Jesus' Sohn

Denis Johnson, Alexander Fest


Erwacht von den Toten

Denis Johnsons eindringliche Junkie-Stories "Jesus' Sohn" liegen in einer überzeugenden Neuübersetzung vor.

Es gibt sie doch, die gute Drogenliteratur. Man soll ja bitte nichts verherrlichen, schon gar nicht dumm und tot machende Suchtmittel. Aber zweifellos stellen diese gerade auch für Literaten - von alters her kaum einer wahrnehmungsverändernden Substanz ernsthaft abgeneigt - ein Thema dar. Und wenn es nach William S. Burroughs jemand gelang, über Rausch-und Entzugszustände literarisch Hochwertiges zu Papier zu bringen, dann dem US-Autor Denis Johnson.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Johnson hat seine Erzählungen "Jesus' Sohn", die im Original 1992 erschienen sind und seinen (bescheidenen) Ruhm als vor allem von Kollegen wie Don DeLillo und Philip Roth geschätzten Autor begründet haben, ganz und gar nüchtern aufgezeichnet. "Ich habe nie unter dem Einfluss von Drogen geschrieben", erzählte er vor zwei Jahren anlässlich des Romans "Train Dreams" der taz. "Ich denke, es ist verrückt zu glauben, man könne unter Drogeneinfluss schreiben."

Allerdings hat der heute zurückgezogen in der Mitte von Nirgendwo sprich: im nördlichen Idaho lebende Johnson selbst eine Drogenkarriere hinter sich. 1949 in München geboren, kam er in jungen Jahren als Sohn eines amerikanischen Offiziers zwischen Europa, Asien und den USA viel herum und auch bald auf einige böse Trips. Beinahe zur Endstation der Reise wurde seine Heroinsucht, auf einen gelungenen Entzug folgten Alkoholprobleme, seit zwanzig Jahren lebt Johnson erklärtermaßen ganz sauber.

Der Mann weiß also, worüber er schreibt, verfügt aber inzwischen auch über den nötigen Abstand dazu. In "Jesus' Sohn", dessen Titel auf Lou Reeds Velvet-Underground-Song "Heroin" und das kurze Hochgefühl beim Heroindrücken anspielt ("When I'm rushing on my run / And I feel just like Jesus' son"), greift Johnson auf seine Erfahrungen und das Milieu zurück, in dem er sich in den Siebzigerjahren umgetan hat.

"Jesus' Sohn" besteht aus elf lose miteinander verbundenen Geschichten. Gemeinsam ist ihnen ein namenloser Protagonist, der in verschiedenen Gegenden der USA sein Glück versucht, aber immer nur Heroin und die schmutzigsten Bars findet. Für dessen stumpfes Lebensgefühl, die Gleichgültigkeit gegenüber seiner Frau und den meisten anderen Menschen, aber auch die Fähigkeit, über die geringsten Dinge ins Staunen zu geraten, hat Denis Johnson eine ganz eigene, auf schlichte Weise hochpoetische Sprache gefunden.

Im Gegensatz zu einer ersten, vor zehn Jahren bei Suhrkamp erschienenen Übersetzung kommt der eindringliche Ton von Johnsons Prosa in der Neuübertragung von Alexander Fest nun auch im Deutschen voll zur Geltung: "Der Tag endete furios und strahlend. Die Schiffe im Sund sahen aus wie Schattenrisse, die in die Sonne gesaugt wurden. Ich nahm zwei Doppelte, und sofort war mir, als wäre ich seit Ewigkeiten tot gewesen und endlich erwacht." Gerade aus der ärgsten Trostlosigkeit zieht Johnson immer wieder große Momente, im Hintergrund erklingt die Musik von Velvet Underground, Howlin' Wolf und Hank Williams.

Am Ende sind viele Weggefährten verschwunden oder tot, ein Kind wurde abgetrieben und viele Kilometer auf staubtrockenen Landstraßen zurückgelegt. Schön an Johnsons Prosa ist, dass sie trotz dieser typischen Beat-Topoi kein heimliches Loblied des einsamen, drogenzerfressenen Wolfes singt. Die letzte Geschichte gehört der Zeit nach dem gelungenen Entzug und ist nicht von ungefähr die umfangreichste. Erkenntnis gibt es keine. Von der Erinnerung an einen anderen Süchtigen bleibt nur die banale Bilanz: "Er starb. Ich bin noch am Leben."Angeblich sind Kurzgeschichten nicht rasend beliebt. Romane gehen einfach besser. Dabei sind in einem schwachbrüstigen Band mit Short Stories oft Ideen enthalten, mit denen mindere Romanciers ihr halbes Lebenswerk bestreiten könnten. Der DuMont Verlag hat in einer Reihe, die dünnen Büchern vorbehalten ist, nun auch "Das Nest" herausgebracht. In "Tschechow lesen" wird die traurige Mechanik von Affären freigelegt ("Selbst die Trennung, der Abschied, die Bitterkeit waren insgeheim vorbedacht. Es war plump. Ganz gleich, wie fantastisch, wie wild, wie impulsiv es gewesen war - im Rückblick hatte es nicht außerhalb ihrer Ehe gestanden"), und in "Sault Ste. Marie" frönt der von berühmten Kollegen wie Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen tüchtig gelobte David Means seiner Vorliebe für gewalttätige Geschichten aus dem White Trash-Milieu, die schon in dem - in jeder Hinsicht gewichtigeren - Band "Coitus" auffiel: Ein ohnedies schon ramponierter Banker wird da von herumlungernden Burschen in die Mangel genommen ("Eisenbahngeschichte, August 1995"); ein älterer Herr von einem Einbrecherpärchen grausam misshandelt ("Hunger"); ein Geschäftsmann von seiner heroinsüchtigen jungen Geliebten mit dem Teppichmesser ausgeweidet, nachdem diese "ein paar Informationen" vom Heiland erhalten hat ("Ein Besuch von Jesus").

Geraten diese literarisch aufwendig choreografierten Exzesse mitunter in unangenehme Nähe zu ästhetisiertem Sadismus, so gelingen Means in seinen besten, ähnlich dunkel getönten, aber weniger forciert gewalttätigen Geschichten sehr souverän erzählte und motivisch komplexe Porträts von Milieus und Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Das wunderbare "Tahorah", in der sich zwei traurige Schicksale tangential berühren, ohne dass die Betroffenen dies realisieren, etwa ist nicht ohne grimmige Komik; und die Obdachlosenfreundschaft, die zugleich im Mittelpunkt und am Rande von "Die Störung" steht, geht einem ebenso zu Herzen wie die deprimierende Jugend eines Schulfreundes, an die sich der Ich-Erzähler von "Klage am Sleeping Bear Park" erinnert.

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×