Benjamin Franklin. Erfinder, Freigeist, Staatenlenker

Jürgen Overhoff


Wolferl hin, Amadeus her: Der internationale Superstar des 18. Jahrhunderts war ein Buchdrucker aus Philadelphia. Tatsächlich vereinigte Benjamin Franklin (1706-1790), der Erfinder des Blitzableiters und zentrale Figur der US-amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, wie kein Zweiter den naturwissenschaftlichen und politischen Fortschritt seiner Epoche. Zu seinem 300. Geburtstag sind nun zwei weitere Huldigungen erschienen. Der US-Historiker Edmund Morgan fragt sich in seiner politisch-persönlichen Biografie, wie aus einem königstreuen Engländer, der gar von einem gemeinsamen Empire träumte, ein überzeugter Amerikaner wurde. Seine insgesamt 15 Jahre in England als Agent der Kolonien führten Franklin vor Augen, dass die hochnäsigen britischen Lords kein Verständnis für die nordamerikanischen Untertanen hatten, die sich ohne politische Mitsprache nicht besteuern lassen wollten. Und so wurde der friedliebende Franklin zum Revolutionär wider Willen, dessen diplomatisches Geschick den Unabhängigkeitskrieg nicht verhindern konnte.

Der deutsche Historiker Jürgen Overhoff nimmt im Vergleich dazu den ganzen Franklin in den Blick, der als Buchdrucker so erfolgreich war, dass er mit 42 Jahren ausgesorgt hatte. Bevor der klassische Selfmademan zum Geburtshelfer der USA avancierte, brachte er erst einmal Philadelphia auf Vordermann: Leihbibliothek, Feuerwehr, Bürgerpolizei, Krankenhaus, weiterführende Schule, gepflasterte Straßen und öffentliche Straßenbeleuchtung sind seinem Fundraisingtalent und unerschütterlichem Optimismus zu verdanken. Bei allen seinen Unternehmungen hatte er das Gemeinwohl im Sinn, und so konstruierte er auch einen energiesparenden und raucharmen Kamin, eine Glasharmonika, für die auch Mozart komponierte, und erfand als sehschwacher Greis noch die bifokalen Gläser. Dunkle Flecken? Ein uneheliches Kind - das er sogleich in seine Familie integrierte. Und für kurze Zeit besaß er Sklaven - um an seinem Lebensende zu einem der vehementesten Gegner der Sklaverei zu werden.

Oliver Hochadel in FALTER 15/2006



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