Mongolei. Die Karawane

Regina Ziegler


Lost World

Martin Pollack versammelt in "Sarmatische Landschaften" Texte aus Litauen, Polen, Belarus und der Ukraine.

Für Ptolemäus vor knapp zwei Jahrtausenden war Sarmatien die Gegend zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Weichsel und Don, bewohnt von den freiheitsliebenden Sarmaten. Davon blieb, so der österreichische Autor, Journalist und Ostmitteleuropaspezialist Martin Pollack, ein Mythos. Er kam in der orientalisch wirkenden Kleidung des Klein-und Landadels in Litauen ebenso zur Geltung wie in der Ideologie eines eigenen osteuropäischen Kulturraums mit "historischer Mission" als christliches Bollwerk - schließlich war Polenkönig Jan Sobieski der entscheidende "Verteidiger des Abendlands" gegen die Türken gewesen.

Von den westlichen Aufklärern hingegen wurde Sarmatien unterschiedslos in den Topf osteuropäischer Rückständigkeit geworfen. Eingekeilt von den drei Imperien der Romanows, der Hohenzoller und der Habsburger wurde es von diesem Syndikat als koloniale Beute filetiert. Die Adelsrepublik, die in ihrer Blütezeit das heutige Polen, Litauen, Belarus und große Teile der Ukraine umfasste, wurde zum Schauplatz aller möglichen Barbareien - vom Ersten Weltkrieg über den Holocaust, die Massaker des Zweiten Weltkriegs bis zum Sowjetimperium.

"In diesem Teil Europas hat sich ein Schicksal abgespielt", so Pollack, "das als Gleichnis für menschliche Unbehaustheit überhaupt gelten kann. Umsiedlungen, Fluchten, Vertreibungen, Deportationen, Völkermord haben die Erfahrungen ganzer Generationen geprägt." Aber auch die Grenzen wurden immer wieder mit großmächtiger Willkür gezogen; Polen lag einmal da, einmal dort und bald nirgendwo, Litauen oder Belarus - selten souverän - gehörten einmal diesem, einmal jenem.

Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland" lautet der Untertitel des von Pollack herausgegebenen Sarmatienreaders, der Beiträge von 17 Autoren aus den Ländern beiderseits der Schengener Grenze versammelt. Und diese durchwegs jungen Publizisten richten unangenehme Botschaften an den Westen. Sie erinnern an die fast vergessene alte "sarmatische" Geschichte des besonderen Kulturraums, an die immer noch offenen Wunden des Zweiten Weltkriegs oder an die Aktualität der Völkerwanderung.

Den meisten Autoren geht es darum, verschüttete Traditionen freizulegen, ohne auf die nationalistische Schmalspur zu geraten: Ihr Erinnern vollzieht sich auffällig in einem europäischen Kontext. "Sarmatien" ist keine nostalgische Formel für vergangene polyethnische Möglichkeiten, zermalmt zwischen den Mühlsteinen mörderischer Imperien. Es ist die Chiffre für die zivilgesellschaftliche Idee einer europäischen Union der Vielfalt, Differenz und Toleranz, ein Appell an den Westen zu politischem Weitblick.Noch einmal ein paar Tausend Kilometer östlich von Sarmatien liegt die Mongolei, die zuletzt durch Filme wie "Die Geschichte des weinenden Kamels" hierzulande in ein neues Licht gerückt und als Touristenziel entdeckt wurde. Selbst Bildungsministerin Elisabeth Gehrer möchte nach ihrer Pensionierung in die mongolische Wüste reisen. Für eine ZDF-Doku haben das einige Abenteurer bereits getan und sind dabei auch fotografiert worden - glücklicherweise nicht so oft wie die fürwahr prächtige Kulisse.Durchlässig reisen

Tourismus Duccio Canestrini fragt angesichts von terroristischen Anschlägen, wie wir in Zukunft unterwegs sein werden.

Touristen sind Botschafter aus der Welt des Überflusses und werden vielerorts als "wandelnde Geldsäcke" betrachtet. Nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen werden sie zu Zielscheiben. Einem Staat schaden Angriffe auf seine Ferienparadiese nachhaltig, und zugleich treffen sie die Herkunftsgesellschaften. Mit den Anschlägen auf türkische Feriendörfer und Geiselnahmen in Nordafrika, spätestens aber seit 9/11 ist die Sicherheit für den Tourismus ein Thema geworden.

Nicht nur die Touristen sind zu Tode erschrocken, alle wollen eine "Airbagkultur" und lassen im Namen der Sicherheit vieles zu: Videoüberwachung, Gepäckskontrollen (Nagelschere!), elektronische Pässe und Irisvermessung. Aber Security ist nicht gleich Safety; die Maßnahmen haben hauptsächlich Placeboeffekt. Terroristen verkleiden sich als Touristen, und Fingerkuppenhaut ist austauschbar; andererseits ist auch schon ein US-Aufklärungsflugzeug in die Seile einer italienischen Bergbahn geflogen, was immerhin zwanzig Touristen das Leben gekostet hat.

Der italienische Kulturanthropologe Duccio Canestrini geht in seinem neuen Buch "Schießen Sie nicht auf den Touristen!" der allgemeinen Obsession Sicherheit nach und fragt, wie wir in Zukunft reisen werden. Der Professor an der Universität Trient ist selbst weit herumgekommen: Er forschte in Indien, Afrika, Lateinamerika und in den Tropen, war für Hilfseinsätze in Kurdistan und Afghanistan. In sein Buch bringt er reiche eigene Erfahrungen ein, und dass er Wissenschaftler ist, wirkt sich nicht negativ auf die Lesbarkeit aus.

Neben den großen globalen Ungerechtigkeiten, die für ihn im Kolonialismus wurzeln, sieht Canestrini das Hauptproblem in der Figur des "unbeleckten Touristen". Menschen aus dem reichen Westen reisen wie Kinder - naiv und arrogant. Völlig unvorbereitet treten sie ihre alljährlichen Fluchten an; Alltag und Lebensumstände am Reiseziel seien ihnen egal, solange sie davon nicht bedroht würden. Die Urlauber erholen und zerstreuen sich zusehends in hermetisch abgeriegelten Schlaraffenländern.

Als Alternative beschreibt er einen "durchlässigen Tourismus", der offen ist gegenüber den Wirklichkeiten des Reiseziels. Von Touristen wäre Vorbereitung verlangt, damit sie mit dieser Realität umzugehen wüssten. Konkret hieße das, z.B. lokale Verkehrsmittel zu benutzen - und so erstens nicht unangenehm aufzufallen und zweitens der Bevölkerung einen direkten Nutzen vom Tourismus zu ermöglichen. Kurz: Touristen sollten versuchen, so nützlich und sympathisch zu sein wie der Pianist, auf den man deshalb ja auch nicht schießt.

Nach Lektüre dieses Buches weiß man nicht, welches Szenario die Oberhand gewinnen wird; jedenfalls erfährt man von Canestrini, wie man verantwortungsvoll reisen könnte und warum einem die zeitgenössischen Entwicklungen der Menschenvermessung suspekt sein sollten.

Nikola Langreiter in FALTER 11/2006



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