Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche

Franz Schuh


Die Stärke der Simpsons

Für sein jüngstes Buch "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" wurde Franz Schuh soeben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Der "Falter" sprach mit dem Essayisten über Wiener Ironie und Bösartigkeit, über sozialdemokratische Einsamkeit und gemütliche Mafiosi, über Oskar Werner und Homer Simpson.

Es gibt wohl keinen österreichischen Autor, dem in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde als Franz Schuh. Sein Essays, Gedichte, Skizzen und Notate umfassendes Buch "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" wurde, kaum war es erschienen, vom deutschsprachigen Feuilleton abgefeiert. Es versammelt höchst unterschiedliche, meist recht kurze Texte über den Zusammenhang von Literatur und Verbrechen, über das Lob der Nutzlosigkeit und die Suche nach Schönheit, über dumme Schauspieler-Interviews und die Kunst Oskar Werners, über das Beisl, das Café Hegerhof oder das Gasthaus Ederl.

Dass nun ausgerechnet Schuh, der die medialen Inszenierungen in Politik und Kultur und die Festschreibung von Hierarchien stets mit analytischer Skepsis begleitet hat, zum "österreichischen Paradeintellektuellen" (orf.on) ausgerufen wird, entbehrt nicht der paradoxen Komik. Das Gespräch mit Schuh fand übrigens an seinem 59. Geburtstag statt - einen Tag, bevor der Schriftsteller nach Leipzig flog, wo er als einer von fünf Autoren für den mit 15.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse (in der Kategorie Essay/Sachbuch) nominiert war - und diesen dann auch zugesprochen bekam. Ihre Entscheidung begründete die Jury unter anderem damit, dass die "sprachlichen Kostbarkeiten" des Autors "eine große Linie (...) von Kafka bis Polgar in das 21. Jahrhundert hinüberretten".

Falter: Sie sind für den Leipziger Buchpreis nominiert - was bedeutet das für Sie?

Franz Schuh: Hollywood. Oscar-Verleihung! Eine Reihe von Leuten, die den Preis nicht kriegen, wird einberufen und muss zeigen, dass ihnen das gar nichts ausmacht, weil sie darüber sehr froh sind, dass ihn eh der Richtige bekommen hat. Aber das sind eben Schauspieler - die können das.

Wenn Sie gewinnen würden?

15.000 Euro wären natürlich großartig, aber ich kann es mir nicht im Ernst vorstellen.

Haben Sie die Konkurrenz beobachtet?

Das nicht, aber ich halte mich gegenüber Peter von Matt für chancenlos - das Thema Intrige, über das er geschrieben hat, interessiert nun wirklich jeden. Außerdem denke ich, dass die deutschen Jurys jetzt genug haben von den ausgezeichneten Österreichern - das muss ihnen ja schon bis hier oben stehen.

Wie kam es überhaupt zu dem Bonus, den Österreicher in der deutschen Gegenwartsliteratur lange Zeit genossen?

Die deutsche Sprache hat im österreichischen Gebrauch nicht jene Eindeutigkeit, die jemand aus Hannover "von Natur aus" an den Tag legt. Das ist für Schriftsteller eine wunderbare Herausforderung! Das uneigentliche Sprechen des süddeutschen Sprachraums, dieser "Jargon der Uneigentlichkeit", wie das im Zusammenhang mit Ödön von Horváth mal genannt wurde, unterscheidet sich radikal von der Art und Weise, in der etwa Exbundeskanzler Gerhard Schröder spricht: Der hat zwar wechselnde Gesinnungen, aber immer dieselbe Sprache.

Den Deutschen wird gerne Ironieunfähigkeit nachgesagt.

Es ist nicht so, dass sie Ironie nicht verstehen, aber sie halten sich mit diesem Umweg ungern auf.

Gibt es nicht auch eine seltsame Asymmetrie des Begehrens zwischen diesen beiden Ländern: Die Deutschen finden uns eigentlich eh charmant, während die Österreicher gern auf die Deutschen herabschauen.

