Tsotsi

Athol Fugard, Kurt H. Hansen


Willkommen im Dreck

In Gavin Hoods Oscar-prämiertem Film "Tsotsi" findet ein schwarzer Gangster aus Johannesburg einen Säugling und sich selbst.

Der junge, zornige Mann wohnt hoch oben, und wenn er die Tür seiner Einzimmerhütte öffnet, kann er fast die ganze Township überblicken. Tsotsi nennen ihn seine Freunde, was so viel bedeutet wie Gangster, seinen wirklichen Namen hat er - ebenso wie seine ganze Kindheit - vergessen. Woher er kommt und wer seine Eltern waren, weiß er nicht, will er aber auch gar nicht wissen. Denn hier, im Slum am Rande von Johannesburg, kommt nur der weiter, der keine Probleme mit sich herumschleppt und den anderen einen Schritt voraus ist. Doch den Überblick, der ihn auszeichnet und zum Anführer seiner Bande macht, beginnt Tsotsi (Presley Chweneyagae) zusehends zu verlieren.

Am Beginn schlägt sich die Gang trotz oder gerade aufgrund innerer Spannungen noch gemeinsam durchs Armenviertel, bis Tsotsi eines Tages nach einem Streit aus der Township flieht, in der reichen Vorstadt landet und einer schwarzen Frau den BMW klaut. Doch Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Väter: Am Rücksitz findet Tsotsi nämlich ein Baby, das er - wie das mit Kleinkindern eben schnell einmal passiert - fortan nicht mehr hergeben möchte. Aber nicht weil es seines Schutzes bedürfte, sondern weil es ihn an die verdrängte Vergangenheit erinnert und an jenen Ort, an den er eigentlich nie mehr zurückwollte: die eigene Kindheit.

Spätestens an diesem Punkt erweist sich Gavin Hoods "Tsotsi" als eine Mischung aus Fernando Meirelles' "City of God" und John Fords "Three Godfathers" und hat damit heuer immerhin den Oscar für den besten fremdsprachigen Film eingefahren. Die fremde Sprache nennt sich in diesem Fall "Tsotsi-Taal", ein südafrikanischer Township-Slang, mit dem das einheimische Darstellerpersonal für die nötige Authentizität sorgen soll.

Als Milieustudie funktioniert "Tsotsi" allerdings nicht: Der am Originalschauplatz gefilmte gelbe Staub des Ghettos, die in Betonröhren wohnenden Kinder und der peitschende Rhythmus der Kwaito-Musik wirken aufgrund ihrer Stilisierung dem realistischen Anspruch ebenso entgegen wie die Erzählung, die der gebürtige Südafrikaner Gavin Hood nach der Romanvorlage seines Landsmanns Athol Fugard geschrieben hat.

Wo Fugards Roman - geschrieben Anfang der Sechzigerjahre, jedoch erst 1980 veröffentlicht - die Figur des jungen Mannes sozusagen als Folie verwendet, um den wechselseitigen Auswirkungen von Apartheid und Armut nachzuspüren, interessiert sich Hood vorrangig für das individuelle Schicksal des jungen Gangsters, von dem gegenwärtige gesellschaftliche Zusammenhänge an den Rand gedrängt werden. Die bruchstückhaften Erinnerungsfetzen des Protagonisten, die bei Fugard die Handlung immer wieder zum Stillstand bringen ("Wenn Tsotsi über sich selbst nachdachte, dann sah er nichts als Dunkelheit"), werden auf der Leinwand zu zwei oder drei Rückblenden, in denen eine traumatische Kindheit zum Auslöser des sozialen Übels wird.

Der Prozess der Läuterung und Selbstfindung, den Hood seinem Helden als Pflegevater angedeihen lässt, führt jedoch zu einer prekären Schlussfolgerung: Wer im Elend der Townships lebt, hat nicht unbedingt die Chance, dem Dreck zu entkommen, aber er kann immer noch einen kleinen Scheißer und ein reines Gewissen finden.

Michael Pekler in FALTER 18/2006



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