Buick Rivera (Gebundene Ausgabe)


Ehe versus Auto

Miljenko JergovicŽ erzählt vom Bosnienkonflikt, indem er von einem Ami-Schlitten erzählt: "Buick Rivera"

Die Geschichte erklärt sich im Detail", hat der bosnische Schriftsteller Miljenko JergovicŽ einmal gemeint. Wie zum Beweis dafür hat er nun den Roman "Buick Rivera" geschrieben. Ein Buick Rivera ist in erster Linie einmal ein typisch US-amerikanisches Automobil. Handelt es sich dazu noch um ein Modell des Baujahrs 1963, muss man sich ein Schlachtschiff der Landstraße vorstellen, mit viel Blech, Chrom und einem Benzinverbrauch von zwanzig Litern auf hundert Kilometer; ein Relikt aus einer Zeit der Fortschrittsgläubigkeit, als sich noch niemand um Nebensächlichkeiten wie Umweltschutz oder Energiesparmaßnahmen kümmerte.

Ein Buick Rivera ist also eine Art Symbol der Freiheit und Grenzenlosigkeit, eine Ikone des american dream, den auch der Bosnier Hasan Hujdur vor zwanzig Jahren einmal geträumt hat.

Hasan ist noch vor dem Ausbruch des Kriegs in seiner Heimat ausgewandert, aus dem ehemaligen Jugoslawien emigriert, zu einer Zeit, als Genosse Josip Broz Tito noch beide Beine hatte und Jugoslawien mit der kommunistischen Partei und der Armee zusammenhielt. Hasan wollte in den USA als Filmemacher Karriere machen. Ein bisschen Kulissenschieben war freilich das höchste der Gefühle, das ihm das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bieten hatte.

An die Träume von einst wird Hasan in Toledo, Oregon, nur noch von seinem stets blank geputzten Buick Rivera erinnert. Sonst schlägt er sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Dass seine Frau Angela, eine deutsche Schauspielerin, mit seiner blechernen Leidenschaft nicht viel anfangen kann und den Sprit saufenden "Schrotthaufen" besser heute als morgen loswerden will, trägt zur Erosion der Ehe entschieden bei. Eines Nachts nun, im tiefsten Winter, als Hasan Angela vom Theater abholen will, landet er samt seinem geliebten Auto in einer Schneewechte im Straßengraben.

Wie es das Schicksal so will, kommt ausgerechnet ein Landsmann des Weges, der ihm aus der Patsche hilft. Wobei das mit den Landsleuten aus Bosnien so eine Sache ist. Hasan ist Bosniake, also ein muslimischer Bosnier. Seine Zufallsbekanntschaft VukosÇalipur hingegen ist bosnischer Serbe. Er kam erst nach dem Bosnienkonflikt in die USA, nicht zuletzt, um auf diese Weise der Anklage durch das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu entgehen. Mit balkanischem Machocharme und Raffinesse eroberte er das Herz einer Millionärstochter, die von seiner Vergangenheit nichts weiß, und erlangt so in kürzester Zeit auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Zwischen den beiden Emigranten entwickelt sich nach einem ersten Abtasten ein subtiler Kleinkrieg. Er mündet darin, dass Vuko, der seine reiche Frau verlassen und ihr 15.000 Dollar und einen geländegängigen Mercedes entwendet hat, Hasan um genau diesen Betrag den geliebten Buick Rivera abkauft. Gegen Hasans Willen. Gattin Angela, die sich und ihren Mann mit einem Engagement am örtlichen Theater über Wasser hält, ist über den Coup - das Auto ist höchstens noch 500 Dollar wert - hingegen hocherfreut. Hasan sieht die Aktion freilich als demütigende Provokation und als Anlass dazu an, einen Schlussstrich zu ziehen. Obwohl in seiner Beziehung zu Angela nicht wirklich unglücklich fühlt er sich missverstanden und sucht nun das Weite.

Buick Rivera" ist ein vielschichtiges Buch, das die Wunden, welche das Schlachten im ehemaligen Jugoslawien hinterlassen hat, im Kleinen begreifbar machen will, aber auch das unvermeidbare Fremdsein im selbstgewählten Exil thematisiert. JergovicŽ taucht in diversen Exkursen tief in die Kindheit seiner Protagonisten ein, um damit die unterschiedliche Sozialisation von Muslimen und Orthodoxen im ehemaligen Vielvölkerstaat und vor allem in Bosnien-Herzegowina - JergovicŽ selbst ist bosnischer Kroate und damit katholisch - aufzuzeigen. Dass er seine Geschichte rund um den 11. September 2001 ansiedelt, erlaubt ihm auch, ihr gegen Ende eine humorvoll-sarkastische Wendung zu verleihen. Verraten sei hier aber nur so viel: Es ist gerade der schnoddrige Stil, der den Reiz des Buches ausmacht. Und der ist symptomatisch für die neue Literatur exjugoslawischer, vor allem kroatischer Schriftsteller. In Sachen Ironie und Lakonik steht JergovicŽ Zoran Feric ("Engel im Abseits") oder Rujana Jeger ("Darkroom") um nichts nach.

Edgar Schütz in FALTER 11/2006



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