Feldstudien über ukrainischen Sex

Oksana Sabuschko


Ins Fleisch gebrannt

Wegen ihrer "Feldstudien über ukrainischen Sex" wird Oksana Sabuschko in ihrer Heimat geliebt und verachtet.

Es ist "ein ziemlich wüstes Stück Literatur" (Süddeutsche Zeitung), das die Ukrainerin Oksana Sabuschko bekannt machte. In den "Feldstudien über ukrainischen Sex", die in ihrem Entstehungsland schon vor eines Jahrzehnt erschienen sind, beschreibt Sabuschko eine von Sadismus des Mannes und Masochismus der Frau geprägte Beziehungshölle, wobei sie auch zum Thema Sex deutliche Worte findet. Die geschilderten Verhaltensweisen bringt sie mit der Geschichte der Ukraine in Verbindung, einem Landes, dessen Bürger über weite Strecken Verfolgung und Erniedrigung ausgesetzt waren. Das Ergebnis: psychisch verstümmelte Macker, die sich an den Frauen rächen; Frauen mit Helfersyndrom, bereit zur Selbsterniedrigung. Die "Feldstudien" wurden in der Ukraine einerseits zur "Bibel des Feminismus" erklärt, anderseits wurde Sabuschko angefeindet - sie habe die Interessen der Nation verraten. Das Buch machte sie auch international, vor allem im englischsprachigen Raum, bekannt, und soeben hat es der Grazer Droschl Verlag in deutscher Übersetzung herausgebracht. 2004 stellte sich Sabuschko auf die Seite der orangen Revolution von Wiktor Juschtschenko und forderte ehrliche Wahlen ein. Ihre Interviews und Veröffentlichungen dieser Zeit waren eine mutige Abrechnung mit dem korrupten Regime von Leonid Kutschma und seinem mittels Wahlbetrug vorgesehenen Nachfolger Wiktor Janukowytsch, der durch kriminelle Machenschaften und Mafiaverbindungen auffiel. Heute gilt die 45-jährige studierte Philosophin als eine der wichtigsten Autorinnen und Intellektuellen des Landes. Sie war im Rahmen des Projektes "Frauen schreiben - Positionen aus Südosteuropa", gestaltet von ISOP und dem Kulturzentrum bei den Minoriten, in Graz. Ein Gespräch über die Ukraine am Vorabend der Wahlen und darüber, wie Geschichte uns allen eingeschrieben ist.

Falter: Ihr Roman ist eine Geschichte über die Ukraine, aber auch über Beziehungen zwischen Frauen und Männern. Inwieweit kann Ihre Geschichte nur in der Ukraine, inwieweit überall spielen?

Oksana Sabuschko: Die unglückliche Liebesgeschichte, das Einandernichtverstehen - all dies ist weit davon entfernt, nur ukrainisch oder osteuropäisch zu sein.

Sie sagen, manches an den Geschlechterbeziehungen sei universell, lasse sich aber am Beispiel der Ukraine besonders drastisch zeigen. Was sehen Sie als universell, womöglich gar unveränderbar an?

Das ist ein zu großes Thema! Anatomie ist Schicksal, wurde vor langer Zeit einmal gesagt. Ich bin aber optimistisch, dass sich Dinge ändern werden. Sonst wäre ich schon tot!

In Ihrem Buch geht es stark darum, wie sich Geschichte "in Fleisch und Blut" der Menschen einschreibt ...

Ja, wir glauben, wir sind so klug und fortgeschritten, aber wir haben einige tief verwurzelte psychologische Programme in uns. Geschichte zeigt sich durch uns, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, in täglichen Gewohnheiten, in der Küche, im Bett.

Sie beschreiben die Ukraine als ein masochistisches Land. Ergebnis: sadistische Männer, masochistische Frauen. Warum sieht es genau so aus?

