoden von Sherlock Holmes ist bekannt. Beide waren zwar Naturwissenschaftler, aber mit einem ausgeprägten Hang für intuitive Erkenntnis. Wären Freud und Holmes heute, angesichts von Hirnforschung und Biometrie, arbeitslos?

Das glaube ich nicht. Wenn ich Serien wie "C.S.I." oder die Kriminalromane von Kathy Reich richtig verfolge, dann bleibt es dabei, dass das Aufnehmen genetischer Fingerabdrücke die Kombinationsfähigkeit und die Spürnase der Ermittler nicht ersetzen können. Roboter, die solche furchtbaren Rätsel lösen können, wird es genauso wenig geben, wie man durch den Einsatz bildgebender Verfahren bei der Erfassung des menschlichen Gehirns die Lebensgeschichte des Menschen erkennen kann.

Haben hundert Jahre Psychoanalyse die Menschheit besser gemacht?

Offensichtlich nicht, denn in der Zeit hat es ja zwei Weltkriege gegeben. Aber ich glaube schon, dass damit intellektuelle Instrumente zur Verfügung gestellt worden sind, die es uns ermöglichen, uns gesellschaftlich weiterzuentwickeln. Ich glaube in der Tat auch, dass die Psychoanalyse als psychoanalytische Pädagogik in den westlichen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Liberalisierung von Erziehungsstilen in der Mittelschicht gehabt hat.

Haben Sie selbst eine Psychoanalyse gemacht?

Hab ich, ja.

Und?

Was soll ich dazu sagen? Es gab mehrere Anläufe. Ich bin zunächst zu dem Schluss gekommen, dass die Theorie deutlich besser ist als manche derjenigen, die sie praktizieren. Das hat dazu geführt, dann auch die Theorie eine Zeit lang in Bausch und Bogen zu verwerfen. Später, nach einer gelungenen Psychotherapie, habe ich dann gesehen, dass diese Theorie einer vernünftigen Praxis entsprechen kann.

Sie haben es also nicht wie Freud gemacht und sich selbst analysiert?

Wie das möglich sein soll, habe ich nie verstanden.

Matthias Dusini in FALTER 18/2006



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