iPod also bin ich. Soundtrack zum Leben

Dylan Jones, Franca Fritz, Heinrich Koop


"Ich bin der iDiot"

Dylan Jones, Chefredakteur des britischen Männermagazins "GQ", liebt Popmusik, Lifestyle, den iPod und sich selbst. Davon handelt auch sein Buch "iPod also bin ich", in dem er uns am Füllen seines MP3-Players teilhaben lässt.

Dylan Jones würde seinen iPod am liebsten ficken, so geil findet er ihn. Okay, wortwörtlich hat der 45-jährige Brite das so nicht reingeschrieben in "iPod also bin ich", wirklich viel Spielraum lässt er der Fantasie des Lesers aber nicht.

Jones, Chefredakteur des Männerlifestylemagazins GQ und Exredakteur der Stylebibeln ID und The Face, hat sich sein Leben durch Apples tragbare Miniaturjukebox im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf stellen lassen: Seit der iPod im Haus ist, durchforstet Jones jeden Winkel der eigenen Hörbiografie, um die tönende Essenz seines Lebens mithilfe des neuen Spielzeugs umfassend zu digitalisieren. Am Weg dorthin nimmt der noch einmal zum Teenager mutierende Familienvater jeden mit, der sein Buch in die Hand nimmt, wobei Jones bereits nach dreißig Seiten gesteht: "Ich bin der iDiot, der Mann, der Steve Jobs' Traum so verinnerlicht hat, als wäre es sein eigener."

Steve Jobs ist der visionäre Kopf des Computerherstellers Apple und selbst ein bekennender Musikfreak. Die größte Leistung seiner ebenso spektakulären wie wechselvollen Karriere bestand letztlich nicht im Bauen der Computer mit dem größten Sexappeal, sondern in der legalen Neuorganisation der Musikdistribution fürs 21. Jahrhundert: Apples Downloadplattform iTunes ist mit einem Marktanteil von zwei Dritteln heute nicht nur der mit unvorstellbarem Vorsprung erfolgreichste legale Anbieter tonträgerfreier Musik, er ist de facto praktisch der einzige, der wirklich zählt.

Für den iPod gilt Ähnliches: Längst als qualitatives und designerisches Maß aller MP3-Player-Dinge etabliert, hat sich das kaum 200 Gramm schwere und doch Tausenden Musikstücken Platz bietende Lifestyleaccessoire im charakteristischen Apple-Weiß innerhalb weniger Jahre millionenfach verkauft und lässt jeden anderen MP3-Player lediglich als mehr oder weniger ernst zu nehmende Kopie dastehen. "Es gibt viele Beispiele, wo am Ende das schwächere Produkt gewonnen hat", sagt der Apple-Chef in "iPod also bin ich". "Windows gehört dazu. Doch es gibt auch Beispiele, wo sich das beste Produkt durchsetzen konnte - und dafür ist der iPod das beste Beispiel." Bono von U2 bezeichnet den iPod in der ihm eigenen Manier des gnadenlos übers Ziel Schießens gar als "größte Erfindung des Pop nach der E-Gitarre", U2-Manager Paul McGuiness meint auch nicht fad, der iPod habe für die Musik die gleiche Bedeutung wie Penicillin für die Medizin.

Jones' Buch verfolgt drei miteinander verwobene Erzählstränge. Voll Bewunderung skizziert Jones die Geschichte des Geräts sowie des dahinterstehenden Erzeugers Apple, und er versucht sich an einer Musikgeschichtsschreibung von den beginnenden Siebzigern bis heute (unumgänglich dabei: unzählige, größtenteils allerdings nur bedingt originell ausgefallene individuelle Bestenlisten). Vor allem aber, und darin liegt für musikvernarrte Buben der eigentliche Reiz des Buches, schreibt Jones seine eigene Biografie und erzählt von einem Kind, das durch einen Sprachfehler zum Außenseiter wird, sein Heil in der Popmusik und der Modewelt findet, sich als Teenager - Punk sei Dank - auf der Kunsthochschule in London als bunter Hund neu erfindet und in den Achtzigern als Autor zum Fixbestandteil der britischen Poparistokratie aufsteigt.

Gerade die reißerischen Schilderungen aus ebendiesen Achtzigern, einer Dekade, in der auch Jones selbst vermutlich keine Nase und keine schnelle Nummer, ganz sicher aber keine Party ausgelassen hat, geraten zum trashigen Lesevergnügen: "Ein anderes Mal öffnete ich die Toilettentür im Club For Heroes und sah, wie die Sängerin einer der erfolgreichsten britischen Mädchenbands aller Zeiten von hinten gefickt wurde, während sie gleichzeitig in die Toilettenschüssel kotze. Es schien ihr nichts auszumachen (ebenso wenig wie der Bassistin, die sich gerade auf dem Fensterbrett eine Linie Koks reinzog). Alle fickten sich das Hirn aus dem Kopf."

Ansonsten erzählt Jones - durchaus humorvoll, im Kern aber stets eher kokett als selbstironisch - von zwei Begegnungen mit seinem großen Helden Bryan Ferry, davon, wie David Bowie einmal zu Hause bei Mama anrufen wollte und versehentlich auf seinem Büroapparat gelandet ist, wie George Michael stets als Letzter von der Tanzfläche ging und am liebsten zu seinen eigenen Stücken tanzte oder davon, wie er den Pet Shop Boys einmal ein Stück namens "Paninaro" andichtete, worauf diese tatsächlich einen Song diesen Titels aufnahmen.

Ein ",High Fidelity' für iPodisten", wie der Verlag das Buch großspurig ankündigt, ist Dylan Jones freilich nicht gelungen, dazu bleibt er zu sehr gefangen in seiner schicken Designerwelt. Wobei: Betrachtet man das Ganze gelassen-metaphorisch und versteht die körperlos-sterile MP3-Datei als Nullerjahreäquivalent zur Vinylschallplatte, dann ist es das vielleicht ja doch.

Gerhard Stöger in FALTER 14/2006



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