Fuchserde

Thomas Sautner


Zartrosa bis Schwarz

Thomas Sautner entdeckt in seinem Debütroman "Fuchserde" die Welt und Lebensweisheit der Jenischen.

Wenn Robert Menasse von einem Buch behauptet, dass es "voller Weisheit, berührend, humorvoll und unglaublich spannend" sei, tut man sich schwer, etwas dagegen zu sagen. Thomas Sautner hat mit seinem Debütroman "Fuchserde" ein Buch über die Jenischen geschrieben, in dem er Historie und Faktizität mit Fiktion verquickt. Ein heute durchaus beliebtes Verfahren. Der Autor stellt dabei wie weiland Hermann Broch in den "Schlafwandlern" sachlich-informative Exkurse in die fiktive Erzählung, was dem Faktizitätsanspruch, den der Historiker Sautner zweifellos an sich stellt, gerecht wird, aber den Fluss der Erzählung stört, die wohl auch ohne solche Fußnoten ausgekommen wäre.

"Fuchserde" ist eine Familiensaga, in der Lois seinem Urenkel, dem kleinen Fuchs, die Geschichte seiner Familie und der befreundeten Zirkusfamilie Resulatti erzählt und ihn dabei, wie es bei den Jenischen Tradition ist, mittels der Geschichten und Erlebnisse der eigenen Familie in die Geheimnisse jenischer Lebenskunst einführt. Damit wird das Buch auch ein Buch über das Erzählen und seine identitätsstiftende Funktion und strapaziert einen Topos (post-)modernen Schreibens, der fast schon zu einem Gemeinplatz geworden ist.

Die einzelnen Geschichten füllen den Roman wie eine Sammlung leuchtender Murmeln, deren Farben von Zartrosa bis Schwarz reichen und unter denen sich auch Perlen wie die Geschichte der Liebe zwischen Lois und Frida finden. Erschütternd ist die Erzählung der Verhaftung der Familie Resulatti durch SS-Schergen und ihre Inhaftierung im Lager Reichenau bei Innsbruck. Einzig Peter schafft es, auf abenteuerliche Weise aus dem Lager auszubrechen und zu seiner Verlobten Maria, Lois' Tochter, zurückzukehren. Die Geschichte seiner Flucht gehört zweifellos zu den spannendsten Abschnitten des Romans. Die Welt der Jenischen in ihrer Einfachheit und Naturverbundenheit steht dabei in krassem Gegensatz zur maschinellen Tötungsindustrie der NS-Diktatur, die wie eine Heimsuchung in deren Leben einbricht.

In erster Linie aber versucht der Roman, durch die Schilderung eines archaisch anmutenden Milieus das Interesse des Lesers zu wecken - und darin liegen auch seine Schwächen. Vieles wirkt da doch idyllisiert und kitschig. Was bleibt von der Lebensform der Jenischen und von ihren Erzählungen, ist eine Liste von Lebensweisheiten, die Lois am Ende des Buches an seinen Urenkel weitergibt:

"Wenn du dich zwischen zwei Lösungen zu entscheiden hast, bedenke die dritte. / Wenn du wählst, vermeide die Dinge, die das Leben verschleißend machen. / Wenn du das Glück suchst, vergiss nicht, es wohnt nirgendwo anders als in dir und nur in dir. / Wenn du die Traurigkeit vertreiben willst, folge dem Bach, beobachte die Vögel und lausche dem Konzert des Windes. / Wenn dich dein Herz nicht loslässt, es dich drängt und dir befiehlt, folge ihm. / Wenn du verliebt bist, liebe. / Wenn du nicht mehr weißt, wohin du sollst, erinnere dich, woher du kommst."

Dergleichen Weisheiten sind in der Literatur bis hin zu Paulo Coelho häufig zu finden und vielleicht auch wahr. In der Realität scheitern sie meist an banalen Sachzwängen - und das weiß wohl auch der Autor.Schweigsame Pariser

Michael Wallner treibt einen schöngeistigen Obergefreiten in eine politisch brisante Amour fou.

Was kann einem Frühzwanziger mit frankophilem Gemüt Besseres passieren, als nach Paris versetzt zu werden, weil man dort Dolmetscher braucht? Wahrscheinlich nichts, außer man schreibt das Jahr 1943 und ist Angehöriger der Deutschen Wehrmacht. Dass er für Gestapo und SS nun Verhöre mit Gefangenen übersetzen muss, bei denen so zur Sache gegangen wird, dass die Opfer nicht bloß ihre Zähne, sondern mitunter sogar ihr Leben verlieren, nimmt der Ich-Erzähler, der Obergefreite Roth, mit stoischem Pragmatismus hin. Da ihn die Politik und damit der ganze Weltkrieg nur peripher interessieren, errichtet er einen emotionalen Schutzwall um sich, der es ihm erlaubt, seine Arbeit zu verrichten.

Nichtsdestotrotz hält es der Soldat mit der schöngeistigen Ader im zum Stabsquartier umfunktionierten Hotel zwischen forschen SS-Rottenführern, pflichtergebenen Hauptsturmführern und angesichts der vielen Uniformen und Rangabzeichen rolligen Tippfräuleins nicht mehr aus. Ihn zieht es hinaus in die Straßen, Plätze, Cafés, die Paris so zu bieten hat. Der deutsche Obergefreite Roth spaziert also aus dem Hotel, streift sich in einem Versteck einen karierten Anzug über und flaniert als "Antoine" durch die Stadt.

Dass ab nun zwei Identitäten in seinem Helden schlummern, stellt Michael Wallner plakativ klar: "Ich hatte mir vorgenommen, so wenig wie möglich zu sprechen. Monsieur Antoine aber fand das falsch. An einem Frühlingsabend fiel ein schweigsamer Pariser auf. Ringsum war man geschäftig, prahlend und jäh."

Wallners sprachliche Bilder fallen generell recht plump und klischeehaft aus: Augen sind von leuchtendem Blau, Schnurrbärte daumendick, Hände geschmeidig und nackte Frauen drall. Nicht alle freilich. Roth/Antoine verliebt sich in Chantal im reizvollen rot gepunkteten Kleid und ahnt nach ersten amourösen Avancen, dass er sich in ein Wespennest gesetzt hat: Die mysteriös-attraktive Tochter eines nicht minder geheimnisumwitterten Buchhändlers ist Mitglied der Résistance und verstrickt Roth in ein Verwirrspiel, das ihn bald auf die Probe stellt. Weil er aber die Entscheidung zwischen bedingungsloser Liebe und der persönlichen (nicht politischen) Loyalität gegenüber den Kameraden nur zögerlich fällt, fliegt er auf und landet in jenem Folterkeller, in dem er eigentlich als Dolmetsch tätig ist: "Die Behandlung der Rottenführer hatte dafür gesorgt, dass mein Kiefer seitlich herabhing. Sie hatten mir die Nase gebrochen, der schmale Rücken war jetzt ein buckliger Grat "

Dem ehemaligen Burgschauspieler, Dramaturgen und Regisseur Wallner gelingt es in seinem vierten Roman nicht annähernd, etwas von den Schmerzen zu vermitteln, die mit solch einer Behandlung verbunden sein müssen. Und die schizophrene Gratwanderung eines Wehrmachtsangehörigen, der sein vielseitiges Interesse an dem von ihm besetzten Land nicht offen ausleben kann, hätte eine sublimere Aufbereitung verdient.

Edgar Schütz in FALTER 11/2006



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