textstrom. Poetry Slam/Slam Poetry

Diana Ramsauer


Reime ohne Ende

Die Grazer Poetry Slams gehen in die nächste Runde: Veranstalter Klaus Messner lädt Sprachartisten aller Art wieder zu heftigen Wortduellen in den Stadtpark.

Der Veranstalter der Grazer Poetry Slams Klaus Messner - selber Slammer, Literat und Schauspieler - geht es locker an: "Heuer werden wir auch Flyer machen." Zum ersten Mal fand der Grazer Poetry Slam zu Beginn des vorigen Jahres im Parkhouse statt. Willkommen ist bei dieser - everything goes - Lese-und Performanceveranstaltung jeder, der gewillt ist, literarische Ergüsse und Freestyle-improvisationen aller Art einem kritischen Publikum und der gestrengen Jury darzubieten. Die Stimmung bei den Grazer Poetry Slams war bisher gut, die Anzahl der Teilnehmer ließ allerdings vor dem Sommer etwas nach. Deshalb möchte Messner die Unternehmung heuer professionalisieren. Die soeben erschienene Anthologie "textstrom - Poetry Slam/Slam Poetry" - herausgegeben von den Wiener Poetry-Slam-Veranstaltern Mieze Medusa und Diana Köhle - ist sicher auch ein weiterer Schritt, dieser Art des Lesewettbewerbs einen höheren Status zu verleihen, wie er ihn etwa in Deutschland schon längst genießt.

Entwickelt hat sich diese Art des Lesewettbewerbs Mitte der Achtziger in den USA, wurde in Chicago aus der Taufe gehoben und in New York salonfähig gemacht. Mitte der Neunziger schwappte die Welle auch nach Deutschland über. Als Erfinder des Poetry Slam gilt der amerikanische Performancepoet Marc Kelly Smith, die herkömmliche Literaturpräsentation erschien ihm zu schnarchig. Etwas Pfeffer in die Sache sollten die neuen Freiheiten der Performance - von Schreien, Fluchen, Schimpfen bis Heulen ist alles erlaubt - bringen, ein Publikum, das nicht nur wertet, sondern auch aktiv in die Performance eingreift, eine Zeitbeschränkung von fünf Minuten, die zu Höchstleistungen anspornen soll, und ein von der Jury vergebener Preis, der allerdings mehr die Ehre als das Portemonnaie befriedigt. Letztendlich bestimmt die Jury den Sieger. Nicht immer zum Wohlgefallen des Publikums. Hitzige und lautstarke Diskussionen können die Folge sein.

Eine Hitzigkeit, die Messner hierzulande abgeht, auch die Interaktionsbereitschaft des Publikums hält er für ausbaufähig. Ein allzu pingeliges Pochen auf Einhaltung des Zeitlimits muss seiner Meinung nach nicht sein. Ein Grund, warum es mit dem Wiener Veranstaltungsteam - letztes Jahr beim Grazer Poetry Slam zu Gast - zu regelphilosophischen Dissonanzen kam. Und dass jemand unangemeldet "My Way" von Frank Sinatra zum Besten gegeben hat, verstößt zwar gegen die Vorschrift, ausschließlich Selbstverfasstes zu präsentieren, Beinbruch war aber auch das für Messner keiner. Vor allem jetzt, in einer Phase, in der sich das Ganze in Graz ohnehin noch nicht etabliert hat. Sollte der Andrang größer werden, werde allerdings auch er sicher mehr Wert auf striktere Regeln legen.

Andere hingegen, wie die unlängst in Graz zu Gast gewesene deutsche Spoken-Poetry-Koryphäe Bas Böttcher - sozialisiert mit HipHop und lange aktiv als Poetry Slammer - haben sich schon längst etabliert. Mit seinen slicken Binnenreimen und wuchernden Alliterationen hat Böttcher mittlerweile die klassischen Orte der Literatur gestürmt, das deutsche Feuilleton überschlug sich vor Freude, die Frankfurter Allgemeine Zeitung verortete ihn "weitab von manch angestrengter Dunstproduktion im Literaturbetrieb". Der deutsche Oberzyniker Harald Schmidt bezeichnete ihn gar als "Deutschlands Rap-Poet Nr. 1". Soeben erschien sein Werk "Dies ist kein Konzert", welches "Verbalaccessoires im Komplettset für jeden Anlass", also Textbuch und Audio-CD, bereithält. Vor Improvisationskaskaden mit ungestüm gestikulierender Performance schreckt er aber auch in den ehrwürdigen Häusern der Literatur nicht zurück. "Meine Auftritte sollen keine Kulturgottesdienste sein", meint er im Gespräch mir dem Falter. Durch seinen neuen Wohnort Berlin-Kreuzberg sind seine Texte zusätzlich roher geworden.

In der Art der Performance ähnlich ist ihm der Slammer Wolfi Lampl, besser bekannt unter dem Künstlerpseudonym Jimi Lend. Dieses hat er dem gleichnamigen Grazer Bezirk entliehen. Nachdem er in Wien über einen Flyer zu einem Poetry Slam gestolpert war, konnte er gleich beim ersten Antreten als Siegerprämie eine Flasche Whiskey in Empfang nehmen. 2004 stürmte er das Finale des vom Radio Kulturhaus initiierten Poetry Slams, seine erste Veröffentlichung kann man in einer eben erschienenen Poetry-Slam-Anthologie bewundern. Und dass er in Graz sehr oft gewonnen hat, betont er. Wie Böttcher bevorzugt er den Reimstil und Sprachgestus des Rap, ebenso wenig wie Böttcher weiß er eigentlich genau, warum. Beide sind jedenfalls der Überzeugung, dass eine Intonation im Stile des Rap der freien Sprachentfaltung entgegenkommt. Nicht umsonst wurzelt der Rap im Talk-Blues ehemaliger Sklavenplantagen. Aber auch Messner und Lend übernehmen gerne Traditionen des HipHop, wie die des "dissens", einer mit feiner Sprachklinge arbeitenden Kunstform, die den Rivalen des Wettbewerbs explizit harsche Kritik an den Kopf wirft. Danach trinkt man natürlich gemeinsam ein Bier.

Tiz Schaffer in FALTER 17/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×