Experiment Aufklärung

Herbert Lachmayer


Verwirrend aufgeklärt

Gut gedacht, schlecht gemacht: "Experiment Aufklärung", die offizielle Mozartausstellung der Stadt Wien, wurde unfertig eröffnet - und ist dennoch der bislang beste Beitrag zum Jubeljahr.

Alle, alle sind sie fein säuberlich aufgelistet, jene Wiener Freimaurer, die 1786 neben Wolfgang und Leopold Mozart der aufklärerischen Loge Zur gekrönten Hoffnung angehörten: zunächst die Klaviersonaten und die Konzerte, dann die Lieder und die Arien, anschließend Sinfonien, Quartette und andere Kammermusik ...

Nicht das auf der Legende beschriebene Mitgliederverzeichnis der berühmten Wiener Freimaurerloge ist im entsprechenden Schaukasten der Ausstellung "Mozart. Experiment Aufklärung" zu sehen, sondern ein ganz anderes Exponat: eine nach Gattungen geordnete Liste aller Werke des Komponisten. Wer sie erstellt hat, erfährt man nicht. Das ist leider nicht die einzige Schlamperei dieser vom Da Ponte Institut veranstalteten und in der Albertina gezeigten Schau: Es wimmelt nur so von falschen Zuschreibungen, und nicht alle davon dürften so einfach zu erkennen sein wie die geschilderte; zahlreiche andere Ausstellungsstücke wurden überhaupt nicht beschriftet, Installationen nicht erklärt und unleserliche Handschriften nicht transkribiert. Nicht einmal den knapp 400 Seiten starken Katalog können die ratlosen Besucher derzeit zurate ziehen. Er ist noch nicht erschienen und soll erst Mitte April nachgereicht werden.

Die offizielle Mozartausstellung der Stadt Wien hat ihre Eröffnung vergangene Woche mit einem chaotischen Frühstart verpatzt, und das ist besonders bedauerlich, weil sie - so viel ist trotz des aktuellen Durcheinanders jetzt schon zu erkennen - in Wien den bislang besten Beitrag zum Jubeljahr darstellt. Kurator Herbert Lachmayer, Kulturphilosoph und Leiter des anonym privat finanzierten Da Ponte Instituts für Librettologie, hat in seinem "Experiment Aufklärung" Mozarts Leben und Werk dezent in den Hintergrund gerückt und sich stattdessen erfolgreich an einer facettenreichen Darstellung von dessen Welt versucht. Eine "Wissensoper" nennt er das Ergebnis, das weniger wegen der Beschriftungs-und Erklärungsmängel (an deren Behebung gearbeitet wird), sondern aufgrund der gebotenen Materialmengen inspirierend verwirrend ist.

Rund 1200 historische und neue Objekte hat Lachmayer zusammengetragen, die er unter Schlagworten wie "Antikensehnsucht" oder "Pornosophie", "Beschleunigte Aufklärung" oder "Freimaurerei" zu einem vielschichtigen Panorama der Zeit der Aufklärung und des Rokoko ordnet. Bekanntes steht da neben Raritäten, Bedeutendes neben Zeugnissen des Alltagslebens, und alles fügt sich zum schillernden Bild einer Epoche, deren Zeitgenossen von all den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Entwicklungen ungleich stärker angeregt gewesen sein müssen als die Besucher der Ausstellung von deren Überfülle.

Zu sehen sind - neben zahlreichen Autografen (u.a. "Così fan tutte", "Idomeneo") - etwa das berühmte unvollendete Mozartporträt von Joseph Lange oder Beispiele aus der umfangreichen Korrespondenz zwischen Vater und Sohn Mozart (darunter Wolfgangs merkwürdiger Brief aus Paris, in dem er Leopold den Tod der Mutter verschweigt), aber auch Spielkarten aus Mozarts Zeit und ein Regelwerk des Billardspiels, ein Band von Diderots "Encyclopédie" und pornografische Darstellungen, anatomische Wachsmodelle aus der Sammlung Josephs II. und Dokumentationen der ersten Ballonflüge. Etwas gezwungen mag der Versuch wirken, die Aktualität des lustbetonten Rokoko durch Modenachschöpfungen heutiger Designer nachzuweisen; schlüssig jedoch erscheint die Betonung des Kontrasts zwischen dem humanistisch geprägten Fortschrittsoptimismus der Aufklärung und dem "Managementabsolutismus unserer neoliberalistischen Leistungsgesellschaft".

In der Eingangshalle der Albertina schwebt eine beeindruckende gläserne Montgolfiereninstallation von Klaus Pinter über den Köpfen der Besucherschlangen, die mithilfe eines von Franz West gestalteten Teppichs durch die in drei Räumen verteilte Ausstellung geleitet werden und dort nicht selten durch die mintgrünen Schaukästen des Designbüros KMT/n-o-m-a-d an der Betrachtung der Exponate gehindert werden oder einigermaßen ratlos vor den unerläuterten Videoinstallationen der Firma Virtual Dynamix Multimedia stehen.

Mit dem unbedingt empfehlenswerten Besuch von "Experiment Aufklärung" sollte man also ruhig noch ein bisschen zuwarten, bis alle technischen Mängel behoben sind. Bis dahin ist auch genug Zeit, um sich durch die 888 spannenden Seiten des begleitenden Essaybandes zu lesen. Der immerhin ist bereits erschienen.

Carsten Fastner in FALTER 12/2006



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