Zwischen Staat und Wirtschaft. Das Dorotheum im Nationalsozialismus

Stefan August Lütgenau, Sonja Niederacher, Alexander...


Nicht Rädchen, sondern Rad

Das Dorotheum stellt sich - in Form einer Studie - seiner braunen Vergangenheit. Die Historikerin Sonja Niederacher erklärt den dubiosen Geschäftserfolg des Auktionshauses in den Jahren des Nationalsozialismus.

Wenn man Dorit heißt, erinnert man sich an den Namen Dorotheum auch dann, wenn man ihn als Kind das letzte Mal gehört hat. Die 1938 mit ihren Eltern nach Amerika geflüchtete Psychologin Dorit Bader-Whiteman assoziierte mit dem Dorotheum eine "heruntergekommene Altwarenhandlung", wie sie im September letzten Jahres im Standard schrieb. Umso erstaunter war sie, als sie bei einem Wien-Besuch durch die Spiegelgasse spazierte. "Ich fand keine verlotterte Gerümpelkammer, sondern ein Palais." Hatte sie nicht ihre Eltern davon reden hören, dass die Möbel, die Kunstgegenstände und alles Weitere im Dorotheum versteigert worden waren? "Es sollte seine schändliche Vergangenheit anerkennen und die unrechtmäßig zustande gekommenen Gewinne entschädigen", empörte sich die in New York lebende Exilantin.

"Mit berührenden Einzelschicksalen kann ich leider nicht dienen", sagt die Historikerin Sonja Niederacher, die gemeinsam mit Stefan August Lütgenau und Alexander Schröck die braunen Jahre eines der größten Auktionshäuser Europas aufarbeitete. In mühseliger Futzelarbeit wurde die Unternehmensgeschichte rekonstruiert. Die Gestapo hatte die Unterlagen, die Licht in ihre Geschäfte mit dem Dorotheum hätte bringen können, vernichtet. Die Namensliste der Beraubten wie der Profiteure existieren nicht mehr; sie wurden in den Sechzigerjahren skartiert. So lässt sich heute nicht mehr feststellen, wessen Bild in welche Wohnung gewandert und welche Kunsthändler auf Schnäppchenjagd ins Dorotheum gegangen waren.

Die trockene Kost der Zeithistoriker, die noch vor dem Verkauf des Dorotheums im Jahr 2001 durch den damaligen Eigentümer, die ÖIAG (Österreichischen Industrie Holding AG) mit der Studie beauftragt worden waren, bestand aus der Lektüre von Bilanzgrundlagen, Dienstrundschreiben oder Kuratoriumsprotokollen. Ein alles erklärendes Schlüsseldokument, in dem etwa explizit auf Enteignung und Versteigerung jüdischen Vermögens verwiesen würde, suchten die drei vergeblich. So mussten die Forscher aus vielen oft belanglosen Dokumenten ein Puzzle zusammensetzen, das sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Das Dorotheum war nicht direkt an der von der Gestapo und anderen NS-Behörden durchgeführten "Arisierung" beteiligt. Als größtes Pfand-und Versteigerungshaus des Dritten Reiches verfügte es aber über die nötige Infrastruktur, um die geraubten Güter zu Geld zu machen - und tat dies mit der größten Bereitwilligkeit.

Es gab spezielle Steuergesetze, um Juden das Vermögen abzupressen. Das führte zu Zwangsversteigerungen, die vom Dorotheum durchgeführt wurden wie eh und je: "Für einen Auktionator machte es keinen Unterschied, ob er vor oder nach 1938 einen Teppich versteigerte", erklärt Niederacher die reibungslose Anpassung des Unternehmens an die neuen politischen Verhältnisse - und die neuen Unrechtsgesetze. Es lässt sich lediglich eine Schwerpunktverlagerung der Geschäftstätigkeit feststellen. Das Misstrauen gegenüber der Reichsmark ließ die Menschen mehr in Sachwerte investieren, in der Folge ging das Pfandleihgeschäft zurück. Stark zu nahmen die sogenannten Hausauktionen - mit Wertsachen aus von der Gestapo beschlagnahmten Wohnungen.

Direkte Auswirkungen hatte der Wechsel des Systems auf die Mitarbeiter, die auf eine etwaige jüdische Abstammung oder abweichende politische Ansichten hin durchleuchtet wurden. Bereits in den Dreißigerjahren hatten sich die Nationalsozialisten im Betrieb versteckt organisiert und ihre Kollegen bespitzelt. Als sie 1938 die Führungspositionen übernahmen, kramten sie ihre Notizen hervor, aus denen zum Beispiel hervorging, dass Frau X sich abfällig über Deutschland geäußert hatte - was eine Rückstufung ihres Gehalts zur Folge hatte. "Die politischen Säuberungen waren meist persönlich motiviert", erklärt die an der Stiftung Bruno-Kreisky-Archiv tätige Historikerin, die mit der Studie eine im Nachkriegsösterreich häufig benutzte Ausrede widerlegt sieht. "Es ist niemand gezwungen worden, der Partei beizutreten, im Gegenteil: Wer 1938 plötzlich gejubelt hat, galt als ,Konjunkturpolitischer'."

Erhalten geblieben sind einige der sogenannten Paragraf-14-Listen, die die erzwungene Ablieferung von Wertgegenständen wie Diamanten, Silber und Perlen vorsah. Das Dorotheum war eine der größten "Ankaufstellen" - ein Euphemismus für dieTatsache, dass hier Tonnen von Edelmetall den Eigentümern abgenommen, eingeschmolzen und als Barrenware ins "Altreich" geschickt wurden. In Wien waren etwa 15.000 Haushalte und Personen ablieferungspflichtig. Vor dem Haupthaus des Dorotheums bildeten sich über Wochen lange Menschenschlangen. Allein fünfzig Tonnen Silber wanderten in den gierigen Schlund der NS-Behörden.

Im Getriebe des nationalsozialistischen Raubzugs an den jüdischen Mitbürgern war das Dorotheum "ein Rad, kein Rädchen" (Niederacher). Die Behörden, die Speditionen und nicht zuletzt auch die Käufer waren Teil dieser gut geölten Maschine. Ein Gutteil des geschäftlichen Alltags spielte sich im niedrigen Preissegment ab. Während die wertvollen Kunstwerke noch in den Wohnungen der Enteigneten durch Museumsvertreter reserviert wurden, hielt sich der gemeine Volksgenosse dann im Dorotheum an Dingen des täglichen Gebrauchs schadlos, die dort neben Antiquitäten im Angebot waren. So wurden etwa Wohlfahrtsauktionen für Günstlinge des Regimes abgehalten, bei denen Hausrat und Kleider unter den Hammer kamen. "Auch wenn es nur ein Wintermantel war. Gefragt, woher der kommt, hat sich niemand."

Die zögerliche Aufarbeitung der braunen Geschichte erzeugte beim Gang durchs Dorotheum bislang den beklemmenden Eindruck, man schlendere am Eigentum vertriebener oder ermordeter Wiener vorüber. Einen ersten Beitrag zur Imagekorrektur leistete die Republik, die nach der Privatisierung des Dorotheums 32 Millionen Dollar aus dem Erlös in den "Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus" einzahlte. Die neuen privaten Eigentümer richteten als einziges Auktionshaus im deutschsprachigen Raum eine Abteilung für Provenienzforschung ein. Die neue Studie ist eine weitere Konsequenz aus dem offensiven Umgang des Unternehmens mit seiner Geschichte; sie beugt negativer Mythenbildung vor.

Matthias Dusini in FALTER 12/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×