Random Walker. Filmtagebuch

Dieter Sperl


"Etwas ist da, bewegt sich"

Dieter Sperl legt mit seinem Buch "Random Walker" eine außergewöhnliche Erschreibung von Filmbegegnungen vor.

Dies-und jenseits von Kitsch vermag das Kino Weltentwürfe zu beglaubigen, die in der avancierten Literatur schon lange problematisch geworden sind. Dabei sind es, physikalisch betrachtet, aneinander gereihte Standbilder, Flickwerk, das, in Bewegung gesetzt, uns in kinematografische Illusion verrückt. Mit Mitteln der Literatur setzt sich der in Wien lebende steirische Autor Dieter Sperl in seinem neu erschienenen Buch "Random Walker" höchst subtil mit Mythen und Strukturen von Film auseinander.

"Random Walker", dessen Titel unter anderem auf die Zufälligkeit der Filmauswahl anspielt, ist das literarische Tagwerk eines Cineasten und ein methodenbewusster Umgang mit der eigenen Spontaneität. Der Autor besuchte innerhalb von zweieinhalb Jahren zahlreiche Vorstellungen in diversen Kinos. Noch ganz im gedanklichen und emotionalen Spannungsfeld des jeweiligen Filmerlebnisses schrieb er die einzelnen der mehr als 120 Prosaminiaturen. Im Buch sind diese nach zwanzig Leitbegriffen (u.a. Kindheit, Orakel, Suppentopf, Busstation, Meer, Hongkong) geordnet, die spezifische Assoziationsräume öffnen. Erinnerungen an Ereignisse, an einzelne Sätze, Namen oder an Stimmungen, Sehnsüchte aus den Filmwelten dienen als Folie für Überschreibungen. Auch die erzählende Instanz bleibt dabei durchlässig. "Random Walker" versteht sich als Versuch einer konzeptionellen Autobiografie, in der sich das schreibende Subjekt von Film zu Film selbst überschreitet, immer weiter auffaltet: in Richtungen, die stets unvorhersehbar sind.

"Irgendetwas ist hängen geblieben, hat sich an dich geschmiegt, deinen Körper wie eine Schicht überzogen", heißt es zu Beginn, das Buch zur poetologischen Selbstvergewisserung hin öffnend. Diese reflexive Haltung teilt "Random Walker" mit einer Anzahl seiner Filme (die in einem Register ausgewiesen sind: Das Spektrum reicht von österreichischen Filmemachern wie Barbara Albert, Jessica Hausner, Michael Haneke über Klassiker wie Federico Fellini, John Cassavetes, Billy Wilder, Alfred Hitchcock bis hin zu neueren internationalen Autoren wie Wong Kar Wai, Catherine Breillat, Michel Vernoux, David Cronenberg oder Ang Lee).

Im Erzählvorgang des Herantastens, Zurücknehmens oder Insistierens vergegenwärtigen Sperls Texte die auf das Hier und Jetzt konzentrierte Wahrnehmung des Kinobesuchers ("Vielleicht werdet ihr wiederkehren. Wahrscheinlich nicht. Ihr bewegt euch aufeinander zu, keinen Millimeter"). Die Rhythmisierung der Sprache verdankt sich den Geschwindigkeiten und Intensitäten des jeweiligen Kinoerlebnisses (besonders sinnfällig etwa im interpunktionslosen Prosastück, das auf "Ghost Dog" basiert) und offenbart die Versiertheit des Sprachkünstlers: Der artifizielle Charakter der Sprache bleibt in der Annäherung an "natürliche" filmische Figurenrede gewahrt.

Durch alle Vielfalt der Geschichten hindurch spricht aus "Random Walker" eine lakonisch-abgeklärte Stimme, die den Prozess einer konzentrierten Entgrenzung des Bewusstseins begleitet. Nach dem in drei Wahrnehmungs-, Gedanken-und Empfindungszonen aufgelösten Subjekt des Prosabuchs "Alles wird gut" (1998) und dem Bewusstseinsstrom der computergenerierten Textmaschine "wenn die landschaft aufhört" (2000) ( www.hls-software.com/frame-sperl.html) tendiert "Random Walker" zur Auslöschung der Subjekt-Objekt-Grenze, um aufzugehen in einer allumfassenden Gegenwart des Bewegungsbildes. Sperls exzeptionelle Aneignung des Films verweist auf die theoretischen und sinnlichen Voraussetzungen von - auch im Kino angelegten - utopischen Potenzialen: "Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Möglichkeit, alles zu tun."

in FALTER 14/2006



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