Schreie vom Balkon

Charles Bukowski, Seamus Cooney


"Zum Teufel, was soll's"

Charles Bukowski wird verkannt. Wirklich kennen lernen kann man ihn jetzt in einer Ausgabe seiner Briefe.

Charles Bukowski! Ein Autor, den man mit 17 liest und mit dreißig verachtet. Die, die ihn in ihrer Jugend gelesen haben, tun dies als Jugendsünde ab, und die, die ihn nicht gelesen haben, kommen nicht auf die Idee, es nachzuholen, weil er ja ein Autor für die rebellische Jugend ist. Alles falsch. Charles Bukowski, der 1920 als Sohn einer Deutschen und eines amerikanischen Besatzungssoldaten in Andernach zur Welt kam und von seinem dritten Lebensjahr an in Los Angeles lebte, wo er 1994 auch starb, ist ein unterschätzter Schriftsteller. Oder zumindest ein aus den falschen Gründen geschätzter. In der Bukowski-Rezeption liegt der Schwerpunkt auf der Drastik seiner Schilderungen von Pferdewetten, Schlägereien, Besäufnissen, Sexualakten, und nur selten hat sich jemand die Mühe gemacht zu untersuchen, ob es sich bei dem kuriosen Trinker nicht vielleicht doch um einen Autor handelt, der Qualität zu bieten hat, ungeachtet seiner literarischen Selbstbeschreibung: "Zum Teufel mit jambischen Pentametern und Spondäen - mir geht's um Kilowatt!"

Die ersten literarischen Arbeiten verfasst Bukowski in den Vierzigerjahren, in denen er sich als Schlachthof-und Dockarbeiter, Rettungsfahrer und Tankwart durchschlägt. Nach zehnjähriger Pause und einem Magendurchbruch ("die Ärzte sagten, mein nächster Drink werde mein letzter sein. Also ging ich raus und bestellte einen Drink") beginnt er mit 35 wieder zu schreiben. 13 Jahre arbeitet er bei der Post, zwei davon im Außendienst. Mit fünfzig, mittlerweile über den literarischen Underground hinaus bekannt geworden als Verfasser schriller Gedichte und Storys, kündigt er, um seinen ersten Roman zu verfassen. "Post Office" ("Der Mann mit der Ledertasche"), ein weitgehend autobiografisches Buch, wird ein Erfolg wie auch sein nächster und besserer Roman "Factotum".

Zu dieser Zeit wird Bukowski, nicht zuletzt durch die unermüdliche Arbeit seines Freundes und kongenialen Übersetzers Carl Weissner, auch in Deutschland entdeckt. In den Siebzigerjahren erreichen vier seiner Bücher, darunter zwei Gedichtbände (!), im deutschen Sprachraum eine verkaufte Gesamtauflage von 200.000 Exemplaren. Dieser Erfolg führt zu zwei Reisen nach Europa, nach Frankreich und Deutschland, die Bukowski in seinem Roman "Die Ochsentour" beschrieben hat. In der populären französischen Literaturtalkshow "Apostrophes" erscheint er mit drei Flaschen Sancerre, seine ersten Worte an den Moderator Pivot sind: "Was wippst du so mit den Füßen? Hast du Lampenfieber? Da, trink 'n Schluck." Die Veranstaltung endet mit einem Skandal, Bukowski verlässt mitten in der Sendung das Studio. In der Hamburger Markthalle hält er im Mai 1978 seine einzige Lesung auf deutschem Boden, vor über 1200 Zuhörern, neben sich auf der Bühne einen Kühlschrank voll Bierflaschen, immer wieder in seinem Vortrag unterbrochen von Betrunkenen und Verrückten, die ihn beschimpfen oder anfeuern. "Was für ein Affenzirkus! Die Jungs in der Post hätten mir das nie geglaubt."

Bei jemandem, dessen ausschweifendes Leben sich in seinen Werken unverfälscht widerspiegelt, verwundert es natürlich nicht, dass er mit Anfeindungen leben musste, und die Bukowski-Rezeption ist nur selten durch den Nebel von Gerücht und Stilisierung zur Substanz seines Werks durchgedrungen. Tatsächlich ist Bukowski ein witziger Lyriker und ein origineller Romanschriftsteller, vor allem aber ist er ein Meister der Short Story. In den meisten seiner Geschichten und Gedichte geht es um die Liebe, zuweilen in reichlich abwegiger Form, oft aber auch sehr anrührend. Da heißt es zum Beispiel in "Anmerkung zu den Liebesbriefen von Beethoven":

"Stell dir vor, Ludwig würde / heute leben und in seinem roten / Sportwagen mit runtergeklapptem / Verdeck rumkurven und all die / irren hartgesottenen Flittchen / von den Boulevards auflesen - / wir bekämen Musik, wie wir sie / noch nie gehört haben / und er würde trotzdem nie / seine unsterbliche Geliebte / finden."

