Wiener Platzerln. Die Geschäfte des Künstlers Luigi Kasimir

Catherine Tessmar


Sie wünschen, wir malen

Eine Ausstellung über den Maler Alfons Walde und ein Buch über den Grafiker Luigi Kasimir zeigen zwei exemplarische österreichische Erfolgskünstler, die vielen Herren dienten.

Es ist wie bei den Chinesen. Alle schauen s' gleich aus", erklärt die Kunstsammlerin Elisabeth Leopold die Schwierigkeit, die erste Fassung eines Alfons-Walde-Gemäldes von einer seiner zahlreichen Repliken zu unterscheiden. "Es bedarf der intensiven Anschauung, um die Kraft des Originals zu erkennen", sagt sie anlässlich der Eröffnung einer großen Walde-Werkschau im Leopold Museum. Von der Kunstgeschichte wurde der Tiroler Maler Alfons Walde (1891-1958) bisher links liegen gelassen. Im Kunsthandel aber erzielen seine Bilder gesalzene Preise, obwohl nicht nur viele eigenhändige Repliken, sondern auch zahlreiche Fälschungen im Umlauf sind.

Bei dem Wiener Kunsthändler und Auktionator Wolfdietrich Hassfurther rennt man mit Fragen nach dem Kitzbüheler offene Türen ein. "Ich erkenne jede Fälschung sofort." Das Auktionshaus Hassfurther erzielte im Mai 2003 einen einmaligen Spitzenpreis für einen echten Walde: Der Internationale Skiverband FIS zahlte für den "Aufstieg der Skifahrer" 512.400 Euro. Laut Hassfurther war es der Versuch, nach erfolglosen Investitionen in Aktien in den Gewinn versprechenden Kunsthandel zu investieren. "Wie sie gesehen haben, dass der Preis nie wieder erzielt wurde, haben sie auch mit dem Kunstkaufen aufgehört", so Hassfurther. Als weitere Kunden nennt er Arnold Schwarzenegger und den Zauberer David Copperfield.

Die Leopold-Ausstellung ist eine teilweise Übernahme einer von der FIS, der Tirol-Werbung und dem Kitzbüheler Tourismusverein ausgerichteten Walde-Schau während der Olympischen Winterspiele in Turin. Seit den Zwanzigern steht Walde für Kitzbühel und Kitzbühel für Tirol. Das Logo des Winterskiortes geht auf einen Entwurf Waldes zurück; es ist dieselbe Handschrift, mit der er auch seine Bilder unterschrieb. Er gestaltete die ersten Kitzbühel-Plakate und war Werbegrafiker des Tiroler Landesverkehrsamtes.

Während des Architekturstudiums in Wien kam Walde mit der Secessions-Kunst in Berührung. Die Ausstellung im Leopold Museum versucht, diese Verwandtschaft durch die Gegenüberstellung früher Walde-Bilder mit Werken Gustav Klimts und Egon Schieles plausibel zu machen. Dabei zeigt sich jedoch, dass bereits in jungen Jahren seine Begabung für Reproduktionen stärker war als seine Originalität. So ist sein Bild "Egon Schiele" (um 1914) ganz offensichtlich eine Kopie des originalen Selbstporträts, wenn auch mit leicht verdrehtem Kopf. Hätte er sonst die Schiele-Signatur hineinkopiert? Später sollte er sich auf die Nachahmung der schweren Pinselstriche seines Osttiroler Kollegen Albin Egger-Lienz konzentrieren.

Dieser sympathische, den Geniekult der Malerei unterlaufende Eklektizismus war die beste Voraussetzung für eine Karriere als Auftragsmaler in dem boomenden Winterskiort Kitzbühel. "Kein Schiele ohne Freud, kein Walde ohne Ski", so Hassfurther. "Skilauf nach Klimt", hieß bereits 1910 eine Bleistiftskizze. Die klobigen Schollebauern im Stile Egger-Lienz' reißen gut gelaunt die Mäuler auf; sie und die zu Skimeistern mutierten Weltkriegshelden malte Walde in verschiedenen Formaten, mit Vorliebe auf Pappendeckel. Die Damen standen après ski Akt auf des Meisters Terrasse. Ein eigener Postkartenverlag steigerte seine Popularität. "Besser, du malst vier Bilder um je 10.000 Schilling im Jahr, als du malst hundert Bilder um je 400 Schilling," riet ihm sein Freund, der Ständestaat-Künstler Gustinus Ambrosi. Walde hielt sich nicht daran.