Natürlich ist das eine Übertreibung. Wäre es genau so, hätten die Ukrainer längst aufgehört, Kinder zu zeugen! Aber: Männer sind gegenüber Erniedrigung verletzlicher. Frauen können sich in unseren Kulturen immer in die Kinderbetreuung oder die Küche zurückziehen. Männer haben keinen solchen Rückzugsort. Und: In Diktaturen und Kriegen fallen die Männer immer als Erste, während Frauen ihre Familien und Männer schützen und den Gang des Lebens aufrechterhalten müssen. Das ist das Masochistische daran. Männer haben kaum andere Möglichkeiten, als sich an ihren Frauen und Kindern zu rächen. Und diese ungleiche Partnerschaft ist durch Geschichte gemacht.

Auch andere Länder und Gruppen haben Traumata und Erniedrigungen erlebt, etwa Juden im Holocaust. Haben sich auch Menschen mit ganz anderen Hintergründen darin wiedererkannt?

Absolut! In Israel wurde es sehr gut aufgenommen. Die Mechanismen sind überall ähnlich, auch die Auswirkungen auf die Geschlechterbeziehungen.

Hatten Sie beim Schreiben ein bestimmtes Publikum im Kopf?

Wenn ich Fiktion oder Gedichte schreibe, denke ich nicht so sehr ans Publikum. Da geht es darum, wie man die Emotionen am treffendsten ausdrücken kann. Es ist ein Schrei - und einen Schrei richtet man nicht an ein Publikum. Du schreist, weil du Schmerz spürst.

Haben Sie erwartet, dass es ein so einflussreiches feministisches Buch würde?

Ich sehe es nicht als feministischen Roman, wenn man an Feminismus als Ideologie denkt. Man kann nicht Literatur und Ideologie in einem haben. Es war ja schockierend. So viele Frauen zwischen zwanzig und sechzig sagten: Das ist meine Geschichte! Zusammenhänge wurden zum ersten Mal gezeigt, und sie bekamen erstmals einen Text in ihrer Sprache, der sie stärkte. Das freut mich.

Waren das alles ukrainische Frauen oder auch Frauen aus anderen Ländern?

Die Reaktionen waren in Polen, Ungarn und Russland ähnlich.

Nicht etwa in den USA?

Nein. Wieder anders war es in Tschechien. Dort erschien das Buch in dem Jahr, als Tschechien der EU beitrat. Und dort wurde es fast ausschließlich als Ost-West-Thema gelesen. Jede Gesellschaft bezieht sich auf die Themen, die sie am meisten beschäftigen.

Im Herbst 2004 sagten Sie, die Ukraine sei ein essenziell antikultureller Staat. Inwiefern?

Die postsowjetische Periode vom Zerfall der Sowjetunion 1991/1992 bis zur orangen Revolution war geprägt von Kontinuität. Da waren die gleichen Apparatschiks, die alte Nomenklatura an den Machthebeln. Die Ukraine dieser Zeit war eine absolut barbarische Gesellschaft. Was sich nun geändert hat, ist, dass das neue orange Team den Kontakt zur kulturellen Elite sucht, zuhört. Im letzten Jahr hat es mehr für die politische Kultur getan als das vorige Regime während der ganzen 13 Jahre.

Wenige Tage vor den Parlamentswahlen - wie ist die aktuelle Situation in der Ukraine?

Das Land steckt in einem posteuphorischen Syndrom. Zuerst war das Hochgefühl, das hat sich nun gesetzt. Wir haben den ersten Schritt zur Demokratie getan. Mit den Parlamentswahlen wird der nächste Prozess stattfinden, in dem nun erstmals demokratische politische Parteien Gestalt annehmen werden. Nicht so gut ist, dass die Parlamentswahlen so bald nach der Revolution kommen. Es ist zu früh. Die Gesellschaft bräuchte noch mehr Zeit zum Atmen.

In Weißrussland hat Diktator Alexander Lukaschenko gerade manipulierte Wahlen mit mehr als achtzig Prozent gewonnen. Ist dort die nächste Revolution möglich?

Leider nein. Das ist eine ganz andere Situation. Die starke Kraft der orangen Revolution war die Mittelklasse und die Wirtschaft. Weißrussland dagegen ist die tragischste Nation in Europa. Die haben keine Wirtschaft und keine Mittelklasse. Und Lukaschenkos Diktatur hat jeglicher Opposition nie eine Chance gelassen.

Helmut Bast in FALTER 12/2006



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