Zeiten des Aufruhrs

Richard Yates, Eva Menasse


Geschichten für Taxler

In seinen grandiosen Short Stories bewies Richard Yates sein unbestechliches Auge für soziale und amouröse Schieflagen.

Eines kann man Richard Yates (1926-1992) nicht vorhalten: dass er versucht hätte, sich ins beste Licht zu rücken. In "Baumeister", der letzten und mit Abstand längsten Geschichte des 1962 im amerikanischen Original erschienen Short-Story-Bandes "Elf Arten der Einsamkeit", lässt er den Icherzähler, einen Schriftsteller, aus der Distanz von 13 Jahren eine Episode von 1948 erzählen, als dieser - so wie damals auch Richard Yates - 22 Jahre alt war. Dieses Alter Ego bastelt mit mäßigem Erfolg hinter einem Paravent der ehelichen Wohnung an seiner literarischen Karriere, als er über ein Inserat mit einem Taxifahrer namens Bernard Silver in Kontakt kommt. Unter eher obskuren Hinweisen auf etwaige Chancen auf Verfilmung oder eine lukrative Veröffentlichung in Reader's Digest heuert Silver den jungen Protagonisten für fünf Dollar pro Story als Ghostwriter an, um sich der Leserschaft als lebenserfahrener und gütiger Großstadttaxler zu präsentieren.

So wie Leon Sobel, der als Verfasser von neun (!) unveröffentlichten Büchern bei einer kleinen Gewerkschaftszeitung anheuert ("Der mit den Haien kämpft"), ist Silver einer von diesen unverdrossenen, unzerstörbaren Existenzen, die - verschroben, aber harmlos - an ihre Vision glauben und sich durch keinen Misserfolg vom Weg abbringen lassen. Es sind Nervtöter, und dennoch wird der Umgang, den der junge Autor mit seinem Auftraggeber pflegt, selbst für dessen Frau schnell als Arroganz desjenigen erkennbar, der verächtlich auf die "Plebs" herabsieht.

Für solche Schieflagen hat Yates ein untrügliches Gespür: Ob sich in der Nacht vor der Hochzeit auf tragikomische Weise schon all jenes Eheelend abzeichnet, das Yates in "Zeiten des Aufruhrs", seinem 1961 erschienenen epochalen Roman über das suburbane Pandämonium der Nachkriegszeit, in aller Tristesse ausgebreitet hat ("Alles, alles gute"); ob es sich um das lange erwartete Kündigungsgespräch handelt, das mit einem auf "die Rolle des guten Verlierers" abonnierten jungen Mannes geführt wird, der "in die Pose des Zusammenbruchs verliebt war" ("Ein Masochist"); ob es um die seltsam asymmetrische Beziehung zweier Freunde geht, deren Dynamik anhand ihrer Bekanntschaft mit einem schwarzen Musiker dargestellt wird ("Ein wirklich guter Jazzpianist"); oder ob es eine junge Lehrerin in ihrem fragwürdig karitativen Engagement für einen Außenseiter entschieden an professioneller Distanz mangeln lässt ("Doktor Schleckermaul") - in allen Fällen steht die komplizierte Hydraulik des Sozialen im Mittelpunkt dieser luziden Stories. Yates' hellwacher Blick durchdringt dabei den institutionellen Unterbau der persönlichen, vor allem der erotischen Beziehungen, und es ist gewiss kein Zufall, dass seine Geschichten immer wieder ideologische Staatsapparate wie Schule, Krankenhäuser oder das Militär zum Schauplatz haben.

Das vielleicht erstaunlichste Beispiel für die analytische Kapazität des Vollbluterzählers Richard Yates ist die durchgängig in der ersten Person Plural erzählten Story "Jody lässt die Würfel rollen", die nichts anderes leistet, als die libidinöse Struktur des Militärs freizulegen: Gerade weil er alle kumpelhafte Anbiederung vermeidet, gelingt es Feldwebel Reece, seine Truppe in der "Großartigen Einmütigkeit des Singsangs" zu einer Einheit zusammenzuschweißen, die "wirklich was Soldatisches" zu leisten in der Lage ist.

Entgegen dem vorschnellen Urteil des Erzählers ("Respekt ohne Zuneigung überdauert nicht lange") hat Reece' Ablösung durch einen netten Ausbildner einen - aus militärischer Sicht - desaströsen Effekt: Am Ende produziert die Ausbildung nämlich nur "einen Haufen schamloser kleiner Schlaumeier, die in der unermesslichen Unordnung der Armee verteilt und absorbiert wurden, aber Reece musste es zumindest nicht mitansehen, und er wäre der Einzige gewesen, dem es etwas ausgemacht hätte."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2006



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