Das stimmt nicht. Es gibt genug Deutsche, die das absolut nicht ertragen. Der von mir sehr geschätzte Bazon Brock hat einmal in der Galerie nächst St. Stephan einen Anfall bekommen und etwas in der Art gebrüllt: "Die Scheiß-Österreicher sollen endlich die Gosch'n halten!" Im Wiener Sprachgebrauch ist die Ironie der Versuch, über eine Haken schlagende Indirektheit ungreifbar zu bleiben. Das kann Leuten, die ein Resultat wollen, sehr auf die Nerven gehen.

Eigentlich haben Sie aber jetzt was Nettes über Wien gesagt ...

Das war nicht so gemeint. Ich habe in meinem Leben ja sehr oft die Möglichkeit, aus Wien wegzugehen. Meine letzte Erfahrung damit war, dass ich in der Marc-Aurel-Straße stand und die Straße hinunter zum Donaukanal blickte - und es stellte sich in mir fest: Hier will ich nicht weggehen. Der Preis des Hierbleibens ist allerdings ziemlich hoch: Man lebt in einer erschreckenden Weise bequem. Diese Bequemlichkeit ist damit verbunden, dass der andere zwar auch bequem lebt, dass sich aus dieser Schlaffheit heraus allerdings eine Bösartigkeit entwickelt - ich bin immer wieder davon überrascht, wie schwer man hier lebt, obwohl es so angenehm ist.

Aber ist diese Schlaffheit nicht zugleich eine kulturelle Errungenschaft?

Nein, nur eine schlaffe Kultur hat mit Schlaffheit zu tun, im besten Falle ist sie eine Intensitätsmaschine. Das sogenannte Kulturelle ist eine Stärke auf einer anderen Ebene. Es hat damit zu tun, dass man dem Tänzer nicht anmerkt, dass er schwitzt.

Apropos Schauspielkunst: Es läuft demnächst im Filmmuseum eine Retrospektive von John Cook, in dessen Film "Schwitzkasten" Sie mitgespielt haben. Warum haben Sie diese "Karriere" nicht weiterverfolgt?

Als ich bei Cook gespielt habe, habe ich sehr viele Nachfragen bekommen, ob ich nicht da und dort mitspielen würde. Hans Hurch, der damals Filmkritiker beim Falter war, meinte aber: Das geht nicht; und zwar deshalb, weil man nicht Teil der Szene sein könne und zugleich diese Szene darstellen. Und das hat mir eingeleuchtet: Es wäre eine Ausbeutung einer peripheren Prominenz gewesen. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nur in einem Amateurrahmen ganz gut spielen kann und umso schlechter werde, je länger ich probe.

Wie steht es mit dem Medium Fernsehen? Kann man Sie als TV-Freak bezeichnen?

Ich habe ein theoretisches Interesse an der sogenannten Massenkultur und gehöre darüber hinaus zu den Leuten, die von Einfällen gejagt werden - womit aber immer Arbeit angesagt ist. Ich will aber nicht so viel arbeiten, und der fantasietödliche TV-Trash verhilft mir zu einer Art von Trance, in der meine Einfälle keine Rolle mehr spielen. Ich muss allerdings eines sagen: Ich finde nichts Positives an der Barbara-Karlich-Show.

Was am Fernsehen finden Sie denn wirklich gut?

Dass es ein nachgerade sozialpsychologisches Reportagemedium ist. "Am Schauplatz" etwa ist ein Format von äußerster Wichtigkeit, weil es nicht die aus dem sozialistischen Fernsehen bekannte Vergottung des Alltags aufweist, aber trotzdem zu zeigen vermag, wie dieser Alltag für verschiedene Teile der Bevölkerung ausfällt - das ist eine große Leistung.

Viel reflektiert wird nicht im österreichischen Fernsehen. Dafür sind dort die Physiognomien zu sehen, die den Status quo der Republik widerspiegeln - zum Beispiel die gusseiserne Miene von Elisabeth Gehrer, dieser ...

... wandelnden Willenserklärung.

