Weltwunder. Kinder als Naturforscher

Donata Elschenbroich


Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich: Alltagsdinge sind das bessere Weihnachtsgeschenk

Kinder wurden im deutschen Sprachraum lange unterschätzt, meint die renommierte deutsche Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich. Sie begann ihre pädagogische Laufbahn in den 1960er-Jahren in einem abgestellten Bauwagen, wo sie einen Kindergarten eröffnete. Mit "Weltwissen der Siebenjährigen: Wie Kinder die Welt entdecken können" gelang Elschenbroich 2001 ein Überraschungsbestseller, der aber auch kritisiert wurde. Das von ihr propagierte Kinderwissen (zum Beispiel: zwei Sternbilder kennen, etwas repariert haben oder einmal in einen Bach gefallen sein) sei kein verbindlicher Kanon, stellte sie aber unmissverständlich klar. Vielmehr gehe es um einen Erfahrungs- oder Erkenntnishorizont, den es zu umwandern gelte.
In den letzten Jahren beschäftigte sich die Forscherin mit der Bedeutung von Alltagsgegenständen und deren Potenzial, Kindern das Wissen der Welt zu vermitteln. Passend zum Weihnachtsfest hält Elschenbroich diese Woche im Zoom Kindermuseum einen Vortrag mit Filmeinspielungen zum Thema "Das Spielzeug ist auf Urlaub". Der Falter hat vorab mit ihr gesprochen.

Falter: Einer der gefragtesten Spielplatzentwickler, Günter Belzig, vertritt die These, dass man Spielplätze eigentlich nicht brauche – und jetzt sagen Sie auch noch, dass Spielzeug unnötig ist. Wieso denn?
Donata Elschenbroich: Ich will keinen Feldzug gegen Spielzeug führen. Das sind ja liebevoll ausgedachte Gegenstände, die vor allem auch den Erwachsenen wohltun. Und den Impuls, Kindern die Welt in einer miniaturisierten Weise vorzustellen, scheint es in allen Kulturen zu geben, zum Teil aus einem ganz pragmatischen Grund: weil ein fünfjähriger Arm noch nicht Pfeil und Bogen eines 20-Jährigen führen kann. Seit gut 100 Jahren ist die Dingwelt allerdings fast zu einer Belagerung geworden, auch im Bereich des Spielzeugs, das sich zunehmend vor die Aufmerksamkeit schiebt, mit denen man Alltagsgegenständen begegnet und mit ihnen umgeht. In diesen steckt aber oft viel mehr Einfallsreichtum und auch Unterhaltungswert, als einem bewusst ist.

Wie muss man sich das vorstellen?
Elschenbroich: Wir haben in vielen Familien beobachtet, wie überraschend es sein kann, nahe an so einen Alltagsgegenstand heranzugehen, ein unscheinbares Ding, das in den meisten Haushalten vorhanden ist, aber nicht beachtet wird: etwa eine Wasserwaage oder einen Teebeutel. Und wie dadurch der Blick befreit und die Aufmerksamkeit geschärft wird. Das ist ein beruhigendes und sammelndes Gefühl, um das es mir in meinem Buch und den Filmen geht.

Heute gibt es ja auch jeden Alltagsgegenstand schon als Miniding – vom Staubsauger bis zum Geschirr. Steckt dahinter die Absicht, Kinder von den richtigen Gegenständen abzuhalten, weil die ja kaputtgehen können?
Elschenbroich: Oft sind die echten Gegenstände spannender als die Spielzeugversion. Wenn Kinder etwa im Kindergarten ein echtes Stethoskop ausleihen können, wird das daheim mehr Spiel und Gespräche in der Familie auslösen als das Plastikding aus dem Pappköfferchen, das immer den Subtext "Du bist ein Kind" transportiert. Wenn Erwachsene und Kinder zusammen näher herangehen an ein so erstaunliches Instrument oder auch an ein Werkzeug wie eine einfache Wasserwaage, kann das entstehen, was der Pädagoge Martin Wagenschein das "gedankenerweckende Beobachten" genannt hat. In dieser Haltung sind kleine Kinder den Erwachsenen keineswegs unterlegen, im Gegenteil.

Kinder üben ja durch das Spiel die Partizipation an der richtigen Welt …
Elschenbroich: Von Anfang an! Wenn zum Beispiel ein Baby von sieben Monaten – wie in einem der Filme, die ich in Wien zeigen werde – fasziniert ist vom gelben Post-it-Block seiner Mutter. Das ist kein Babyspielzeug, da glitzert und klappert nichts, und es ist nicht didaktisch designt. Trotzdem ist das Kind gebannt und erregt bei seiner beharrlichen Sachforschung. Dieses Ding will es aus allen Perspektiven erfassen – und manchmal kommt der Eindruck auf, als wolle es sogar hinter die Dinge schauen.

Was macht denn ein gutes Spiel aus?
Elschenbroich: Kinder zeigen uns, wenn sie gut spielen, wie sie in Räume vorstoßen, die uns auch als Erwachsene oft verblüffen, und damit ein Mehr in vielen Alltagsgegenständen, die längst geheimnislos geworden sind. Eine Wäscheklammer kann in der Hand einer Vierjährigen zu einem Krokodil werden, oder sie probiert, wie man sich damit den Finger einzwicken kann, ob das Schmerz oder Lust ist und wie lange man das aushalten kann. Mit ein bisschen Farbe kann man mit diesen Klammern auch drucken und sich fragen, ob das Männchen sind oder Bäume. Gutes Spiel vollzieht nicht nur nach, was Erwachsene vorgegeben haben. Fertiges Spielzeug ist oft zu eindimensional, es macht das Kind zum Handlanger. Das Geniale am Spiel besteht darin, dass man aus nicht gestaltetem Material etwas Neues entstehen lässt. Kinder haben die Fähigkeit, sich mit einem unscheinbaren Holzstapel einen Vormittag lang zu beschäftigen. Oder aus einem Flaschenverschluss eine Vogeltränke entstehen zu lassen.

Welches Spielzeug soll man
Kindern also zu Weihnachten
schenken?
Elschenbroich: Eine Stimmgabel zum Beispiel kann ein schönes Geschenk sein, kostet nicht viel, und damit kann man einmal die Wohnung aushorchen. Mit welchen Dingen oder Materialien hat sich dieses Ding etwas zu sagen? Mit ganz anderen als der Magnet! Es ist erstaunlich, wie viel Naturkräfte, Handwerk und Technologie in diesen Dingen stecken.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2013



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