Gischt

Peter Oberdörfer


Mit allen Wassern

Johannes Gelichs "Chlor" und Peter Oberdörfers "Gischt" beschäftigen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Leben und Lieben in der Gegenwart.

Nach C.G. Jung steht das Wasser als Symbol für den "Geist, der unbewusst geworden ist". Wie erhellend diese fünfzig Jahre alte Erkenntnis auch heute noch bei der Deutung von literarischen Werken sein kann, zeigen zwei aktuelle Romane, die schon im Titel Bezug aufs Wasser nehmen. Beide handeln von Menschen, die sich in gewissem Sinn von der rationalen Welt verabschieden. Das ist aber - neben dem Schauplatz Wien - schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen "Gischt" von Peter Oberdörfer und "Chlor" von Johannes Gelich. Während "Gischt", wie der Titel nahe legt, aufwühlend sein will, erzählt "Chlor" lakonisch vom schleichenden Gift unseres zivilisierten Lebens.

"Chlor", der erste Roman des 1969 in Salzburg geborenen Johannes Gelich, spielt im Frühjahr 2003: "Bagdad brennt - Wien pennt." Und Hauptfigur Hans verliert unerwartet seinen Job in der "Corporate Wording"-Abteilung einer überflüssigen Firma. Fristlos. Hans beschließt, seine Tage ab sofort im Wiener Stadthallenbad zu verbringen. Vor seiner Frau Vivien versteckt er anfangs seine Badesachen, denn sie mag es nicht, wenn er nach Chlor riecht. Die Vorsichtsmaßnahme erübrigt sich jedoch bald, weil Vivien mit ihrer Karriere beschäftigt ist und immer seltener nach Hause kommt. Wenn er abends alleine daheim sitzt, besäuft sich Hans und gerät in einen Strudel von Betrachtungen. "Manchmal tauchen Bilder aus meinem früheren Leben auf, und ich erinnere mich, wie ich in meinem surrenden Büro mit Blick auf die Donau saß und stupide vor mich hinarbeitete."

Das Hallenbad, das er täglich aufsucht, wird für Hans zum Lebensmittelpunkt. Er schwimmt dort seine Längen, springt vom Turm, versucht sich erfolglos beim Kajaktraining und absolviert trotz klaustrophobischer Tendenzen einen Probetauchgang. Doch am liebsten sieht er nur zu: den diversen Sportlern und den anderen Badegästen, denen er zwischendurch zur Irritation Zettel mit Graffitisprüchen in die Kästchen steckt. "Geht's alle unter."

Eines Tages taucht Yukiko auf, eine japanische Studentin: "Sie breitet ihr Handtuch neben meinem aus, setzt sich und beginnt zu reden. Wenn du ein buddhistischer Mönch wärst, wäre dein höchstes Ziel die Verwandlung in Wasser. ... Ich setze mich auf und versuche wieder in die Realität zu finden." Jaja, die Realität, bzw. was man gemeinhin dafür hält, ist Hans entglitten. Auch die Beziehung zu Yukiko entgleitet bald: Die beiden verbringen gemeinsam eine Nacht im Hallenbad, dann verschwindet die Freundin wieder von der Bildfläche.

Wie schon in seiner 2003 erschienenen Novelle "Die Spur des Bibliothekars" legt Johannes Gelich in "Chlor" geschickt symbolische Fährten aus, die quasi eine Tropfenspur durch den Text bilden. Immer wieder doziert der Antiheld über Meerestiere; ebenso werden mythologische Vorbilder zitiert, zum Beispiel wenn Hans auf einem Wachturm der Zeugen Jehovas die Schlagzeile "Auch du bist Jonas" liest. Und nicht zuletzt fallen die sprechenden Namen der Hauptfiguren auf: Die Karrierefrau heißt Vivien, die Lebendige; die dahinschmelzende japanische Freundin übersetzt ihren Namen Yukiko mit "Schneekind", und der Name Hans lässt sowohl an den Geliebten der Undine in Ingeborg Bachmanns Erzählung denken als auch an Hans im Glück. Denn wie im Märchen mündet Hans' Unfähigkeit, sich einer sinnlos erscheinenden Wirklichkeit zu stellen, zum Schluss in ein paradoxes Gefühl der Erleichterung. Nur dass diese törichte Idylle ihre Glückskarikatur nicht aus dem Schrebergarten, sondern aus dem Hallenbad bezieht: Dort, wo von den Öffnungszeiten bis zum Randsprungverbot alles klar definiert ist; dort, wo das Wasser gefiltert wird und die größte Gefahr darin besteht, sich einen Fußpilz einzufangen; dort findet Hans letztlich für sich alles, was er zum Leben und Glücklichsein braucht.

Wäre "Chlor" in seiner seltsamen Mischung aus Suderei und Selbstironie ein Werk der bildenden Kunst, dann wäre es vielleicht ein synthetisches Readymade: eine halbtransparente, meerblaue Schwimmtasche aus öligem Plastik. Im Vergleich dazu handelt es sich bei dem durch und durch naturalistisch angelegten Roman "Gischt" von Peter Oberdörfer um eine kernige Schnitzerei aus dem Grödnertal. Und das ist nicht böse gemeint.

Der 1961 in Schlanders geborene Autor wirkt als Schauspieler und Regisseur im Theater in der Klemme in Meran. Dementsprechend fällt die Handlungsführung in seinem ersten Roman dramaturgisch solide und die Figurenzeichnung markant aus. Die Handlung lässt sich wie folgt umreißen: Willi, Mitte zwanzig, freier Journalist, verschwindet eines Tages spurlos, bleibt einfach von zu Hause weg. Einen Tag, zwei Tage, drei Tage ... Seine Frau Claudia macht sich Sorgen, aber für die Polizei besteht noch kein Handlungsbedarf. In ihrer Verzweiflung ruft Claudia Hans an. Willi - Claudia - Hans: Als sie zwanzig waren und in Wien studierten, wagten sie sich an eine Menage à trois. Nun sind sie 26 und nach Südtirol zurückgekehrt. Mit Willis Verschwinden kommt die Erinnerung an die alte Dreiecksgeschichte zurück.

Peter Oberdörfer gibt die komplizierte Vergangenheit der drei in Rückblenden Stück für Stück Preis. Dazwischen erfährt man, wie die Figuren in der Gegenwart leben: Hans ist verheiratet und Familienvater, Willi und Claudia sind ein Paar geblieben und fretten sich durch Leben und Beziehung. Alle drei sind sie unaufgeregt in die Südtiroler Welt eingepasst. Trotz Party-und Drogenerfahrungen, trotz des passenden Popzitats für jede Lebenslage wirken sie mit ihren 26 Jahren so weit von ihrer Jugend entfernt, als steckten sie bereits in der dritten Midlifecrisis.

Der Aufbau von "Gischt" ist raffiniert, der Stil der Prosa klar und direkt. Doch bei aller Bemühung, den Roman, der ja sowohl ein wilder als auch ein sensibler sein könnte, zum Wallen zu bringen, bleibt es beim kurzen, naturgetreuen Aufkochen einer Beziehungsgeschichte. Die Gischt treibt Schaumbläschen ans Ufer, und während man sie betrachtet, zerplatzen sie.

Werner Schandor in FALTER 11/2006



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