Leben & Kunst. Vom Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben


"Der Mensch ist eine Sau"

Der Zeichner und weltberühmte Kinderbuchautor Janosch wird anlässlich seines 75. Geburtstages mit einer Ausstellung in Wien geehrt. Der "Falter" sprach mit ihm über Gott, Thomas Bernhard und Joseph Beuys sowie über seinen Hass auf Tierquäler und Journalisten.

Horst Eckert kam 1931 im oberschlesischen Ort Zabrze, das damals Hindenburg hieß und zu Deutschland gehörte, in einem Kübel zur Welt. Seine Kindheit war geprägt von Hunger, Alkoholismus und den Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges. Der Verleger und Schriftsteller Georg Lentz, der auch die frühen Stücke von Peter Turrini herausbrachte, entdeckte 1959 in München das erzählerische Talent des jobsuchenden ehemaligen Schmied-und Schlosserlehrlings, Textilschülers und Akademiestudenten und erfand jenes Pseudonym, unter dem Janosch heute bekannt ist. Seither schrieb und illustrierte er 150 Bücher.

Berühmt wurde er durch das 1978 erschienene Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama", dem fünf weitere Geschichten vom kleinen Tiger und dem kleinen Bären folgen sollten. Er schrieb autobiografisch gefärbte Romane wie "Polski Blues" oder "Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm" - letzteren, nach eigenen Aussagen, unter dem Einfluss von siebzig Flaschen Gin. Publiziert wurden auch Theaterstücke und Illustrationen zu Texten von Charles Bukowksi und dem Marquis de Sade. Im letzten Jahr kam in zweiter Auflage das Bilderbuch "Leben & Kunst" mit Selbstinterviews heraus. Janoschs Abneigung gegen Journalistenfragen ist notorisch. Daher bestand der seit 1980 auf der Insel Teneriffa lebende bekennende Rotweintrinker auch auf einem schriftlich geführten E-Mail-Interview. "Versauen Sie nicht meinem Antworten", warnte Jot, wie er sich unter anderem zu nennen pflegt.

Falter: Guten Morgen, Herr Janosch. Tee oder Kaffee?

Janosch: Tee.

Zucker, Milch?

Kein Zucker, keine Milch.

Die Mischung aus Welt-und Gottesanklage, die aus Ihren Selbstinterviews spricht, hat mich einerseits umgehauen und kam mir andererseits ziemlich bekannt vor. Können Sie mit der barock-katholischen Tradition von Angelus Silesius bis Thomas Bernhard etwas anfangen?

Mein Pessimismus ist ein merkwürdiger Trick. Indem ich von allem das Schlechteste erwarte, ist das Ergebnis nachher in jedem Fall besser und bereitet mir eine große Freude. In Wahrheit bin ich ein fast geisteskranker Optimist, sofern es um mich selber geht. Gehe ich in eine Operation, bin ich mir sicher, dass es für mich das beste Ergebnis gibt. Selbst wenn ich abtrete, ist es die für mich beste Lösung. Es handelt sich um eine für andere nicht erklärbare, abgründige Heiterkeit. Das Interview, von dem Sie reden, ist außerdem einige Jahrzehnte alt - inzwischen gab es neue Erkenntnisse.

Thomas Bernhard gehört zu meinen Lieblingsautoren, ich teile seine Ansichten sehr weitgehend, vielleicht ist es auch eine Art Nachbarschaft im Denken und der Landschaft. Mein Nachname Eckert kommt ja aus Österreich. Es waren eingewanderte Bergarbeiter von der Unzerstörbarkeit der Bergziegen, die sich mit breitknochigen Polen verheirateten. Vielleicht gelangt der Sprachduktus so ins Blut. Angelus Silesius kenne ich nicht so gut, aber seine Quellen ähneln meinen. Ich bin nur ein eher simpler Mensch. Alles, was ich weiß, musste ich erraten und vermuten. Meine sieben Jahre Schulzeit waren sehr wenig.

Mit Thomas Bernhard teilen Sie nicht nur den Hass auf Journalisten und ungebetene Gäste, sondern auch die Begabung für sprachlichen Rhythmus. Zufall oder Absicht?

Was den Hass auf Journalisten angeht: Absicht. Der ist leicht erklärt: Die schreiben etwas anderes, als ich gesagt habe. Das würden auch Sie übel nehmen. Es entsteht ein falsches Bild von mir, ich versuche dann, mich noch weit übler darzustellen und denke: Vielleicht kommt doch mal einer drauf, dass es so nicht sein kann. Es ist ein Schutzwall. Auch ein wenig Verzweiflung ist dabei.

