Idealisten an der Macht. Die Passion des Joschka Fischer

Paul Berman, Helmut Dierlamm


Fischermen's Ex-Friend

Paul Berman beschreibt, wie linke Intellektuelle dazu kamen, die Armee gegen Despoten loszuschicken, und bedauert, dass sie in der Irak-Causa nicht mit in die Schlacht zogen.

Es war in Tel Aviv, da baute sich Bill Clinton vor Joschka Fischer auf und drückte ihn fest an seine Brust. "Joschka, ich habe mir schon die ganze Nacht mit dir um die Ohren gehauen", sagte der ehemalige US-Präsident. Fischer verstand nicht gleich. Er habe gerade das Buch "Power and the Idealists" von Paul Berman gelesen, klärte Clinton auf. Es gibt Anekdoten, die kann man sich als Autor wie Orden anheften.

Der ehemalige US-Präsident hat jedenfalls nicht den schlechtesten Griff bei der Wahl seiner Lektüre gemacht. Unter dem Titel "Idealisten an der Macht. Die Passion des Joschka Fischer" liegt das Buch des US-Publizisten Paul Berman jetzt auch auf Deutsch vor. Es ist ein Buch über Fischer und über den Weg radikaler Achtundsechziger an die Macht. Es ist aber auch ein Pamphlet für einen kämpferischen Liberalismus - und damit vor allem ein Buch über Berman und seinesgleichen.

Paul Berman ist ein unorthodoxer US-Linker. Politisiert im Fahrwasser der radikalen "Neuen Linken" hat er sich auch in Europa viel umgetan. Er kennt sich gut aus im Frankfurter Spontimilieu, im Pariser Maoismus und den italienischen Lotta-Continua-Kreisen. Er hat sich aber, nachdem die neue Linke ihre autoritären Versuchungen abschüttelte, einem strikten Antitotalitarismus verschrieben und wurde so zu einem der eloquentesten Verfechter des linken militärischen Humanismus, wie er in den Neunzigerjahren auch hierzulande auftauchte.

Der Argumentationsmodus ist schnell erzählt: Mögen die westlichen Demokratien auch nicht das Paradies auf Erden sein, sind sie doch die freiesten Gesellschaften der Geschichte und der Gegenwart. Die Menschenrechte sind in ihnen gewahrt. Aber es gibt Regimes und Ideologien, die diese Freiheit bedrohen, und Regierungen, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Internationalismus heißt heute, gegen diese Mächte des Totalitarismus vorzugehen - und wenn nötig auch mit militärischer Gewalt.

Joschka Fischer war nicht der Einzige einstige Linksradikale, der eine solche Sicht entwickelte. Aber er war der einzige, der es bis ganz nach Oben geschafft hat, der in einer führenden Macht der Welt das Amt des Außenministers erklomm. Fischer erwies sich darum "in diesem Kontext als repräsentative Gestalt", und das ist es, was Berman an Fischer interessiert. Und Fischer, mit seinen biografischen Brüchen, taugt auch besonders gut zur paradigmatischen Figur. Wie Fischer sich neu erfand und es zum beliebtesten Politiker Deutschlands brachte - Berman erzählt es mit höchster Bewunderung.

Er beschreibt aber auch das Milieu, in dem diese Gedanken sprossen: die französischen Neuen Philosophen, der Mitterrand-Berater Bernard Kouchner, der "Rote Dany" Daniel Cohn-Bendit, außerdem noch ein, zwei irakische und iranische Exilintellektuelle. Sie waren es, die den neuen Interventionismus argumentativ legitimierten. Kein konservativer Realpolitiker hätte das geschafft, dies konnte nur "den ,Idealisten' der Außenpolitik" gelingen, lobt Berman.

Das Schlüsselerlebnis für den Aufstieg des neuen Interventionismus sind natürlich die Balkankriege gewesen, der Schlüsselmoment das Massaker von Srbrenica - die Erfahrung, dass man sich schuldig macht, wenn man einen Völkermord nicht verhindert, den man verhindern kann. Nur eine Regierung, in der die Idealisten an den Schlüsselstellen sitzen, konnte Nachkriegsdeutschland in den ersten Krieg führen. 1999 war es im Kosovo so weit.

Paul Berman ist ein kluger Kopf. Er hat aber auch einen Hang zur Großspurigkeit und verliert mitunter jedes Maß. Am Ende kann vor seinen Augen nur bestehen, wer in jedem Fall zu jeder Militärintervention unter der Fahne der Freiheit heroisch Ja sagt. Namentlich sein Held Fischer hat Berman schwer enttäuscht, weil er in der Irak-Causa zu anderen Schlüssen kam als in der Balkanfrage.

Auch wenn man seine militaristische Argumentation grundsätzlich unterstützt, so muss man dem Buch doch zwei Dinge entgegenhalten. Erstens behandelt Berman die Frage "Wie hältst du's mit dem Menschenrechtsbellizismus?" als die einzige relevante Frage für eine moderne Linke. Zweitens: Einmal vorausgeschickt, man unterstützt prinzipiell den Einsatz militärischer Mittel zur Befreiung von Menschen, die unter Despotie leiden, kann es dann nicht im Einzelfall dennoch gute Gründe geben, von einer Intervention abzusehen?

Im Fall Bosniens lauteten die Einwände, eine Intervention sei praktisch aufgrund von Topografie und ethnischer Realität unmöglich - diese Einwände waren weder dumm noch unmoralisch, aber offenkundig falsch. Im Falle des Iraks lauteten die Einwände, ein Einmarsch würde einen Flächenbrand auslösen, das Land und die Region in Chaos stürzen und dem antiwestlichen Furor neue Anhänger zutreiben. Diese Einwände waren offenkundig richtig. Doch dieser naheliegenden Frage stellt sich Berman nicht einmal. Stattdessen verliert er sich in grotesk-depressiven Schlusswendungen über das Ende der "Generation der Achtundsechziger", von denen, nachdem sie in der Irakfrage so versagt hätten, künftig niemals wieder die Rede sein werde.

Gewiss, vielen Autoren würde ein Buch wie dieses zur Ehre gereichen. Aber von Paul Berman ist man Besseres gewohnt. Vielleicht auch deshalb, weil er sich gegen die so simple wie augenfällige Einsicht sträubt, dass niemand das Programm eines militärischen Antitotalitarismus derart desavouiert hat wie jene US-Regierung, deren Irakintervention Berman unterstützte.

Robert Misik in FALTER 11/2006



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