stillborn

Michael Stavaric


Dead Woman Talking

Michael Stavaric' Debütroman "stillborn" ist ein atemloser Monolog voller falscher Fährten.

Morgens, nach dem Aufstehen, ich gehe ins Bad, schaue mich an, mir zu, tief in die Augen, den Ausschnitt, meine Maße sind bestens, alles in allem kann ich mich gar nicht beschweren. Ich bin hässlich, hässlich, hässlich innen drin, das ist viel schlimmer. Lebe, lebe, heute bin ich wieder nahe dran, es zu tun, es nicht zu tun, es fehlt mir nur etwas der Mut."

In "stillborn" - zu deutsch: tot geboren - folgt der Leser einer jungen Frau, die sich kaum noch spürt. Dabei ist es auf der Oberfläche nicht nur um Elisas Aussehen bestens bestellt, auch beruflich läuft alles blendend, in ihrer Ersatzfamilie, der Firma Schmidt & Partner, gilt sie als fähige Verkäuferin von Immobilien. Eine echte Beziehung allerdings unterhält sie einzig zu einem Pferd, und in ihrem Inneren sieht es finster aus: "Ich bin tot, tot, tot."

Elisa zieht auffällig oft um, nachts hält sie sich mit Vorliebe in leeren, noch zu verkaufenden Objekten auf. Als eine Brandserie beginnt, die ausschließlich Häuser betrifft, in denen ihr Arbeitgeber Wohnungen anbietet, wird sie trotzdem nicht verdächtigt. Dafür lernt sie einen der Ermittler kennen und geht ein Verhältnis mit ihm ein. Ob das genügt, um die Tote wieder ins Leben zu bringen?

Der seit 1979 in Österreich lebende Tscheche Michael Stavaric hat für seinen ersten Roman eine ungewöhnliche Perspektive gewählt. Aus der Sicht einer hochgradig verwirrten, nicht besonders zuverlässig wirkenden Erzählerin entspinnt er eine atemlose Leidensgeschichte, die sowohl Brandstiftung als auch eine lang zurückliegende Mordserie an kleinen Mädchen inkludiert, aber dennoch nichts für Krimifreunde sein dürfte. In Wahrheit dreht sich in dem Buch nämlich alles um Elisa und den Thriller in ihrem Kopf. Die einsame Protagonistin von "stillborn" ist stets kurz vor dem Umkippen. Sie leidet unter ihrer Herkunft, scheint aber nur umso stärker ihrer Mutter und der dörflichen Herkunft verbunden zu sein. In Wien ist sie sich selbst genug, auch wenn sie gerade an sich selbst verrückt zu werden scheint. Trotzdem: Elisa fällt nicht, es geht immer irgendwie weiter.

Stavaric hat einen eigentümlichen Roman geschrieben, dessen Stakkatostil den Leser in den Kopf der Heldin hineinsaugt. Dort geht es nicht sehr angenehm und selbst bei genauer Lektüre aufgrund zahlreicher Rückblenden, Träume und Halluzinationen verwirrend zu. Dennoch stellt sich keine Müdigkeit ein, da diese kaum greifbare Elisa eine derart intelligente, sarkastische und mitunter sogar sympathische Person ist, dass man sich bald wünscht, sie würde einen Weg aus ihrer Sackgasse finden. Diese Freude allerdings macht einem der Autor nicht.

Überhaupt legt Stavaric gern falsche Fährten, lockt mit Fluchtwegen, die sich die Erzählerin gleich wieder verbaut. Ob Elisa nun die gesuchte Pyromanin ist und auf wessen Konto die Morde in ihrer Kindheit gehen, bleibt trotz einiger Andeutungen offen. Es ist auch egal. Das Leben und Atmen dieser Frau ist auch so brutal genug.

Sebastian Fasthuber in FALTER 16/2006



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