Es gibt in Ihrem Buch sehr eindringliche Beschreibungen von physiognomischen Entgleisungen, und auch Witold Gombrowicz' Begriff der "Fresse" wird zustimmend verwendet.

Da muss man aber auch dazu sagen, dass Gombrowicz, wie hart und polemisch er auch immer gewesen ist, die Menschen von der "Fresse" befreien wollte - im Unterschied zu der Physiognomik, die die Leute auf ihren Gesichtsausdruck festnageln will: "Der schaut so aus, also ist er so!"

Ein Beispiel für den Festnagelungsmodus wäre ...

... der Rassismus.

Ich dachte jetzt an Andreas Khols Ausspruch, er könne "diese roten G'frieser" nicht mehr sehen.

Wenn bei Khol etwas keine Tochter der Zeit ist, dann wohl der Umstand, dass er diese G'frieser nicht aushält. Es ist schon sehr erstaunlich, wie wirkungsmächtig die Lagermentalität in Österreich noch ist, obwohl die historischen Gründe dafür zusehends verblassen. Offiziell ist die Lagermentalität kaum, in den Alltagsrealitäten dafür extrem präsent.

Leopold Gratz ist kürzlich gestorben: Das war eine Physiognomie aus einer anderen Ära - von tiefer Melancholie umweht.

Über den Mann selbst können wir gar nichts sagen, aber über die Bilder von ihm schon: Leopold Gratz ist ein Zeichen für das Scheitern der linksliberalen Sozialdemokratie, und der Name der Schwäche, von der sie befallen war, lautet Udo Proksch. Carl Schmitt hat Politik als Umgang mit dem Feind definiert, für Gratz war sie der Umgang und die Suche nach dem Freund. Ironisch gesprochen: Die linksliberale Sozialdemokratie konnte die Einsamkeit und Kälte der Macht nicht ertragen: It's lonely at the top. Und am Ende dieser linksliberalen Bewegung stand ein Mann, der die Verwaschenheit in Person war: Viktor Klima. Gusenbauer ist bereits einer, der sich mit dem erfolgreichen Populismus der anderen zurechtfinden muss. Ich unterstelle, dass er auf der einen Seite bekennender Austromarxist, als pragmatischer Politiker aber das extreme Gegenteil davon ist. Bis zu ihrer ausgewaschenen Variante war diese linksliberale Partie aber irgendwie noch eine Einheit.

Blickte uns nicht genau deswegen Gratz so traurig entgegen - weil er die eigene Zerissenheit gespürt hat?

Der ist in seiner Einheit gescheitert, und das ist was anderes, als Manager seiner eigenen Zerrissenheit zu sein. Nicht umsonst ist der "Zerrissene" ein Stück von Nestroy, also etwas Komisches, während der in seiner Einheit Gescheiterte etwas Tragisches an sich hat.

Tendiert die Sozialdemokratie nun zum Komischen oder zum Tragischen?

Sie muss jedenfalls in einer Mediengesellschaft aufpassen, dass sie die Parteinahme für die sogenannten kleinen Leute nicht mit der Verlockung verwechselt, populistisch zu triumphieren. Und wenn mal eine Politikergeneration dran ist, die diesen Unterschied nicht kennt, dann verabschiedet sich eine große Bewegung der Moderne von einem Tag auf den anderen.

Worin genau bestand eigentlich das Faszinosum Udo Proksch?

Das ist eine schwieriges und lange noch nicht ausdiskutiertes Thema: Höchstwahrscheinlich hängt es auch mit der chauvinistischen Sozialisation sozialdemokratischer Führungspersönlichkeiten zusammen. Ich habe nicht vergessen, dass Kreisky über Hertha Firnberg, die eine außerordentliche Person war, gemeint hat: "Die ned, weil alt bin ich selber." Das ist eine skandalöse Äußerung ohnegleichen und kam von jemand, der die liberale Variante der Sozialdemokratie am erfolgreichsten und deutlichsten verkörpert hat - obwohl sein Führungsstil paternalistisch war. Und Proksch hat offenbar eine männliche Perspektive eröffnet, die für Menschen in der Sphäre der Macht attraktiv war.