Wie stark autobiografisch Bukowskis Texte sind, verdeutlicht ein soeben erschienenes Buch mit dem Titel: "Schreie vom Balkon. Bukowskis Briefe 1958-1994". Vor diesem Buch sei gewarnt: Jemand, der nur wenig von Bukowski gelesen hat, wird mit ihm nicht viel anfangen können. Für einen Bukowski-Fan hingegen ist es wohl das Geschenk des Jahres. Ein Juwel, wunderbar ausgestattet, wert, ungelesen aufbewahrt zu werden bis zu einem Zeitpunkt, da man sich ungestört drei Tage ins Bett legen kann.

Im Dezember 1963 etwa ist Bukowski ein dichtender Postbote, der Folgendes schreibt: "Gar nichts halte ich von Kennedy. Da unten, wo ich arbeite, haben sie unter seinem Foto ein schwarzes Schild: MÄRTYRER. Meint ihr wirklich? Harvard? Eine edle Tusse fürs Bett, die sich eine Wespentaille hinhungert, die ihr das Baby im Leib killt? ... Ist es wirklich die Hölle, schon bei der Geburt mehr Geld auf der Bank zu haben, als man je ausgeben kann? Ist es die Hölle, wenn dir jemand eine Kugel in den Kopf schießt, statt dass du's selber tun musst? Wo kommt die Hölle überhaupt ins Spiel, und wie definiert man das? ... Wie viele wurden am gleichen Tag wie K. beerdigt."

Im Oktober 1985 hat sich Bukowskis Leben verändert, allerdings weniger, als diese Sätze den Anschein erwecken mögen: "Sean Penn und Madonna waren neulich abends da. Meine Sachen gefallen ihnen anscheinend, und sie interessieren sich für die beiden Hauptrollen in ,Barfly'."

Bukowskis Briefe, das sind einerseits 550 Seiten Berichte über Ausschweifungen und Verrücktheiten, mehr aber noch zeigen sie eine stillere Seite des Schriftstellers. Etwas Tiefschürfendes hat er selten zu sagen, aber er sagt es immerhin zumeist recht poetisch. Es gibt einige Bücher über Bukowski, nur wenige sind ihr Geld wert, manche sind sogar ein wenig ärgerlich, wie der beim Maro Verlag erschienene, ziemlich inhaltsleere Band "BUK. Von und über Charles Bukowski". Informativer als die "Briefe" ist wohl keines, nicht einmal die unter dem Titel "Den Göttern kommt das große Kotzen" soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Tagebücher von 1991/92, die doch etwas unter Redundanz und Stilisierung leiden.

Es ist aufschlussreich zu sehen, wie selbst ein Mann wie Bukowski durch den Erfolg mehr und mehr in jenen Betrieb hineingezogen wird, den er zu verachten vorgibt, aber der ihm weniger egal ist, als er zugibt. 1960 handeln seine Briefe auch vom Schreiben, ja auch von Veröffentlichungen, aber hauptsächlich geht es um das Leben, das er führt. 25 Jahre später ist das anders. Es geht um Vorschüsse, Verträge, Lesungen, Übersetzungen: Sogar aus Hank, wie ihn nach seinem literarischen Alter ego Henry Chinaski seine Freunde nennen, wird in manchen Augenblicken eine Betriebsnudel. Aber es ist wohl wirklich schwer, sich nicht zu verändern, wenn man verehrt wird. Wenn ein mehrstündiges Interview, das man in betrunkenem Zustand gegeben hat, in einem Kino der Stadt gezeigt wird, und dabei Hunderte junge Leute im Publikum johlend der Leinwand zuprosten, dann beeinflusst so etwas sogar einen Kerl wie Bukowski.

Das Ende der "Briefe" stimmt wehmütig. Man weiß, dass Bukowski an Leukämie gestorben ist, und blättert beklommen dem letzten Briefen entgegen. Aber gerade am Schluss zeigt sich dessen Format. Er erwähnt die Diagnose, er jammert nicht und klagt nicht, berichtet sachlich von der Behandlung. Als er weiß, dass es bald vorbei sein wird, schreibt er: "Den Tod nehme ich hin, aber ich hasse es, meine Frau und die neun Katzen allein zu lassen." Und zwei Wochen später: "Tja. Die neueste Nachricht von den Ärzten: Mein Knochenmark hat sich ,verflüchtigt'. ... Der Abend verdunkelt sich. Was für ein Pech, was für ein Schicksal, zum Teufel, was soll's."

Bukowski stirbt am 9. März 1994. Den Sarg tragen unter anderem sein Verleger John Martin, Carl Weissner, Woody der Pferdetrainer und Sean Penn. Der, den sie tragen, hat sich Jahre zuvor folgenden Grabspruch gewünscht:

"Ach naja, mir hat's eh/nicht gefallen."

Treffender würde ihn aber wohl diese Stelle aus einem seiner Gedichte beschreiben:

"Bloß ein alter Sonderling / mit goldenen Flügeln, / einem wabbeligen weißen Bauch / und Augen, vor denen die Sonne / in Ohnmacht fällt."

Thomas Glavinic in FALTER 11/2006



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