Was Walde für Tirol, das war der Wiener Künstler Luigi Kasimir (1881-1962) über Jahrzehnte hinweg für die Marke Wien. Seine Farbradierungen mit Stadt-Veduten spiegeln ein sentimental verkitschtes Wien-Image wieder, durch das zwar die Straßenbahn fährt, aber wenn, dann am Dreimäderlhaus oder einem barocken Torbogen vorbei. Und wenn er den Michaelerplatz durch die geschwungenen Gitter des Hofburgtores festhält, dann in Richtung Kohlmarkt und nicht Richtung Herrengasse, wo seit 1910 das Loos-Haus steht. Die Radierungen waren Staatsgeschenke für den Papst oder Ronald Reagan. Viele jüdische Emigranten haben als Erinnerung an den Winterurlaub in Tirol einen Walde an der Wand hängen, als Wien-Andenken einen Kasimir. Um die Echtheit der Blätter machte sich der flinke Luigi keine Gedanken; sie flattern bis heute ohne Nummerierung in alle Welt.

Die Grazer Kunsthistorikerin Catherine Tessmar zeichnete nun in einem Buch die Karriere dieses Künstlers nach. Er studierte kurz vor Egon Schiele an der Akademie am Schillerplatz Malerei, entwickelte dann eine eigene Drucktechnik mit Kupferplatten, deren feine Linien eine altmodische Anmutung erzeugen; die so suggerierte Alt-Wien-Atmosphäre entsprach jenem nostalgischen Wien-Bild, das vor und nach dem Zweiten Weltkrieg touristisch vermarktet und erst durch den Wien-um-1900-Hype etwas aufgefrischt wurde. Im Vergleich zu den bereits in den Zwanzigerjahren von München bis New York vertriebenen Kasimirs wirken Waldes Wintersport-Bilder geradezu futuristisch. Dieser Antagonismus zwischen den touristischen Leitbildern Österreichs wirkt bis heute nach. Der Alpenmix Techno plus Lederhosen evoziert mehr Fortschrittsgläubigkeit als die Wiener Melange Walzer plus Klimt.

Im Zentrum von Tessmars ausgezeichnet recherchiertem Buch stehen aber die kaufmännischen Geschicke Kasimirs in der Zeit des Nationalsozialismus. Das frühe SA-und NSDAP-Mitglied luchste seiner Vertragskunsthändlerin Elsa Hahn die Firma Halm & Goldmann zu einem Schleuderpreis ab, als jene im März 1938 rasch verkaufen und ins Ausland flüchten wollte. Auf ungeklärtem Wege riss sich Kasimir dann auch Teile der legendären Moderne-Sammlung des Zahnarztes Heinrich Rieger unter den Nagel und verkaufte während des Krieges Bilder daraus in seinem Geschäft. Zwar wurden ihm nach dem Krieg die Firma und die übrigen Bilder wieder abgenommen; verurteilt wurde er vom Volksgerichtshof aber lediglich wegen der Parteimitgliedschaft. Und auch die war bald wieder vergessen, machte sich Kasimir doch gleich daran, den abgebrannten Stephansdom zu zeichnen, den Symbolbau für den österreichischen Opfermythos schlechthin.

Über eine persönliche Bekanntschaft der beiden etwa gleich alten Künstler Walde und Kasimir ist nichts bekannt. Nur eine einzige gemeinsame Ausstellung lässt sich nachweisen. Sie fand im Frühjahr 1939 im Künstlerhaus statt und hieß "Berge und Menschen der Ostmark". Beide waren mit vier Werken vertreten, Kasimir unter anderem mit dem Blatt "Kitzbühel".

Matthias Dusini in FALTER 13/2006



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