Sommerdiebe

Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.)


Grady, allein zu Haus

Ende 2004 langte bei Sotheby's New York ein alter Karton ein, in dem sich vier Schulhefte und 62 Seiten voller Notizen befanden: Sie entpuppten sich als vollständiges Manuskript von "Summer Crossing", einem Roman, den der damals 19-jährige Truman Capote im Jahr 1943 begonnen, aber nie publiziert und später gar als vernichtet ausgegeben hatte. Soeben ist "Sommerdiebe" nun im Rahmen einer vom Schweizer Kein&Aber Verlag besorgten Werkausgabe erschienen; der im Jahr 1948 erschienene Roman "Andere Stimmen, andere Räume", der lange als Capotes Debüt galt, folgt im Herbst.

Heldin von "Sommerdiebe" ist die noch nicht ganz 18-jährige Grady aus reichem und noblem Hause, die allein in New York zurückbleibt, während ihre Eltern mit dem Schiff nach Europa fahren, um sich in Paris mit so dringlichen Angelegenheiten wie dem Kleid für Gradys Balldebüt zu befassen, und die ältere, verheiratete Schwester den Sommer in East Hampton verbringt. Wovon der Rest der Familie nichts weiß: Grady hat einen Geliebten, der - nachdem die Karriere als berühmter Baseballstar oder Rechtsanwalt nicht so recht in die Gänge kommen wollte - vorerst als Parkplatzwächter arbeitet. Wovon Grady nichts ahnt: Der etwas mürrische Clyde, ein jüdischer Bursche aus Brooklyn, hat eigentlich eine Verlobte.

Dem blutjungen Capote (der damals als Laufbursche für den von ihm verehrten New Yorker arbeitet, ohne eine seiner Kurzgeschichten dort unterbringen zu können) ist es vor allem um die Atmosphäre zu tun, in der die erfahrungshungrige Grady durch das sommerliche New York getragen wird - erst im Verlauf der Geschichte wird das melodramatische Potenzial der Konstellation entwickelt, werden dunklere Töne dominanter. Ökonomisch werden die einzelnen Figuren mit Biografien ausgestattet, die ihnen Dreidimensionalität verleihen, die exaltierte Lichtmetaphorik und die manierierte Typografie (Doppelpunktdoppelungen!) sind einerseits a bit much, spiegeln andererseits den Zustand der Protagonistin stimmig wider. Und selbst wenn sich neben einigen wunderbaren Wendungen ("das Haus ihrer Abneigung war bescheiden mit Zärtlichkeit möbliert") auch genug stilistische Verirrungen finden ("eine murmelnde Kraft, gedämpft wie ein Motor im Leerlauf, durchzog jede Silbe mit der Lunte der Männlichkeit"), wird schnell klar, dass es sich bei "Sommerdiebe" um mehr als eine Talentprobe handelt.

Klaus Nüchtern in FALTER 15/2006



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