Leyla

Feridun Zaimoglu


"Die Zeiten waren hart"

Vom Kanakster-Poeten zum Großkünstler: Feridun Zaimoglu spricht über seinen umjubelten Türkei-Roman "Leyla", seine Ambitionen als Autor und sein Leben als Rampensau.

Als er sechs Monate alt war, 1965, kam Feridun Zaimoglu mit seiner Familie aus dem anatolischen Bolu nach Deutschland. Als er 1970 eingeschult wurde, konnte er fast kein Deutsch. Heute lobt er seine Lehrerin Frau Hüve für ihre harten Methoden, dem kleinen Feridun die ihm fremde Sprache beizubringen. Er selbst zählt längst zu den Hoffnungsträgern der deutschen Literatur. Sein jüngster Roman, "Leyla" wurde im Feuilleton von FAZ bis taz einhellig gelobt. Zaimoglu erzählt darin die Vorgeschichte der ersten Einwanderergeneration. "Leyla" ist in der Türkei der Fünfziger-und Sechzigerjahre angesiedelt und breitet aus der Perspektive eines jungen Mädchens eine vielleicht nicht ganz untypische Familiengeschichte voll Unterdrückung, aber auch Sehnsucht und Liebe aus.

Als Autor hat Zaimoglu, der erst Kunst und Medizin studierte und letztes Jahr für Aufsehen sorgte, indem er die Fassade der Kunsthalle Wien mit Halbmondfahnen behängte, seit seinem ersten Buch, "Kanak Attack" (1995) einen langen Weg zurückgelegt. Aus dem harten Kieler Poeten der Straße ist ein ebenso feinsinniger wie barocker Erzähler geworden. Zurzeit befindet sich Zaimoglu auf einer ausgedehnten Lesereise, die ihn dieser Tage auch nach Wien führen wird. Das Interview fand am Telefon statt, während Zaimoglu im Ravensburger Romantikhotel Waldhorn saß.

Falter: Die meisten Autoren betrachten das Rumfahren und Vorlesen aus ihren Büchern als notwendiges Übel, um Geld zu verdienen. Sie gelten als Rampensau.

Feridun Zaimoglu: Ja, es macht mir einen Heidenspaß. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich Bücher vor allem deswegen schreibe, um danach sofort auf Lesetour zu gehen. Ich liebe es aufzutreten. Je mehr Menschen und Kameras da sind, desto entspannter bin ich. Das Vorlesen ist für mich keine Pflichtveranstaltung. Ich schreibe für die Leser, ich habe sie auch beim Schreiben vor Augen. Warten Sie, jetzt mache ich den Fernseher doch aus, die haben schon wieder ein Tor geschossen.

Das Leben aus dem Koffer stört Sie nicht?

So eine Lesereise hat natürlich auch Nebenwirkungen. Ich bekomme meist nicht sehr viel Schlaf, weil der harte Kern nach Lesungen oft noch weiterzieht. Es gibt insgesamt schon eine gewisse Hektik, alle zwei Wochen muss ich mich für ein, zwei Tage nach Kiel zurückziehen.

Auch beim Schreiben geben Sie Vollgas, haben in elf Jahren acht Bücher veröffentlicht, von journalistischen Texten, Theaterarbeiten und Kunstprojekten einmal abgesehen. Woher nehmen Sie die Energie?

Es war schon immer so, dass mich die absolute Anbindung an die Realität ziemlich angeödet hat und ich daher eine Nebenbeschäftigung haben musste. Jetzt ist diese Nebenbeschäftigung, als die ich das Schreiben anfangs gesehen habe, zur Hauptsache geworden. Ich liebe es einfach. Es war immer mein Traum, im Kulturbetrieb mitzumischen. Ich sehe es nicht als Arbeit an, vielleicht entsteht deswegen so viel. Zu Hause arbeite ich an längeren Texten, unterwegs an Auftragswerken fürs Theater oder an Kolumnen. Diese Verbindung von Reisegefühl und Arbeit ist toll. Ich muss meinen Verlag loben, der hat mir eine Bahncard gegeben, mit der ich immer Erste Klasse fahren kann. So lässt es sich auch unterwegs gut arbeiten.

Wie entsteht denn ein Buch wie "Leyla"?

Im Anfang wusste ich: Ich will die Geschichte einer einfachen türkischen Frau aus dem Volk schreiben, die es am Ende des Buches nach Deutschland verschlägt. Als ich eine Türkin der ersten Generation beobachtete, fragte ich mich einfach: Was hat die für eine Vorgeschichte? Und mir war gleich klar, dass ich das nicht aus einer distanzierten Erzählperspektive schreiben kann, sondern mich in die Frau einfühlen musste, auch wenn ich damit fürchterlich auf die Schnauze fallen hätte können.

Wie geht dann die Niederschrift vonstatten, kapseln Sie sich ab?

An sich können sogar Leute in dem Raum, in dem ich schreibe, ein und aus gehen, nur Musik lenkt mich ab. Bei "Leyla" war es aber schon Lebensverzicht - so nach dem Motto: Der Gollum verkriecht sich in seine Höhle. Das habe ich nach eineinhalb Jahren Vorarbeit wie im Fieberwahn in dreieinhalb Monaten auf meiner elektrischen Schreibmaschine in der Küche runtergeschrieben. Ich bin an die Grenzen meiner Belastbarkeit gestoßen, und es hat dann auch zur Folge gehabt, dass meine Beziehung in die Brüche gegangen ist.