Warum haben es in Österreich charismatische Arschlöcher so leicht?

"Charisma" ist hauptsächlich eine Projektion auf der Grundlage eigener Defizite.

Wenn Sie über Oskar Werner schreiben, dann hat das doch auch mit einem Charisma zu tun, für das Sie offenbar empfänglich waren?

Nein. Der war ein Charisma-Händler, der mit charismatischen Imagines hausieren gegangen ist. Ich hingegen bin von einem ganz außergewöhnlichen Schauspieler begeistert gewesen und zwar in einer Rolle, für die er gar nicht berühmt war: den Prinzen Heinrich in "Heinrich IV.". Das war eine unfassbare theatralische Leistung! Und da geht es darum, dass ein regressiv-aggressives Kindwesen dem Vater gegenüber aus der Selbstverkindlichung, die ihm ein gewisser Herr Falstaff noch versüßt, aussteigt und ein politischer Mensch wird. Da sind wir wieder bei den physischen Anstrengungen. Oskar Werner hat es physisch nicht geschafft - und leider aus einem dummen Grund: Ein Genie, das an den Geniekult glaubt, ist in einer entsetzlichen Situation.

Ottfried Fischer hingegen hält wohl niemand für ein Genie. Er kommt bei Ihnen nicht so gut weg, obwohl Sie den "Bullen von Tölz" doch seinerzeit durchaus geschätzt haben. Haben Sie mit ihm gebrochen?

Einerseits habe ich gebrochen, andererseits ist er mir näher ans Herz gewachsen - weil er wohl, so wie ich, schwere Blutdruckprobleme hat. Ich brauch nur in meinen eigenen Kasten reinzuschauen, um zu wissen, was er schluckt. Den "Bullen von Tölz" gibt's andererseits nicht mehr, weil er wohl der am brutalsten ausgeschlachtete Bulle ist, den es je gab: So ist eine Annäherung zugleich das Ende einer tiefen Freundschaft.

Wollen Sie zum Abschluss nicht noch was Positives über das Fernsehen sagen - zum Beispiel über die "Simpsons"?

Da fühle ich mich durch Daniel Kehlmann bestätigt, der die Voltaire'sche Aufklärung heute am ehesten in den "Simpsons" fortleben sieht - so wie ich auch. Im Übrigen ist Homer ein Inbild der menschlichen Schwäche und gleichzeitig fähig, einen Daseinskampf zu führen, der selbst denen nicht weh tut, auf deren Kosten er geführt wird. Die Stärke der "Simpsons" besteht darin, sich die Klischees aller amerikanischen Subkulturen anzueignen und darüber einen Blick auf die Realität zu werfen.

Gibt's noch eine andere Serie, die Sie verfolgen?

Die "Sopranos", die natürlich wahnsinnig interessant sind: zum einen, weil die Amerikaner ein unglaubliches Reservoir an schauspielerischen Könnern haben, zum anderen wegen der geradezu brechtisch-genialen Verbindung von blutiger Kriminalität und Spießerproblemen im eigenen Haushalt, die zugleich feurig und kalt serviert wird. Das klassische österreichische Thema des Zusammenhangs von Gemütlichkeit und Brutalität wird hier auf neue Weise abgespielt - grandios!

"Malcolm in the Middle"?

Ist vor allem pädagogisch wichtig, weil es mit der Verharmlosung knäblicher Pubertät endgültig aufräumt. Und die Varianten politischer Inkorrektheit, die vorkommen, sind großartig: Wie die Eltern von Stevie diesen hospitalisieren, und Malcolm sofort kneißt, dass das nicht geht; wie Stevie quasi auf offenem Feld zu leben beginnt, wobei ihm aber gleichzeitig der Rollstuhl geklaut wird - ein dermaßen tiefes Bild der Vergeblichkeit und zugleich des Gelingens menschlichen Strebens muss mir die Theaterliteratur erst einmal liefern!

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2006



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