Zu den ungebetenen Gästen: Die bleiben in der Regel mindestens acht Stunden und lassen mich reden und sie unterhalten. Ein Journalist und Fotograf kamen einmal eine Woche lang jeden Tag von neun bis zwanzig Uhr. Ich bin Auge in Auge sehr höflich, bei uns ist es auf eine magische Weise sehr schön und heiter, was die anderen nicht zu Hause haben. Als ich ihn nach einer Woche wegschickte und sagte, ich mach jetzt nicht mehr weiter, schlug der Fotograf die Tür zu und ging in wortlosem Hass. Er hat sich dann bitter gerächt und gezielt Dummfotos weitergereicht: "Da, schaut euch den Idioten an!"

Der Mensch ist bei Ihnen dem Menschen nicht Wolf, sondern Sau. Tun Sie ihm damit nicht unrecht?

Generell tue ich dem Menschen absichtlich unrecht. Es ist sozusagen ein Schlag in die Fresse, der nur sagen soll: "Nun benehmt euch doch mal nicht wie Schweine, Leute, ihr seid doch Menschen!" Das ist eine verborgene Botschaft. Es gibt hervorragende Menschen, aber die Sau überwiegt, sonst wäre es nicht zu erklären, warum mein Nachbar seine Hunde so entsetzlich quält. Sie wissen, ich bin Tierschützer, insgeheim auch Menschenschützer. Ich vermeide aber, mich damit auf die Bühne zu stellen. Diese öffentlichen Gutmenschen im Fernsehen sind voll verdächtig. Mir wurde immer wieder angetragen, mich in diese Riege einzureihen, was ich aber nicht tun werde. Verlage und Agenten arrangieren das so, um den Autor besser zu verkaufen. Mein Merchandising-Vermarkter hat das immer wieder probiert mit meinem Tierschutzprojekt - total missglückt, ich habe mich gewehrt wie ein Wolf in der Falle.

Der einäugige Wolf sagt in einem Ihrer Bücher zum Hasen, nachdem sie gegeneinander gekämpft haben: "Du kannst mich fressen, du hast gewonnen." Am Ende liegen die beiden dann doch friedlich in der Hängematte. Verwandelt sich der Misanthrop Janosch am Schreibtisch in den Utopisten einer friedlichen Gesellschaft?

Wissen Sie was? Ich bin gar kein Misanthrop. Nur wenn ich die Hunde meines Nachbarn sehe, explodiert in mir etwas. Ich sehe einen Mann auf der Straße liegen, und alle gehen vorbei. Nur der Misanthrop Jot fährt ihn ins Krankenhaus. Ich bin Utopist, ja. Wobei ich weiß, dass meine Utopie nie in Erfüllung gehen kann, weil der Mensch sich dafür nicht eignet. Engel könnten sie vielleicht verwirklichen.

In Ihren Geschichten kommt oft rüber, dass Friede dort ist, wo alle genug Mohrrüben und Bienenhonig haben. Ist das eine marxistische Utopie?

Sie sind der Erste, der in mir den frommen Menschen erkennt, der ich eigentlich bin. In meiner Utopie wäre die Welt kein Inferno mehr. Ich würde alles, was ich durch Arbeit verdiene, in die große Kasse zahlen, und es gäbe eine Art Paradies. Das geht niemals. Und warum? Weil der Mensch von seinem Wesen her eine Sau ist. Die Oberen, die Funktionäre, schieben die Kasse in ihre Taschen und so weiter. Den Rest kennen Sie. Ich selbst habe in meinem Leben mehr verschenkt als ich für mich selbst entnehme. Als das bekannt wurde, bekam ich jeden Tag dreißig Briefe: "Und warum bekomme ich nichts?!" Manche waren von abgrundtiefer Frechheit. Jetzt stelle ich mich als einen üblen Menschen dar, als Misanthropen, und diese Briefe kommen nicht mehr.

Ich bewundere die Reduktion Ihrer künstlerischen Mittel. Im Prinzip arbeiten Sie mit Farbflecken, die sich mal zu einer Tigerente, mal zu einer Insel oder einem Meer verformen.

Und wieder muss ich Ihnen etwas gestehen, und Sie sollten es glauben: Ich kann gar nicht zeichnen. Meine Begabung macht fünf Prozent aus, der Rest ist Knochenarbeit. Ich kokettiere hier nicht, und wenn Sie das als Kunst erkennen, dann weiß ich nicht, was ich tue. In den ersten Jahren musste ich immer ein wenig Alkohol trinken, um die Furcht vor dem Papier zu betäuben. Ich ließ die Hand dann einfach zeichnen und dachte: "Ist doch scheißegal, was daraus wird." Das erste Buch, "Valek", entstand so in einer Nacht. Wenn ich das dazumalen würde, wovon Sie glauben, ich ließe es weg, wäre das Bild versaut. Das, was fehlt, könnte ich gar nicht malen.

Sie waren in den Nachkriegsjahren in München. Waren Sie 1962 bei den Schwabinger Krawallen dabei, die der Beginn der Jugendrevolten in der BRD waren?

Nein. Ich wohnte außerhalb und musste jeden Tag 16 Stunden zeichnen, um mich über Wasser zu halten. Ich bekam damals für die ersten acht Bücher im Lentz-Verlag insgesamt siebzig Mark.