"Leyla" ist eine ziemlich radikale Abkehr von dem, wofür Sie bislang bekannt waren. Im Vergleich zu "Kanak Attack" oder "German Amok" ist es ein sehr leises Buch.

Finde ich nicht unbedingt. Es ist ein leises lautes Buch. Ich glaube aber, ich habe erst mit den Jahren gemerkt, dass ein Schreiber ein Geschichtenerzähler und was für ein Spaß es ist, sich Geschichten auszudenken. Ich bin immer mehr davon abgekommen, mich an die Realität zu halten. In gewisser Weise waren die vorigen Bücher eine Hinführung zu dem, was ich jetzt mache.

Sie haben praktisch Ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht, wie haben Sie sich diese für Sie fremde Welt als "Leyla" angeeignet?

Ich saß bei meiner Mutter und bei meinen Tanten auf dem Sofa und hörte diesen Frauen der ersten Generation zu, wie sie erzählten. Es ging weniger um die Geschichten, die sie erzählten, als darum, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen und den Ton zu finden.

Man stellt sich beim Lesen natürlich die Frage, wie realistisch diese Familiengeschichte mit tyrannischem Vater ist und inwiefern es das heute noch gibt.

Es gibt schon viele Familien, in denen der Vater ein Tyrann ist. Das war so und das ist heute immer noch so. Aber es gibt auch ganz viele Familien, wo das nicht der Fall ist.

Sie haben kürzlich erklärt, sich zu aktuellen Türkei-Debatten in Deutschland nicht mehr äußern zu wollen. Wieso?

Es trägt schon jeder seine Statements auf den Markt der Meinungen. Wobei man sagen muss, dass die Debatte in Deutschland im Prinzip sehr klar und offen geführt wird. Nur wird auch viel übersehen. Es gibt zum Beispiel eine Diskussion über Importbräute, aber es wird verschwiegen, dass es auch Importbräutigame gibt, sich also Frauen Originaltürken nach Deutschland holen. Das passt dann halt nicht ins Konzept. Ich verwehre mich daher auch dagegen, den harten, prügelnden Vater als Idealtypus des türkischen Mannes zu sehen. Die Realität ist einfach viel komplizierter.

Es ist eine sehr brutale Welt, die Sie da beschreiben, aber auch eine Welt voll Sehnsucht und Liebe. Gerade die Frauen scheinen über geheime Kanäle zur Kommunikation und Weitergabe von Wissen zu verfügen.

Das kommt wohl daher, dass ich einer Sippe entstamme, in der es sehr starke Frauen gegeben hat. Das Leben war hart, aber sie haben sich immer ihre Enklaven geschaffen. Und wenn ich nach rechts und links schaute, konnte ich das auch bei anderen entdecken. Diese Frauen der ersten Generation sind für mich die eigentlichen Heldinnen der Einwanderung. Sie haben Männer ertragen, die sich auf Traditionen und auf Aberglauben berufen haben, sich selbst aber nicht daran gehalten haben. Ich entdecke heute interessanterweise eine gewisse Wehmut bei diesen Frauen. Die sagen, die alte Zeiten waren hart, aber es gab schöne Momente.

Wie haben Ihre Eltern auf das Buch reagiert?

Meine Mutter kann nicht so gut Deutsch, aber mein Vater hat sich unter Zuhilfenahme von Wörterbüchern über mehrere Monate durch das Manuskript gekämpft. Einiges hat er dann meiner Mutter übersetzt. Die beiden waren nach der Lektüre des Buches melancholisch angeweht, weil diese Zeiten, in denen sie gekämpft haben, vorbei sind. Das wollte ich natürlich nicht, dass es sie traurig stimmt.

Das deutsche Feuilleton kniet momentan vor Ihnen nieder, ganz anders als bisher. Empfinden Sie Genugtuung, oder macht Sie so viel Lob auch ein bisschen skeptisch?

Weder noch. Ich freue mich einfach, denn es war harte Arbeit. Dieses Buch hat ja nicht nur eineinhalb Jahre, sondern eigentlich elf Jahre Vorgeschichte. Zum ersten Mal in meiner Karriere als Schreiber ergibt es sich, dass Leserschaft, Verlag und Feuilleton einhellig von einem Buch angetan sind. Vielleicht bin ich einfach gestrickt, aber ich möchte Bücher schreiben, die die Leser begeistern.

Wie ist das in der Türkei, ist der Name Zaimoglu dort ein Begriff?

Nein, überhaupt nicht. Das Seltsame ist, dass sich der Literaturpapst der Türkei in seinen Kolumnen immer wieder auf mich bezieht, aber es nützt nichts. Mein drittes Buch, "Koppstoff", wurde ins Türkische übersetzt, das hat sich in fünf oder sechs Jahren sage und schreibe 217 Mal verkauft. Daraus lässt sich Folgendes ableiten: kein Interesse. (Lacht.)

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2006



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