Kriminal_Politik. Kritik statt Dogmen

Richard Soyer


Ein Wachmacher

Von Ausländerkriminalität bis Zeugenschutz: Die gesammelten Kommentare von Rechtsanwalt Richard Soyer gibt es jetzt als Buch.

Es ist zum Einschlafen. So lange jedenfalls, als man Recht bloß als Aneinanderreihung abstrakter Vorschriften versteht. Deshalb schlummern wohl auch so viele Jusstudenten, den Kopf auf ihre Lehrbücher gebettet, in den Bibliotheken des Juridicums. Damit Recht wach hält, braucht es den Bezug zum richtigen Leben. Sex zum Beispiel. Darüber schreibt Richard Soyer nämlich auch. Genauer gesagt, über Sex zwischen Häftlingen und deren Lieben in der Außenwelt und darüber, warum es gut ist, wenn kopuliert wird: "Resozialisierung hat zur Voraussetzung, dass im Strafvollzug menschlichen Bedürfnissen Rechnung getragen wird und Reifung, Entwicklung möglich sind."

Natürlich ist das jetzt ein ausgerissenes Beispiel, das raffiniert das Ziel verfolgt, Leser in diese Buchbesprechung zu ziehen. Aber es zeigt auch, worum es dem Sprecher der Strafverteidigervereinigung geht. Aufmerksam machen auf konkrete Probleme, die Recht und Gerichtsbarkeit lösen müssen. Nebeneffekt: Soyer erfüllt die toten Paragraphen mit Leben. Wie viel Kunst steckt in Graffiti? Was hat es auf sich mit der Ausländerkriminalität? Frächterblockaden, Nazigold, Folter, anonyme Kronzeugen, Aktualität des Verbotsgesetzes: Soyer berührt in seinem Band - für den der zeitweilig nach Hamburg verzogene Falter-Journalist Florian Klenk das Vorwort schrieb - alle Rechtsprobleme, die sich in den letzten Jahren gestellt haben. Manches, was der Anwalt, der unter anderen Josef Kleindienst in der Spitzelaffäre und Aktionskünstler Otto Mühl verteidigte, vor Jahren anprangerte, ist heute so aktuell wie damals. Etwa, wenn er die Verbrüderung von Richtern und Staatsanwälten aufzeigt. Oder wenn er die Kontrolle der Kontrolleure fordert. Auch seine Kritik, dass es im Strafvollzug an Mut und Fantasie fehle, verliert angesichts überfüllter Gefängnisse nicht an Aktualität: "Unterlassung alternativer Formen des Vollzugs von Freiheitsstrafen - wie gemeinnützige Arbeit, Halbgefangenschaft und elektronisch überwachter Hausarrest", machten die Situation so prekär, heißt es im Buch. Die Analysen des gebürtigen Kärntners, der auch bei Arnulf Rainer Malerei studierte, sind scharfsinnig und differenziert. Fad ist das nicht. Im Gegenteil. Vielleicht sollte man das Buch ja an Jusstudenten verteilen. Damit sie wach bleiben.

Matthias G. Bernhold in FALTER 15/2006



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