Hatten Sie mit den Münchner Kommunarden zu tun? Und haben Sie mit den durchaus humorvollen Anfängen der militanten Linken, etwa den Umherschweifenden Haschrebellen sympathisiert?

Hier gilt die gleiche Antwort: Ich musste arbeiten wie ein Schwein. Sympathisiert habe ich sehr wohl; auf dem Dorf, wo ich wohnte, hielt man mich für einen dieser Leute. Am meisten hat mich die Sexrevolte interessiert. Das eine oder andere Mädel aus diesen Kreisen fiel mir dann auch zu. Sie kamen diese vierzig Kilometer zu mir aufs Land, in dem Glauben, ich sei Mitglied mit Glied der Revolution. Andere durften ja nicht frequentiert werden. Gekifft habe ich leider nicht. Also nicht richtig.

Sie schrieben das Buch "Kunst & Leben" auf der Insel Gomera. Hatten Sie Kontakt zum dort lebenden Wiener Aktionisten und Kommunarden Otto Muehl?

Nein. Die Tochter eines Freundes von mir - er und seine Frau waren wunderbare Leute - geriet mit 15 an Muehl, musste jeden aus der Gruppe über sich rollen lassen. Ergebnis: Tripper, dann Syphilis, Abtreibungen - Mädel kaputt. Ich hatte schon deswegen einen Ekel gegen Muehl, weil das für meine Freunde die Katastrophe ihres Lebens war. Ich kenne aber gemalte Bilder von ihm, die mir imponierten. Und was heißt schon Katastrophe!!

Für Ihr Buch "Oh, wie schön ist Panama" bekamen Sie von der Republik Panama den Ritterorden Manuel Amador Guerrero. Waren Sie dort?

Ja, auf Einladung des Präsidenten. Fantastische Reise.

Überraschend einfach ist Ihr Vorschlag, wie das menschliche Elend zu beenden sei, nämlich durch Krankheit und Kinderlosigkeit.

Nein, nicht einfach. Die Idee entstand auch eher im Zorn. Krankheit nannte ich ganz sicher nicht als empfehlenswerte Lösung. Wenn Gottvater seine Kinder mit einer Amnestie ihrer Sünden zu sich in den Himmel holen und nur wenige auf der Erde zurücklassen würde, wäre das für alle eine große Freude: Denn die einen hätten ihr Ziel - den Himmel - erreicht und die anderen genügend Wohnraum und Verpflegung. Wenn ich dann wählen könnte, würde ich lieber auf der Erde bleiben.

Ihre Aussagen über Feministinnen, Kettenraucherinnen und behaarte Beine möchte ich erst gar nicht zitieren. Dennoch eine Frage zum Thema: Ist es denn gar unmöglich, als katholisch verformter Mann ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zur Sexualität aufzubauen?

Es ist nicht möglich. Die erste religiöse Unterweisung, die mir als Kind mit dem Hammer eingeprügelt wurde, war: "Am Anfang war die Welt ein Paradies, aber dann kam das Weib!" Ab da ist das Geborenwerden bereits eine Sünde. Und wer ist es, der die Sünde ... Ach hören wir doch auf damit, Herr Journalist!! Für immer.

In einem von Ihnen beschriebenen Traum pissen Sie auf die eigenen Bilder, wie es Joseph Beuys in einer späten Werkphase gemacht hat. Man könnte das auch als Wunschtraum interpretieren. Kränkt Sie das, dass Ihre künstlerische Arbeit nie vom Kunstbetrieb anerkannt wurde?

Kränken ist nicht das richtige Wort. Die Kunst wird mit einer unerträglichen Vermarktung im Merchandising-Bereich in die Ecke gefegt. Als Entenmaler ist man eher eine Lachnummer. Aber mein Gott, ein Clown ist auch eine Lachnummer - also meinetwegen soll es dann so sein. Herr Jot, der Entenclown, das geht doch. Was Sie von Beuys erzählen, wusste ich nicht und ist sauinteressant. Ich bin ihm im Denken sehr ähnlich und halte mich für den Einzigen, der dessen Werk wirklich versteht. Der Tenor muss sein: Kunst ist etwas ganz anderes, als ihr bisher dachtet. Kunst hat etwas mit "Begreifen dessen, was ist" zu tun.

Sie warnen Ihre Leser, Angaben über Ihre Person wären mit Vorsicht zu genießen. Wie viel Prozent Wahrheit stecken in diesem Interview?

Hundert Prozent - und das gilt am Tag dieses Interviews, vorausgesetzt natürlich, dass Sie die Antworten weder verändern noch fälschen noch durch Auslassungen zum Gegenteil machen. Sollten Sie das aber tun, wären wir wieder bei meinem Journalistenhass angekommen.

Bier oder Wein?

Heute Bier.

Matthias Dusini in FALTER 14/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×