Reisebericht eines T-Shirts. Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft

Pietra Rivoli, Christoph Bausum


Schanghai, Teksa

Unser Wohlstand wird von Armen in der Dritten Welt erarbeitet, die gezwungen sind, in Fabriken für einen Hungerlohn jene Produkte zusammenzunähen, die wir dann billig einkaufen. Stimmt das? Dieser Frage wollte die US-Ökonomin Pietra Rivoli auf den Grund gehen - und studierte die Lebensgeschichte eines einfachen Produktes. Ihres T-Shirts.

Kein extrem schickes Stück übrigens: "Es war weiß und mit einem knallbunten Papagei bedruckt, darunter stand in Schreibschrift ,Florida'." Auf dem Etikett war zu lesen: "Made in China". Die erste Überraschung erlebt Rivoli, als ihr der chinesische Exporteur erzählt, wo er die Baumwolle her hat: Die würde "in Teksa" angebaut. Die Baumwolle für die chinesischen Shirts kommt aus Texas. Die USA sind noch immer - wie seit 200 Jahren - Weltmarktführer beim Baumwollanbau. Das hat mit der hohen Effizienz der amerikanischen Farmer zu tun, mit dem günstigen Klima, mit dem US-Subventionssystem und mit der funktionierenden Infrastruktur. Von Texas reist die Baumwolle an die Pazifikküste, von da weiter nach Schanghai. Hier wird sie zuerst zu Garn gesponnen, dann zu Stoff verwebt, in Stücke geschnitten und zu einem T-Shirt vernäht. Die Managerin der staatseigenen Fabrik ist eine junge energiegeladene Frau, ihre Arbeiterinnen meist junge Frauen vom Land, die dem harten Bauernleben - und der patriarchalischen Unterdrückung in Familie und Dorf - entflohen sind. Sie machen acht Stunden täglich, sechs Tage die Woche, eintönige Arbeit und verdienen 150 Dollar monatlich.

Danach reist das T-Shirt wieder zurück. Es hat es schwer, in die USA zurückzukommen - Importquoten und Protektionismus wollen es draußen halten. Wenn Rivoli es nicht mehr will, wird sie es in eine Sammelbox der Heilsarmee werfen. Die überlässt Altkleider für fünf bis sieben Cent pro Pfund an Second-Hand-Händler, die das T-Shirt wahrscheinlich nach Afrika verkaufen werden.

Rivolis Recherche zeigt Erfreuliches und Überraschendes: Die Arbeit in den viel kritisierten chinesischen "Sweatshops" ist hart, aber die Arbeiterinnen erleben sie als Privileg. Für sie ist es der Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben mit bescheidenem Wohlstand. Die heutige Lebenserwartung in Schanghai beträgt 77 Jahre, erinnert Rivoli - "und ist etwas höher als in New York".

Die zweite Überraschung: Die Bedeutung des "freien Marktes" wird überschätzt. Erst in Afrika wird das T-Shirt freie Märkte kennen lernen. Die Baumwollpflanzung in Texas - staatlich gestützt und geschützt. Die Verarbeitung in China - auf einem rigide regulierten Arbeitsmarkt. Die Einfuhr in die USA - durch absurde Bestimmungen bis ins Detail politisch geregelt. Dass Menschen gerade auf solchen "Märkten" aktiv sind, zeigt, so Rivoli, dass viele deshalb erfolgreich sind, weil sie wettbewerbsintensiven Märkten aus dem Weg gehen.

Pietra Rivoli hat sie kennen gelernt: Sie heißen Nelson, Ruth, Gary, Yuan Zhi, Ed, Gulam, Qin, Mohammed, Yong Fang, Auggie und Patrick. "Texaner, Chinesen, Juden, Sizilianer, Tansanier, Moslems, Christen - sie kommen prima miteinander aus, sind verbunden durch den Handel mit Baumwolle, Garn, Stoff und T-Shirts."

Robert Misik in FALTER 15/2006



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