Geschichte meines Lebens. Mozarts Librettist erinnert sich

Lorenzo Da Ponte, Charlotte Birnbaum, Jörg Krämer


Die Zähne des Abbate

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum widmet sich dem Mozart-Librettisten, Priester und Aufklärer Lorenzo da Ponte, der ein abenteuerliches Leben auf der Flucht führte.

Angeblich war es nur ein Missverständnis in einer unbedeutenden amourösen Angelegenheit, doch es kostete Lorenzo da Ponte alle Zähne. 1783 traf der Dichter im Café Milani auf dem Wiener Kohlmarkt, wo sich die italienische Gemeinde der Residenzstadt zu versammeln pflegte, auf einen gewissen Signor Doriguti, der in eine Nachbarin da Pontes verliebt war, die ihrerseits jedoch nur Augen für den nichts davon ahnenden Poeten hatte. Eifersüchtig sann Doriguti auf eine elegante Form der Rache - nicht durch plumpe Muskelkraft, sondern durch einen hinterhältigen Ratschlag.

Der verschmähte Liebende überreichte seinem an einem Geschwür im Mund leidenden Landsmann eine spezielle Tinktur zur Behandlung. Das Mittelchen ließ es tatsächlich nicht an Wirkung fehlen, binnen kurzem war da Ponte sein Geschwür los - sowie sämtliche Zähne und für zwei Jahre die Funktionstüchtigkeit seines Verdauungsapparates. Doriguti hatte ihm eine Flasche mit Scheidewasser in die Hand gedrückt, hochkonzentrierte Salpetersäure, die sogar Metalle auflöst.

In seinen Jahrzehnte später publizierten Memoiren berichtet da Ponte selbst von diesem beinahe tödlichen Vorfall, wobei er, nicht anders als die meisten Autobiografen, seine eigene Rolle durchaus in Richtung unwissender Unschuld beschönigt haben dürfte. Dennoch ist die Anekdote bezeichnend für den streitbaren Italiener, der nach seiner Ankunft in Wien Ende 1781 kaum mehr ein Jahr brauchte, um schon wieder gut gepflegte Feindschaften zu unterhalten. Zahlreiche Intrigen, Skandale, Konkurse und Streitereien mit Kollegen, Geschäftspartnern und der Obrigkeit zwangen ihn regelmäßig zur Flucht und prägten sein abenteuerliches Leben zwischen Venedig und Wien, London und New York; dazwischen aber konnte Lorenzo da Ponte - nicht zuletzt dank einigen strategischen Geschicks und einflussreicher Förderer - immer wieder atemberaubende Erfolge feiern und die anregende Gesellschaft eines illustren Freundeskreises von Casanova bis Joseph II. genießen.

Bekannt ist der kosmopolitische Dichter bis heute vor allem als kongenialer Partner Wolfgang Mozarts. 1785 war es ihm gelungen, Beaumarchais' Lustspiel "Le nozze di Figaro" so geschickt zu bearbeiten, dass der revolutionäre Stoff trotz eines Verbots der Vorlage ohne nennenswerten Wirkungsverlust durch die österreichische Zensur kam; und auch für "Don Giovanni" (1787) und "Così fan tutte" (1790) fand er eine ungemein vielschichtige und anspielungsreiche, elegante und virtuose Sprache, die wesentlichen Anteil daran hat, dass diese Opern heute zu den besten der Musikgeschichte zählen.

In der Ausstellung "Lorenzo da Ponte. Aufbruch in die Neue Welt" des Jüdischen Museums stehen diese drei Meisterwerke nicht im Mittelpunkt. Stattdessen haben sich die Kuratoren Werner Hanak, Reinhard Eisendle und Herbert Lachmayer bemüht, den zahnlosen da Ponte als politisch ebenso aufgeweckten wie bissigen Dichter zu zeigen und entlang der Stationen seines langen Lebens zwischen 1749 und 1838 auch Einblick in eine spannende, von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägte Epoche zu geben. Das beginnt schon mit der umfangreichen Darstellung seiner - von ihm selbst gerne verschwiegenen - Herkunft.

Im jüdischen Ghetto des venezianischen Städtchens Ceneda wurde Lorenzo da Ponte am 10. März 1749 als Emanuele Conegliano geboren. Mit 14 Jahren konvertierte er zum Christentum und nahm dabei den Namen seines Taufpaten, des Bischofs von Venedig, an. Dieser "echte" Lorenzo da Ponte verschaffte seinem begabten Schützling eine Ausbildung am örtlichen Priesterseminar, wo dieser rasante Karriere machte, nach nur neun Jahren zum Direktor ernannt und bald darauf, 1773, zum (weltgeistlichen) Abbate geweiht wurde. Der Neid der Kollegen ließ da Ponte an das bedeutende Seminar von Treviso ausweichen. Doch als er dort Rousseau'sches Gedankengut verbreitete, entzog man ihm die Lehrerlaubnis. Zu guter Letzt wurde der ausschweifend lebende Priester auch noch anonym wegen öffentlichen Konkubinats denunziert; der unkeusche Vorfall diente als Vorwand, den politisch aufsässigen Dichter für 15 Jahre aus der Republik Venedig zu verbannen. Seine Flucht führte ihn über Görz und Dresden Ende 1781 schließlich ins Zentrum der Aufklärung, nach Wien.

Wir haben hier einen gewissen abate da Ponte als Poeten", schrieb Wolfgang Mozart am 7. Mai 1783 aus Wien an seinen Vater Leopold nach Salzburg. "Dieser muss per obligo ein ganz Neues büchel für den Salieri machen dann hat er mir ein Neues zu machen versprochen; - wer weis nun ob er dann auch sein wort halten kann - oder will! - sie wissen wohl die Herrn Italiener sind ins gesicht sehr artig! - genug, wir kennen sie! - ist er mit Salieri verstanden, so bekomme ich mein lebtage keins und ich möchte gar zu gerne mich auch in einer Welschen opera zeigen."

Nur mit einem Empfehlungsschreiben an den Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri in der Tasche, war Lorenzo da Ponte wenige Monate vor Mozarts Brief in Wien angekommen. Salieri hatte ihn sogleich Kaiser Joseph II. vorgestellt - und im Handumdrehen war der verbannte Priester und Poetikprofessor, der noch nie im Leben ein Opernlibretto verfasst hatte, zum Dichter der neu eingerichteten italienischen Oper am Burgtheater avanciert. Innerhalb kürzester Zeit brachte er es zum wichtigsten, auch von Mozart begehrten Theaterdichter der Stadt. Und zu einschlägigem Ruf: Mit den Vorbehalten, die in Mozarts Brief deutlich werden, stand der Komponist bei weitem nicht alleine da. Tatsächlich konnte sich der kaiserliche Günstling nach dem Tod Josephs II. 1790 immer weniger gegen die Intrigen der Konkurrenz zur Wehr setzen und verließ wieder einmal die Stadt.

Nach einer längeren Irrfahrt durch halb Europa schlug sich da Ponte ab 1805 als Italienischlehrer, Drogist, Feinkost-und Buchhändler in Pennsylvania, New Jersey und New York durch, bis für ihn 1825 schließlich eine Professur am Columbia College eingerichtet wurde. Von dieser Position aus gelang es ihm bis 1833 sogar, Finanziers für den Bau des ersten festen New Yorker Opernhauses zu finden - das er als Intendant innerhalb einer Saison in den Bankrott führte.

All das illustriert die Ausstellung mit viel Liebe zum Detail und zahlreichen Originalexponaten, ehe sie sich zuletzt dem Nachleben des Dichters widmet und dabei zu einer etwas fragwürdigen Zuspitzung hinreißen lässt. Ganz so konsequent, wie es der Ausstellungsaufbau insinuiert, dürfte die Verdrängung da Pontes aus der Wahrnehmung einer zunehmend antisemitischen Öffentlichkeit wohl nicht betrieben worden sein. Das belegen ja auch manche Ausstellungsstücke selbst - wie etwa der Programmzettel einer "Vorstellung für die NS-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude'" der "Hochzeit des Figaro" an der Wiener Staatsoper vom 9. Mai 1940, auf dem Mozarts jüdischer Librettist nicht verschwiegen wird.

Die Klärung der Frage, wie sich Lorenzo da Ponte auch ohne Zähne seine Bissigkeit bewahren konnte, ist da schon besser gelungen. Ein Exemplar aus der Sammlung des Zahnärztlichen Museums Wien beweist: Auch um 1800 konnte man schon Zahnprothesen herstellen.Seit Künstler fragen "Was für eine Beziehung hat die Kunst zum Leben?", spielt auch das Alltagsmedium Fotografie eine wichtige Rolle. Der Band "Kunst und Fotografie" geht der Verwendung des Mediums durch Künstler seit den Sechzigerjahren nach. Als Ed Ruscha 1966 alle Häuser von Hollywoods Sunset Boulevard aus dem Auto fotografierte, ging es ihm um eine serielle, anonyme Ästhetik. Im Gegensatz dazu inszeniert der Künstler Jeff Wall Straßenszenen, die auf die Geschichte der "street photography" rekurrieren, sich in ihrer Komposition aber an die Malerei anlehnen. Mit Schwerpunkten wie "Das Städtische und der Alltag", "Spuren von Spuren", "Das Studiobild" oder "Kulturen der Natur" untersucht das Buch die unterschiedlichen Motive, die dazu führen, dass Künstler "Klick" machen.

Nicole Scheyerer in FALTER 15/2006



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